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Der ungezogene Mr. Darcy

Mit Mr. Darcy hat Jane Austen in «Stolz und Vorurteil» den Traummann schlechthin geschaffen. Eine Historikerin sagt nun: Den Mann gab es wirklich. Und anders als Mr. Darcy war dieser in einen handfesten Sex-Skandal verwickelt.

Generationen von Frauen schmolzen dahin, wenn Elizabeth und ihr Fitzwilliam Darcy sich endlich fanden. Die britische Historikerin Susan Law will nun herausgefunden haben, dass es Mr. Darcy wirklich gegeben hat. Jane Austen (1775-1817) habe ihre Romanfigur wahrscheinlich an John Parker, den Grafen von Morley, angelehnt, den Ehemann ihrer Freundin Frances Talbot.

In der Vergangenheit war auch spekuliert worden, Austens Jugendliebe Thomas Lefroy könne für Darcy Modell gestanden haben. «Aber ich bin überzeugt, dass es Morley war», sagt Law im Interview. «Ich habe viele Hinweise darauf gefunden.»

Zum Beispiel: «Er war gross, gutaussehend und ein reicher Gutsbesitzer.» Doch das seien nicht die einzigen Gemeinsamkeiten. «Auch der Graf hat sich nach dem Tod der Eltern rührend um seine kleine Schwester gekümmert - genau wie Mr. Darcy.» Ausserdem sei er - wie die Romanfigur - sehr leidenschaftlich, nach aussen aber sehr reserviert gewesen.

Als «Stolz und Vorurteil» im Jahr 1813 anonym veröffentlicht wurde, sei die zweite Frau des Grafen für die Autorin gehalten worden, so gross seien die Ähnlichkeiten zwischen ihrem Mann und der Romanfigur gewesen. Am 12. Oktober 1813 schrieb Frances in einem Brief, ihr Mann lese jetzt «Stolz und Vorurteil», nachdem er gehört habe, «wie sehr der Held ihm gleiche». Sein Urteil: «sehr authentisch».

Der «ungezogene» Mr. Darcy

Für Maureen Stiller von der Jane Austen Gesellschaft bedeutet all das noch lange nicht, dass Darcy auf Morley basiert. Sie kenne diese Indizien. Trotzdem halte sie Laws These für falsch. «Wir wissen zum Beispiel gar nicht, ob Jane Austen und Frances sich persönlich kannten.» Ausserdem habe Austen bereits 1796 mit der Arbeit an «Stolz und Vorurteil» begonnen. Und es sei unwahrscheinlich, dass sie den Grafen damals schon kannte.

Law sieht das völlig anders. «Romantisch, aber auch ein bisschen ungezogen» sei der echte Mr. Darcy gewesen, sagt sie. Doch das scheint etwas untertrieben angesichts des Sex-Skandals, in den er verwickelt war: 1804 heiratete er die 18-jährige Lady Augusta Fane - allerdings nur, weil seine Geliebte, Lady Elizabeth Monck, sich nicht von ihrem Gemahl trennen wollte.

Die Heirat mit Augusta war für ihn allerdings kein Grund, die Affäre mit ihr zu beenden oder gar von anderen Liebschaften abzusehen. Augusta wurde es irgendwann zu bunt und sie brannte mit seinem Freund Sir Arthur Padget durch. Das wollte Morley nicht auf sich sitzen lassen und er verklagte den Mann, der ihm die Ehefrau ausgespannt hatte. Vor Gericht bekam er dafür tatsächlich 10'000 Pfund - was heute 600'000 Pfund entsprechen würde.

Drei Tage nach der Scheidung heiratete Augusta Sir Arthur - und ihr Ex-Mann im gleichen Jahr Frances Talbot. Der Skandal machte Schlagzeilen und beeindruckte Austen nach Angaben Laws so sehr, dass sie ihn wohl in ihrem Roman «Mansfield Park» verarbeitete.

In Hornissennest gestochen

Law hat dem Skandal ein Kapitel in ihrem Buch «Through the Keyhole» über historische Sexskandale gewidmet. Während der Recherchen für das Buch stiess sie auch auf die Verbindung zwischen dem Grafen und Jane Austen. Sie habe eigentlich gar nicht «in ein Hornissennest stechen» wollen, sagt sie.

Aber Laws Forschungsergebnisse haben Schlagzeilen gemacht in dem Land, in dem viele Frauen sich einen «Mr. Darcy» wünschen. Colin Firth schürte die Sehnsucht noch, als er nach der BBC-Verfilmung von «Stolz und Vorurteil» gleichsam die gleiche Rolle nochmal spielte - als «Mark Darcy» in den «Bridget Jones«-Filmen.

Zeitungen wie die «Times» und der «Telegraph» berichteten entsprechend enthusiastisch über Laws Enthüllungen - zum Leidwesen der Jane Austen Society. Stiller sagt: «Jane Austen selbst hat immer gesagt, sie erschaffe ihre Charaktere - und kopiere sie nicht einfach.»

SDA/phz

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