Die Entstehung der Unarten

Comic-Zeichner Ralf König geriet wegen eines Wandbilds in den Verdacht politischer Unkorrektheit. Sein neuer Band «Stehaufmännchen» zeugt vom Gegenteil.

Ein echter König in prallem Vulgärstil: Das Wandbild des deutschen Comiczeichners an einer Aussenwand des Rainbow House in Brüssel. Foto: Imago Images

Ein echter König in prallem Vulgärstil: Das Wandbild des deutschen Comiczeichners an einer Aussenwand des Rainbow House in Brüssel. Foto: Imago Images

Am besten liest man Ralf Königs «Stehaufmännchen» erst mal von hinten. Dort, auf den letzten Seiten, erschliesst sich dann nämlich, dass den deutschen Comiczeichner mit Ende 50 schon eine verfrühte, unterhaltsame Alterstrotzigkeit erfasst hat. «Ich muss nicht mehr jede Mode mitmachen!», sagt auf der letzten Seite einer von Königs ikonischen Beulennasenmännern, und dass der Autor hier selbst spricht, kann man sich zusammenreimen. Denn Ralf König war zuletzt stark damit beschäftigt, seinen derb-ledernen Humor, der spätestens seit «Der bewegte Mann» nicht mehr nur bei Schwulen, sondern fast überall gut ankam, gegen eine neuere Mode zu verteidigen: die ziemlich humorlose queere politische Korrektheit.

Seit 2015 schmückt in Brüssel eine König-Zeichnung eine Aussenwand des Rainbow House, das ist der Sitz der wallonischen und flämischen LGBTQ-Organisationen. König hatte ein Porträt der grossen bunten Regenbogenfamilie gezeichnet – verschiedene Identitäten und Hautfarben. Da ist der Lederkerl, die Muskeltunte, das Butch-Lesbenpaar, der schwule Nerd, das multiethnische Paar, einer schwarz, der andere weiss. Alle vereint durch Königs prallen Vulgärstil gezeichnet, also wirken sie etwas aufgepumpt. Irgendwann tauchte über der schwarzen Lesbe, die zum Kampf die linke Faust gehoben hat, das Wort «Racism» auf, und über die Dragqueen sprühte jemand «Transphobia». Das sind krasse Vorwürfe.

Ja, was denn nun? Wäre König noch Ralf König, wenn er queerpolitisch hundertprozentig korrekte Comics zeichnen würde – oder wie auch immer man es nennt, wenn sich nachher garantiert niemand falsch verulkt fühlt? Muss in einer Karikatur, die ihre Figuren grundsätzlich eindeutig liebevoll behandelt, nicht für alle, ungeachtet ihres Geschlechts, ihrer Hautfarbe und ihrer sexuellen Orientierung, dieselbe Humorstufe gelten? Das Thema ist anstrengend und kompliziert, und Ralf König wollte sich für seinen neuen Comic dann nicht nur anstrengen, sondern auch einfach mal geniessen: «Entspannend war wie immer das meditative Stricheln der Körperbehaarung. Ehrlich gesagt, war das sogar die Ur-Idee: irgendwas mit Haaren überall», schreibt er auf der vorletzten Seite von «Stehaufmännchen».

Der neue Frontalblick

Und was soll man sagen: Es ist gelungen. Man kann sich wahrlich weiden an den Bauch-, Brust-, Bein-, Scham- und Rückenpelzen. Inhaltlich geht es um den evolutionären Niedergang des Menschen seit seiner Aufrichtung vom Vier- zum Zweibeiner in Afrika vor etwa zwei Millionen Jahren. Der Perspektivwechsel brachte einen geänderten Blick auf die Intimzonen mit sich. Vorher, vierbeinig, schielten Männlein und Weiblein sich noch von hinten auf Hoden und Schamlippen. Der neue Frontalblick betont Penis und Brüste. König kostet dies aus, in seiner Werkstatt gehört das zur Entspannung. Überhaupt nicht entspannend ist hingegen seine Grundfrage: «Warum sind wir nach Millionen Jahren Entwicklungsgeschichte immer noch so blöd?» Es ist die Frage zur Zeit. Zum Beispiel boomt ja weiterhin der Pauschal-Ferntourismus, obwohl alle wissen, dass sie damit dem Planeten schaden.

