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Die Frau im engen Korsett

Lukas Hartmann beweist sich einmal mehr als Meister des historischen Romans: In «Ein Bild von Lydia» erzählt der Berner Autor die filmreife Liebes­geschichte der Millionenerbin Lydia Welti-Escher und des Künstlers Karl Stauffer-Bern.

Millionenerbin mit Hut: Das Porträt – genannt «Die rote Lydia» – malte Karl Stauffer-Bern von seiner späteren Geliebten, Lydia Welti-Escher.
Millionenerbin mit Hut: Das Porträt – genannt «Die rote Lydia» – malte Karl Stauffer-Bern von seiner späteren Geliebten, Lydia Welti-Escher.
Gottfried Keller-Stiftung

Die Geschichte ist filmreif: Die einzige Tochter des mächtigsten Schweizers des 19. Jahrhunderts heiratet einen Bundesratssohn, dann verliebt sich die Millionenerbin in einen hitzigen Künstler, unterdrückt diese Gefühle, brennt schliesslich aber doch mit ihm durch. Worauf er ins Gefängnis und sie in die Irrenanstalt gesteckt wird. Kurz darauf bringen sich beide um. Eigentlich ein Wunder, dass nicht schon früher jemand darauf gekommen ist, diese romantische Tragödie zu erzählen.

Es ist die wahre Liebesgeschichte von Lydia Welti-Escher (1858–1891), Tochter des Gotthard-Königs Alfred Escher, und Karl Stauffer-Bern (1857–1891). Und in letzter Zeit sind gleich einige Autorinnen und Autoren darauf gekommen, sie zu erzählen: Es gab mehrere Biografien, unter anderem jene von Joseph Jung (2009). Jung hat auch das Archiv über Alfred Escher digitalisiert, sechstausend Briefe, einige auch von Lydia, können nach Stichworten durchsucht werden. Und nun gibt es zwei Romane zum Thema: Vor Jahresfrist erschien «Die Signora will allein sein» der Bernerin Stef Stauffer, morgen erscheint der Roman «Ein Bild von Lydia» von Lukas Hartmann.

«Keine Konkurrenz»

Gleich zwei Romane zur selben historischen Figur? Das sei Zufall, betont der Berner Schriftsteller Hartmann, man habe nichts voneinander gewusst. Und sagt: «Es sind zwei verschiedene Bücher, man darf sie nicht als Konkurrenz sehen.» Während Stauffer sich in die Gefühlswelt von Lydia Welti-Escher einzufühlen versucht und über grosse Strecken monologisch erzählt, beleuchtet Lukas Hartmann, der Meister des historischen Romans, die Tragödie aus Sicht des Zimmermädchens Marie Louise Gaugler.

Meister des historischen Romans: Lukas Hartmann.
Meister des historischen Romans: Lukas Hartmann.

Dieses Mädchen aus einfachen Verhältnissen, nur Luise genannt, gab es wirklich. Hartmann hat in seinen akribischen Re­cherchen erstaunlich viel über sie herausgefunden. Sie verbrachte die Kindheit mit den ausge­wanderten Eltern in Bergamo, musste nach dem Tod ihres Vaters zu Fuss mit der Mutter in die Schweiz zurück. Als 15-Jährige kam sie als Dienstmädchen ins Belvoir, den herrschaftlichen Sitz der Familie Escher in Zürich. Sie folgte ihrer Dienstherrin später nach Florenz und an den Genfersee. Dort lernte sie einen Kellner kennen, blieb aber aus Pflicht­gefühl bei Lydia Welti-Escher. Erst nach deren Tod heiratete sie den Kellner. «Die Geschichte von Luise und ihrem Kellner war wie eine Gegengeschichte mit gutem Ende, darum war ich froh», sagt Hartmann.

Luise, naiv, jung und ungebildet, versteht zuerst wenig von den Vorgängen im Belvoir. Mit der Zeit wird sie aber zur Vertrauten der unglücklichen Mil­lionenerbin. «Das ist doch faszinierend», sagt Hartmann, «wie konnten sich zwei Frauen aus so unterschiedlichen Milieus ein­ander annähern?»

«Die Geschichte von Luise und ihrem Kellner war wie eine Gegengeschichte mit gutem Ende.»

Lukas Hartmann

Auf den Gedanken, die Geschichte von Lydia Welti-Escher literarisch zu verarbeiten, kam der Schriftsteller vor gut zehn Jahren. Damals gab es im Kunstmuseum Bern eine Ausstellung zu Karl Stauffer-Bern. Für Hartmann war klar, dass er hingehen musste. Stauffers Radierungen kannte er schon seit seiner Jugend. «Ich habe als Kind gern gezeichnet, wollte dauernd meine Familienangehörigen porträtieren. Und diese wollten nie still­halten, vor allem der kleine Bruder. Ich war besessen vom Por­trätieren. Und dann bin ich auf Radierungen von Stauffer-Bern gestossen. Sie waren so un­glaublich lebendig. Schon bald ging ich in die Nationalbibliothek und lieh Kunstbände mit seinen Radierungen aus.»

Die Porträts von Stauffer-Bern interessierten den jungen Hartmann, die Biografie weniger. Das änderte sich mit der Ausstellung vor zehn ­Jahren. «Da erfuhr ich die Geschichte von Lydia Welti-Escher und Karl Stauffer. Sie faszinierte mich unheimlich. Und ich begann zu recherchieren.»

Nie pathetisch

Hartmann erzählt die Dreiecksgeschichte von Stauffer, Welti-Escher und ihrem Mann Emil Welti mitfühlend, aber nie pa­thetisch. Durch die Augen des Dienstmädchens Luise kommt man mit den ganzen Zwängen in Berührung, in denen sich Lydia Welti-Escher befand. «Lydia war im engsten Korsett. Die Frauenrolle zu jener Zeit war sehr beschränkt und definiert», sagt der 73-Jährige. «Und sie konnte nicht ausbrechen.»

Am Schluss dreht Lydia Welti-Escher den Gashahn auf. Und ­ihre treue Gefährtin Luise erbt all ihre wertvollen Kleider. Auch das ist verbürgt. «Es ist doch erstaunlich, was man in Akten alles finden kann», sagt Hartmann. Filmreif.

Lukas Hartmann:«Ein Bild von Lydia», Diogenes, 368 Seiten, erscheint morgen. Buchvernissage: heute Dienstag, 19.30 Uhr, Kunstmuseum Bern.

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