Der Sturm im Wasserglas

Ist der Buchpreis korrupt, oder sind die Literaten Mimosen? In einem neuen Wutessay wettert ­Lukas Bärfuss gegen den Schweizer Buchpreis. Wie gerechtfertigt ist das?

Wutliterat: Lukas Bärfuss (45).

Wutliterat: Lukas Bärfuss (45).

(Bild: Claudia Herzog/zvg)

Die FAZ ist sein Blatt fürs Grobe. Vor zwei Jahren holte Lukas Bärfuss in der «Frankfurter Allgemeinen» Zeitung mit seinem Wutessay «Die Schweiz ist des Wahnsinns» zu einem Rundumschlag gegen die Schweiz aus. Am Montag wetterte er in der Online-Ausgabe derselben Zeitung (Nur für Abonnenten) in pauschalem Bogen gegen den Schweizer Buchpreis.

«Die Angriffe auf Intellektuelle und auf die freie Rede haben europaweit System», schrieb er etwa. Und: «Den Buchpreis in seiner heutigen Form muss man für tot erklären.» Hört, hört. Grosse Worte. Was war passiert?

Der Schweizer Buchpreis ist eine Erfolgsgeschichte. Kein anderer Literaturpreis in der Schweiz hat eine vergleichbare Resonanz. Das sollte zum 10-Jahr-Jubiläum gefeiert werden. Doch die Feier war nicht jedermanns Ge­schmack. Fürs Rahmenprogramm war der Berner Trash­autor Matto Kämpf engagiert – in den Worten von Lukas Bärfuss «ein Grossmeister des schlechten Geschmacks». Mag sein.

Stein des Anstosses war aber vor allem eine in den Schweizer Medien schon hinreichend zitierte Podiumssequenz. Die Moderatorin des SRF-«Literaturclubs» Nicola Steiner stellte die Doppelrolle der Jurymitglieder zur Diskussion, die mit diversen Hüten im Literaturbetrieb unterwegs sind. Mit einem konkreten Beispiel hakte sie bei Kritiker und Ex-Jurymitglied Martin Ebel nach.

Das Beispiel betraf den Autor Urs Faes, der für den diesjährigen Preis erneut nominiert war. Verletzt blieb Urs Faes daraufhin der Preisverleihung am nachfolgenden Tag fern. Bärfuss gibt Faes in seinem Essay volle Rückendeckung. Das hatte er bereits bei der Preisverleihung getan, als er mit Melinda Nadj Abonji und Monique Schwitter die Bühne crashte.

In seinem Furor schwingt sich Bärfuss auf zur polemischen Anklage: Die Moderatorin ist «ignorant», der Kritiker Martin Ebel führt persönliche «Attacken», das «Staatsfernsehen zensiert», «Verbandsfunktionäre» setzen die Jury «unter Druck», nichts weniger als der «Niedergang des Literaturbetriebes einer zivilisierten Nation» steht an. Wir Literaten gegen den Rest der Welt.

Es gibt zwei Dinge zu bedenken: Der Schweizer Buchpreis ist privat finanziert, vom Branchenverband und vom Verein Literatur Basel. Erklärtes Ziel ist es, den Buchmarkt anzukurbeln. Und: Die Autoren reichen ihre Werke selber ein – es steht ihnen frei, darauf zu verzichten. Man mag Verständnis haben für Urs Faes und seine Empfindlichkeit. Schreiben ist eine einsame Tätigkeit. Das macht verletzlich. Ein Märtyrer ist er aber nicht. Wer mitmacht, muss auch einstecken können. Das ist Teil des Spiels. Es gibt andere Literaturpreise – nur haben diese weniger Resonanz.

Kein Verständnis haben muss man dafür, warum Moderatorin Nicola Steiner angegriffen wird. Sie hat den Finger auf einen wunden Punkt gelegt. Die Doppelrolle der Jurymitglieder ist ein Problem. Es hat mit der Grösse der Szene zu tun. Mit der rasanten Medienkonzentration wird es sich weiter zuspitzen.

Alles andere als die «Unschuld reinster Ignoranz», so Bärfuss, ist es, journalistisch professionell nachzuhaken und die Frage mit einem konkreten Zitat zu untermauern. Warum wird der Moderatorin das zum Vorwurf gemacht? Und warum wird der Kontext des Zitats ausgeblendet?

Die Empfindlichkeit von Urs Faes wird zum Grundsatz erhoben, an dem sich verschiedene Wortführer als Retter der Literatur aufschwingen. Die Aufregung ist die reinste Posse, in der sie in erster Linie ihre Deutungshoheit in Sachen Literatur bekräftigen. Nun also auch Lukas Bärfuss. Pikantes Detail: Der Autor war schon zweimal für den Preis nominiert, 2014 gewann er den Preis. Sein aktuelles Buch allerdings schaffte es nicht auf die Shortlist – zu Recht, es ist missglückt. Unter dem Wutessay ist es angeführt.

Wenn keine Bücher mehr gelesen werden, stirbt die Literatur auch. Allerdings hat der Schweizer Buchpreis einige wenig populäre Bücher ins Scheinwerferlicht gerückt. Unter anderem das aktuelle von Urs Faes.

Berner Zeitung

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