Neckermann-Touristen

Da kommen also zwei dumme deutsche Touristen, die sich auf der Suche nach dem «Neckermann South Africa Luxury Resort» trotz GPS komplett in der südafrikanischen Savanne verirrt haben, bei den Affen an. Bei denen beginnt gerade eine Vorstellung des «Affentheaters», in das sie die zwei Menschen kurzerhand mit hineinsetzen. Das Stück spielt vor zwei Millionen Jahren und erzählt davon, wie der Mensch in der Evolution zum ersten Mal falsch abgebogen ist – sodass nun zum Beispiel, zwei Millionen Jahre später, zwei deutsche Neckermann-Touristen in Südafrika herumstolpern und die Affen nach dem Weg fragen.

Im «Affentheater» steigen zwei Affen von ihrem Baum herab, weil es ihnen oben langweilig war, und pinkeln zum ersten Mal im Stehen gegen den Baum – nicht weil das irgendwie besser oder intelligenter gewesen wäre, sondern nur, weil sie halt mal etwas «Durchgeknalltes», etwas «extrem Männliches» machen wollen. «Das ist Evolution! Das ganze Drama nur, weil Männer lieber im Stehen pullern!», sagt der Bonobo, der in der hübsch gezeichneten endlosen Weite der Savanne fassungslos danebensteht.

Ralf Königs Vorhaben, sich über den Homo sapiens aus Homo-Perspektive lustig zu machen, mag erst mal süss erscheinen, oder blöd, oder beides, oder so platt, dass es schon wieder lustig ist. Aber platt ist es gar nicht. Zum Beispiel löst König den Witz, der im Titel «Stehaufmännchen» steckt, so auf, dass der Homo erectus genau in dem Moment, in dem er sich aufrichtete, eben nicht mehr auf Männchen stehen durfte, sondern: Die Zwangsheterosexualität wurde eingeführt. Dann aber wird das Alphamännchen impotent: «Sein Pimmel baumelt den Mädchen zwischen den Schenkeln!» Ein neues Alphamännchen muss her: Erec. Ralf König hat ihn prächtigst ausgestattet. Erec verordnet: Steht auf! Macht euch die Erde untertan! Esst Fleisch! Führt Kriege! Und vor allem: «Von nun an darf jedes Männchen auf jedes Weibchen drauf!»

Es ist lustig, wie König gegen seinen Kulturpessimismus anschreibt und anzeichnet.

Doch, es ist schon ziemlich toll, in einem Comic gezeigtzu bekommen, wie gleichgeschlechtliche Freundlichkeit zwischen Menschenaffen plötzlich als dubios gilt. Eines der Männchen, Flop, hat dann beim Aufrechtgehen-Üben direkt zu viel Hüftschwung und hält die Handgelenke ein wenig angewinkelt: «Das ist nur zur Eleganz!», verteidigt sich Flop. Währenddessen beginnen die Weibchen genervt zu erzählen, dass sie, seit Erec das neue Sexregime eingeführt hat, ständig Begrapschungen von Männchen abwehren müssen, «Ich auch!», «Ich auch!».

Man wird in «Stehaufmännchen» also quasi live Zeuge der Geburtsstunde der Unterdrückung der Frau, der Homophobie und der #MeToo-Bewegung. Das ist viel, aber diese Errungenschaften der Evolution hängen ja im Kern zusammen – eine Einsicht, die man heute als «intersektional» bezeichnet. Ralf König übt sich, so gesehen, in intersektionalem Humor. Wobei der besonders lustig wird, wenn König trotzdem nicht politisch korrekt sein will.

Er lässt zum Beispiel die alte Schwulensprache, die in den 70er- und 80er-Jahren sicher mal emanzipativ war, häufig aber auch misogyn, mit der Sprache des neueren feministischen Diskurses kollidieren. Da betonen die Weibchen schon vor zwei Millionen Jahren, dass sie «Vulven» haben und keine «Jubelschwappen» (wie die Männchen immer sagen). König macht sich hier angreifbar, klar. Hey, haben wir denn nichts Besseres zu tun, als jedes Wort auf die Goldwaage zu legen?, scheint er zu fragen – was sich aus der Position des erfolgreichen weissen schwulen Mannes recht leicht sagen lässt. Aber der Wunsch, gemeinsam zu lachen, er ist da, und es ist lustig, wie König gegen seinen eigenen Kulturpessimismus anschreibt und anzeichnet.

Ralf König: Stehaufmännchen. Rowohlt-Verlag, Hamburg 2019. 192 S., circa 37 Fr.

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