Ein eigensinniger Berner liest in Klagenfurt

Michael Fehr ist Sprachkünstler und begnadeter Performer. Der Berner nimmt am Wettlesen um den renommierten Bachmann-Preis teil, das heute beginnt.

Ein Leben im Klang: Der Berner Michael Fehr zieht mit seiner Sprachkunst sein Publikum in Bann, hier an den Solothurner Literaturtagen 2013.

Ein Leben im Klang: Der Berner Michael Fehr zieht mit seiner Sprachkunst sein Publikum in Bann, hier an den Solothurner Literaturtagen 2013.

(Bild: bm)

Marina Bolzli@Zimlisberg

Er entspricht so gar nicht dem Bild eines Autors: Michael Fehr liest nur selten Bücher – und er schreibt meistens auch gar nicht. Er diktiert dem Computer Textelemente, die er ständig verbessert, zuspitzt und neu zusammenschneidet. So funktioniert die Literatur des 32-jährigen Berners, die er bei Lesungen auf die Spitze treibt.

Dann nämlich ist er mit iPod und Kopfhörer ausgerüstet, hört seinen Tonbandaufnahmen zu, tigert im Raum herum und spricht den Text für das Publikum nach. Dadurch entsteht eine eigenartige Sprache, leicht monoton und rhythmisch schleppend, die die Zuhörer nicht mehr loslässt.

«Bräntelig» und «lützel»

Nun liest der Autor dieses Wochenende in Klagenfurt. Er ist einer von 14 Schreibenden, die zum Wettlesen um den renommierten Bachmann-Preis eingeladen sind. Fehr ist der zweitjüngste unter den Teilnehmern, die meisten Konkurrenten sind über 40 Jahre alt. Man darf gespannt sein, wie seine eigensinnige Art, mit der Sprache umzugehen, bei den Kritikern in Klagenfurt ankommen wird.

Ganz sicher werden sie sich an einigen Dialektausdrücken die Zähne ausbeissen: Michael Fehr hat nämlich eine Vorliebe für lautmalerische Mundartwörter. Bei ihm stinkt es «bräntelig», das Halstuch ist «lützel» und man «stüpft» und «brätscht». Die Dialektwörter setzt der Berner allerdings wohldosiert ein, es geht ihm um den Klang der Sprache, er seziert sie.

Sprache zum Reden

Das wirkt in gedruckter Form wie in seinem Debüt «Kurz vor der Erlösung» (2013) zuweilen sperrig und schwer zugänglich. Darum eignet sich das Werk, das aus 17 Sätzen besteht und eine Art alternative Weihnachtsgeschichte ist, nur bedingt als Bettlektüre. Man muss die Stimme des Autors schon fast im Ohr haben, damit auch das Buch einen Sog entwickeln kann.

Michael Fehr, der am Literaturinstitut in Biel und an der Hochschule der Künste in Bern studiert hat, muss das nicht kümmern. «Die Sprache ist für mich zum Reden gemacht, die Schrift ist lediglich Konserve», sagte er in einem Interview mit dem «Bund».

Das hat auch einen ganz pragmatischen Grund: Michael Fehr ist von Geburt an sehbehindert, er sieht keine scharfen Formen. So erklärt sich auch, warum ihm das Lesen schwerfällt und die mündliche Sprache ihm viel näher ist. Er lebt gewissermassen in einer Welt des Klangs.

Berner Zeitung

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt