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Der Sprengstoff sozialer Differenzen

Hier das perfekte Paar, dort die Nanny aus der Banlieue: Leïla Slimani erzählt vom Aufeinanderprallen der Bevölkerungsschichten.

Leïla Slimani, preisgekrönt.
Leïla Slimani, preisgekrönt.
Keystone

Es hätte alles so schön sein können. Die Mittdreissiger ­Myriam und Paul haben eine Nanny für ihre beiden Kinder gefunden, die wie aus dem Bilderbuch entstiegen ist. «Keine ohne Papiere»: Das war die Bedingung, als die Kandidatinnen wie zum Casting vorgesprochen haben. Louises Arbeitsbeginn war dann wie ein Happy End.

Aber schon der erste Satz im zweiten Roman der 36-jährigen französisch-marokkanischen Autorin Leïla Slimani macht auf brutalstmögliche Weise klar, dass die Idylle in der Katastrophe endete. In einem Stakkato kurzer Sätze rollt sie vom Startpunkt eines doppelten Kindsmordes her den Fall auf.

Nicht wie in einem auf Spannung setzenden Krimi tut sie das, vielmehr legt sie den Finger in die Wunden einer spätkapitalistischen Gesellschaft mit ihren sozialen Verwahrlosungen an beiden Enden des Spektrums. Hier das Elend der bourgeoisen Bohemians: sich selbst überlassene Kinder, deren Eltern vom Ehrgeiz getrieben sind. Dort das der sozial Deklassierten in den Banlieue-Wohnburgen: Schuldenberge, Gläubiger und die Angst vorm Leben auf der Strasse.

Nerv unserer Zeit

Indem Leïla Slimani detailscharf und atmosphärisch dicht herauspräpariert, dass und warum diese Differenzen unüberwindbar sind, trifft sie einen Nerv unserer Zeit. Sie hat den Prix Goncourt empfangen für ihren in Frankreich mehr als eine halbe Million mal verkauften Roman. Selten wurde das Aufeinanderprallen dieser Bevölkerungsschichten so plausibel aus wechselnden Perspek­tiven eingekreist. So wird protokolliert, was diese Dreierkonstellation ausmacht, die rein äusserlich funktioniert.

Nur ist da diese alles durchziehende Überforderung auf beiden Seiten. Eine Dienstbotin wird wider Willen Teil der Intimsphäre Bessersituierter. Diese versuchen, sie in ihr Leben zu integrieren, lassen sie an ihren Partys teilnehmen, fahren mit ihr in den Urlaub, sind freundlich und distanzlos.

In solch kerkerhaftem Glück muss sich Louises Verunsicherung steigern. Leise Dissonanzen wachsen zu Affekten, obwohl – oder weil – beide Seiten nichts falsch machen, bis dann doch alles eskaliert. Der Weg vom Rand der Gesellschaft in deren Zentrum ist von vielen objektiven Verwerfungen verstellt, die sich steigern bis zur Tragödie. Dies gnadenlos und in verstörendem Realismus aus einer unspektakulären Normalität hergeleitet zu haben, macht diesen Roman so beängstigend wahr.

Leïla Slimani: «Dann schlaf auch du», Luchterhand. 224 Seiten.

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