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Der Virtuose an der Prosa-Orgel

«Königskinder»: Alex Capus versetzt in seinem neuen Roman ein eingeschneites Paar von einem Alpenpass mit Fantasie und Erzählkunst an den französischen Königshof.

Der Schriftsteller Alex Capus hat sein eigenes Genre geschaffen: Den historischen Roman, der auf soliden Fakten basiert. Foto: René Ruis
Der Schriftsteller Alex Capus hat sein eigenes Genre geschaffen: Den historischen Roman, der auf soliden Fakten basiert. Foto: René Ruis

Aristoteles hätte seine Freude an dieser Geschichte, beachtet sie doch seine Vorgaben, was Einheit des Ortes, der Zeit und der Handlung betrifft. Sie spielt in einer einzigen Nacht, die Max und Tina, ein etwas älteres Paar mit flüggen Kindern, in einem eingeschneiten Auto auf dem Jaunpass verbringen müssen. Unvorsichtigerweise hatten sie den Wetterumschlag ignoriert und sogar eine Absperrung umfahren. «Wir gehören zur letzten Generation, die Dummheiten machen kann», meint Max und denkt an künftig überall installierte Sicherheits-, also Kontroll- und Verbotssoftware.

Eine Nacht im Auto, das ist kein gefährliches Abenteuer, kann aber lang werden. Die drohende Langeweile vertreibt Max – wozu ist er Schriftsteller? – mit Erzählen. Was er erzählt, muss er mehr oder weniger fertig, als noch nicht niedergeschriebenen Roman, im Kopf parat haben, sonst gingen ihm die Details, die recherchierten Fakten, die ganze Dramaturgie nicht so leicht von der Zunge. Es ist eine wahre Geschichte, ihre Aufbereitung probiert Max wohl an seiner Zuhörerin Tina aus, und das Verhältnis von Stoff und Darstellung inspiriert die beiden zu geistreichen Wortwechseln über Wahrheit und Wahrscheinlichkeit und den Unterschied der beiden, ein Thema, das auch schon auf Aristoteles‘ Poetik zurückgeht.

Ein wahres Märchen

Der alte Grieche hatte postuliert, auch was wahr sei, könne für eine gute Geschichte unbrauchbar sein, wenn es nämlich nicht wahrscheinlich sei.

Und wie wahrscheinlich ist dies: dass ein Hirtenjunge aus dem Greyerzerland sich Ende des 18. Jahrhunderts in eine reiche Bauerntochter verliebt und sie trotz scheinbar unüberwindlicher Hindernisse nach mehreren Trennungen auch bekommt, wobei das Schicksal in Gestalt des französischen Königs die Hände im Spiel hat.

Es war aber genau so, Alex Capus hat fleissig in Archiven gewühlt. Jacob Buschong ist eine verbürgte Gestalt wie seine Marie. Weil deren Vater sich kategorisch gegen eine Verbindung mit dem «Hungerleider», dem «Inzestbürschchen» sperrt, geht Jacob zu den Soldaten, kehrt nach acht Jahren zurück, entführt seine Liebste in eine Melkhütte in den Bergen, verbringt einen Liebeswinter mit ihr, dann ruft ihn Ludwig XVI. nach Versailles.

Dort hat dessen Schwester Elisabeth, ein 19-jähriger Wildfang, in Montreuil bei Versailles nach halb verstandener Rousseau-Lektüre einen idealen Bauernhof eingerichtet, mit echten Schweizer Milchkühen. Sie braucht nur noch einen echten Schweizer Hirten, eben Jacob. Und als sie die Ursache von dessen Melancholie erkennt – nein, es ist nicht das berühmte «Hemvé», das alle Schweizer fern der Heimat ergreift –, lässt sie auch Marie kommen, und die beiden heiraten, menschliche Krönung der auf kleinem Raum inszenierten «besten aller Welten».

