Im Krieg sind alle gleich

In ihrem dritten Roman kehrt Melinda Nadj Abonji in das Jugoslawien von 1990 zurück. Eine Begegnung mit der Autorin, die mit ihrem letzten Roman den Deutschen und den Schweizer Buchpreis gewonnen hat.

Brilliert mit einem brutal schönen Text: Die Autorin Melinda Nadj Abonji (49).

Brilliert mit einem brutal schönen Text: Die Autorin Melinda Nadj Abonji (49).

(Bild: Severin Bigler / AZ)

Zoltán Kertész ist anders. Er ist ein Träumer. Er ist langsam. Und er ist auf den Kopf gefallen. Doch im Krieg könnte noch etwas aus ihm werden. Aber Zoltán hat nicht das Zeug zum Helden.

Noch vor dem Angriff auf Vukovar verweigert er den Dienst. Der beste Kamerad hat die letzte Marschübung nicht überlebt. Was soll Zoltán also kämpfen in diesem gnadenlosen Umfeld? Nur Hanna könnte das verstehen. Doch Hanna ist nicht da. Die kommt erst, als es zu spät ist.

Melinda Nadj Abonji kommt nicht zu spät. Mit ihr kommt ein Junge, der sich in die Bücherecke im Café verzieht. Das Leben der Autorin spielt sich eben auf verschiedenen Bühnen ab. Neben der Mutterrolle ist die Schriftstellerin auch Musikerin.

«Ich brauchte, um diese Geschichte erzählen zu können, eine männliche und eine weib­liche Figur.»Melinda Nadj Abonji

In den sieben Jahren, seit die Autorin für ihren Roman «Tauben fliegen auf» mit dem Deutschen sowie dem Schweizer Buchpreis ausgezeichnet worden ist, sind darum ganz unterschiedliche Dinge ­entstanden: ein Hörspiel etwa, ein langer Essay für einen Sammelband über Zürich vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs, ein aufwendiger Text für ein Kunstbuch über die Stadtzürcher Transitachse Weststrasse.

Mit ihrem dritten Buch «Schildkrötensoldat», das heute erscheint, hat sie bereits 2011 begonnen. «Am Anfang stand ein Dialog. Und der ­Titel. Daraus hat sich das Ganze entwickelt.»

Zwei Perspektiven

Da ist der Icherzähler Zoltán, der unmittelbar und gegenwärtig die eigene Welt und die Gescheh­nisse benennt, die sich wie zufällig daherkullernde Perlen ohne einen einzigen Zwischenraum auf den Schicksalsfaden reihen. Und da ist die Icherzählerin ­Hanna, die Jahre später in der Rückschau von diesem Jungen erzählt, dessen Welt sich in seinen Augen spiegelt und der ein Baum werden wollte, wenn er denn erwachsen wäre.

So erzählt diese Hanna von ihm, voller Wärme. Voller Unverständnis auch für die Umstände, in denen der Junge gross geworden ist. Oder ist es Melinda Nadj Abonji, die da erzählt? Ist die Autorin Hanna? «Diese Hanna ist sicher nahe bei mir. Und ich brauchte, um diese Geschichte erzählen zu können, eine männliche und eine weib­liche Figur.»

Melinda Nadj Abonji brilliert mit einem brutal schönen Text. Mit den fantastischen Schilderungen des unbeschwerten Gemüts dieses Zoltán auf der einen Seite, im Gegensatz zur nachdenklich reflektierenden Erzählung der Beobachterin, die dem absehbaren Lauf der Dinge nichts entgegenzusetzen hat. Die Verbundenheit der Autorin mit ihren Protagonisten ist spürbar. So wird ihre Geschichte berührend, manchmal fast körperlich schmerzhaft.

«Plötzlich gibt es kein Entkommen mehr, und ich muss mich in diese Schlaufen der Erzählung hineinbegeben und an die Grenzen gehen.»Melinda Nadj Abunji

Schreiben, so die Autorin, sei für sie immer mit einem Risiko verbunden. Ihre Geschichte hängt mit einem Teil ihrer persönlichen Realität zusammen, sie ist nicht Aussenstehende, wenn sie sich im Schreibprozess befindet. «Plötzlich gibt es kein Entkommen mehr, und ich muss mich in diese Schlaufen der Erzählung hineinbegeben und an die Grenzen gehen. Es geht um Leben und Tod.»

Darum geht es ganz konkret auch im Leben Zoltáns. Seine ­Eltern, der Resignation und dem Alkohol verfallen, schicken ihren einzigen und in seinem Wesen einzigartigen Sohn in die Armee. Für die Autorin als Mutter ist dies ein nicht nachvollziehbarer Vorgang.

Vielleicht sei aber gerade dies der Ausdruck der Ausweglosigkeit einer Generation, welcher die Aussicht auf ein Erfolg versprechendes Leben im Verlauf der Jugoslawienkriege abhandengekommen sei, zumal diese Menschen aus einer der untersten ­Gesellschaftsschichten stammen.

Doch die Frage, wie es möglich sei, sein Kind dem Militär zu überlassen, müsse sie unbeantwortet lassen, sagt Nadj Abonji. «Aber ich will die Normalität des Kriegs hinterfragen. Und die Tatsache, dass man in dieser Hinsicht den Tod in Kauf nimmt.»

Gegen das Vergessen

Es gibt Sätze, die empfindet Melinda Nadj Abonji als Phrasen, die man immer parat habe. Nicht um zu erklären – oder nur scheinbar –, sondern um den Fragen aus­zuweichen. «Die Wörter bewegen sich immer in dieser Ambivalenz. Sprache ist Mittel für so vieles. Für Ideologien ebenso wie für ­Poesie.»

«Ich will die Normalität des Kriegs hinterfragen. Und die Tatsache, dass man in dieser Hinsicht den Tod in Kauf nimmt.»Melinda Nadj Abunji

Gleichwohl schreibt die 49-jährige Autorin gegen das Verdrängen eines Stücks Geschichte. Ihrer Geschichte, aber auch einer sehr allgemeingültigen im Hinblick auf die vielen Konflikte überall auf der Welt. Sie schreibt, als könnte man Geschichte und Geschichten schreibend hinter sich lassen. «Man muss irgendwann zu einem Punkt kommen und den Abschluss machen können. Damit die Geschichte einen wieder loslässt.»

Die Wahrheit liege nicht auf der Hand und schon gar nicht in den Wörtern, steht da fast am Schluss. Doch macht das Lesen betroffen, dieses Geschriebene, dieses Rinnsal Sinn, das sie für ihn geschrieben hat, für diesen Zoltán und seinesgleichen. Ein Rinnsal, das nicht so schnell versickert.

Melinda Nadj Abonji:«Schildkrötensoldat», Suhrkamp, 173 S. Lesung: 13. Dezember, 20 Uhr, Buchhandlung Stauffacher, Bern.

Berner Zeitung

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