Die beiden Schweizer, die wissen, was echte Natur ist und wie hart das wahre Bauernleben, finden die Inszenierung ein bisschen lächerlich – die Prinzessin hat eine idealisierte Landschaft herrichten lassen mit Berg und Wald, Wasserfall und Liebes­grotte; aber der Brunnen führt kein Wasser, und geschlachtet werden darf auch nicht. Aber in diesem künstlichen Paradies sind sie wenigstens beisammen. Bis eine noch stärkere Kraft die absolute Herrschaft aus den Angeln hebt: das hungernde, geknechtete Volk. Die Revolution bricht aus, sie spült das Schweizer Liebespaar zurück in die Heimat, und wenn sie nicht gestorben sind . . .

Ein Märchen. Kitschverdacht!, wirft die Zuhörerin Tina ein, und natürlich ist Max – und Alex Capus, der ihn sich, wie schon im vorigen Roman «Das Leben ist gut» als Alter Ego geschaffen hat – viel zu klug, um sich auf das simple «so war es eben» zurückzuziehen. Capus hat sich ja über die Jahre ein eigenes Genre geschaffen, den auf solider Faktenbasis gebauten historischen Roman, der ebenso mit dem Stoff spielt wie mit unseren Wünschen und Vorstellungen. Er kitzelt und knetet das Bedürfnis nach wohliger Lektürehingabe, nach Lösung und Happy End und macht es uns gerade dadurch bewusst – mitsamt der Reaktion, derartiges «gehe nicht», nicht in anspruchsvoller Literatur.

Ein raffinierter Roman

Die Geschichte von Jacob und Marie schreibt sich ein in das unendliche Reservoir tragisch-dramatischer Liebesromane, bei dem äussere Kräfte dem Liebesglück entgegenwirken. Tina und Max dagegen gehören zum Storypool der modernen Ehe: Hier gilt es, die inneren Sprengsätze zu erkennen, zu vermeiden oder zu entschärfen. Dazu haben die beiden eine Kultur des spielerischen Streits entwickelt, die Capus in herzhaft-liebenswerten Dialogduellen inszeniert. Dabei geht es ums Rechthaben, um Privatspässe, aber auch ums – «der war gut» – sportliche Zugestehen, dass der andere einen Punkt gemacht hat. Und es geht immer wieder um Möglichkeiten und Grenzen des Erzählens zwischen Allmacht und Plausibilität.

Ist eine hässliche weibliche Nebenfigur schon sexistisch? Darf man zwei Pferde einfach verschwinden lassen? So die Fragen Tinas, der ersten Kritikerin, die aber auch mal einschläft oder mitten im Tiefschnee ein dringendes Bedürfnis befriedigen muss, woran Capus die diskreteste Sexszene seit Madame Bovarys Kutschfahrt anschliesst, sogar ohne «blanc», also viel­sagende Auslassung.

«Königskinder» ist ein raffinierter Roman, den man als Schmökernase geniessen kann wie auch mit tinaeskem kritischem Bewusstsein. Und Capus weiss eben, dass er seine Tina – und alle Tinas in seinem Lesepublikum – nicht bloss überzeugen, sondern mitreissen muss. So zieht er an seiner Prosa-Orgel alle Register. Schalmeiensüss, wenn er bei Jacob und Marie weilt. Scharfe Mixturen, wenn es um den nutzlosen, verblödeten Adel geht. Grosse Virtuosenstücke sind die Beschreibungen des heruntergekommenen Versailles als «gigantisches Scheisshaus» oder der Landstrasse nach Paris als Infektionsherd. Das sind Passagen, in denen Capus rhetorisch alles gibt, in denen er, bewusst oder unbewusst, den Süskind macht. Das kann er eben auch.

Alex Capus: Königskinder. Roman. Hanser, München 2018. 186 S.,ca. 32 Fr. Erscheint am Montag. Buchpremiere Dienstag, 21. August, 20 Uhr, Kaufleuten Zürich.

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