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Der Bewohner der Niemandsbucht

Der österreichische Schriftsteller Peter Handke wird am 6. Dezember 75 Jahre alt. In seinem neuen Roman «Die Obstdiebin» feiert er wiederum das Erzählen selbst.

Zurückgezogenes Schriftstellerleben: Peter Handke im Dokumentarfilm «Bin im Wald. Kann sein, dass ich mich verspäte» von 2016.
Zurückgezogenes Schriftstellerleben: Peter Handke im Dokumentarfilm «Bin im Wald. Kann sein, dass ich mich verspäte» von 2016.
Keystone

Begonnen hat alles 1966 mit seinem denkwürdigen Auftritt bei der «Gruppe 47» im amerikanischen Princeton. Peter Handke, damals gerade mal 24 Jahre alt, hatte den etablierten Schriftstellerkollegen «Beschreibungsimpotenz» vorgeworfen – und die während der Tagung anwesenden Literaturkritiker als «ebenso läppisch» bezeichnet wie die Lite­ratur, die zum Vortrag gekommen war.

Handke hatte zu diesem Zeitpunkt gerade mal ein Buch vor­gelegt, den zwei Jahre zuvor im Suhrkamp-Verlag erschienenen Roman «Die Hornissen». Mit seinem Tabubruch erschütterte er die deutsche 60er-Jahre-Literatur grundlegend in ihrem res­taurativen Nachkriegsliteratur-Selbstverständnis, das noch stark von den Protagonisten Heinrich Böll, Siegfried Lenz und dem ­aufstrebenden Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki gelenkt war.

Ganz nebenbei landete er einen Coup in Sachen Selbstvermarktung. Fortan galt der medienwirksam agierende Schriftsteller als junger Wilder, der neue Töne und Themen wie Popmusik und Film in die deutschsprachige Literatur einführte.

Zwei Jahre später kam sein ­legendäres Sprechstück «Publikumsbeschimpfung» unter der Regie von Claus Peymann im Frankfurter «Theater am Turm» zur Aufführung und sorgte für einen weiteren Handke-Eklat. Zu dem Zeitpunkt war aus dem pilzköpfigen Literatur-Beatle, der bei jedem seiner öffentlichen Auftritte eine dunkle Sonnenbrille trug, längst ein ernst zu nehmender, stimmgewaltiger Autor geworden. Dieser stand für ein neues, popkulturell orientiertes Erzählen – und schlug dabei einen wunderbar amerikanischen Ton an.

Der literarische Popstar

Das Schlagwort vom «literarischen Popstar» machte fortan die Runde – und die Auflagen seiner Bücher «Die Angst des Tormanns beim Elfmeter» (1970), «Der kurze Brief zum langen Abschied» (1972) oder «Wunschloses Unglück» (ebenfalls 1972) gingen in die Hunderttausende. Handke wurde zum Helden der nachrückenden Lesergeneration – und war total angesagt.

Im Folgenden erwies sich der 1942 als Sohn einer Kärntner Slowenin und eines deutschen Bankangestellten im österreichischen Griffen geborene Schriftsteller als äusserst produktiv – und als genialer Selbstvermarkter. Er inszenierte sich in der Manier des introvertierten Dichters und legte fast zwanzig Arbeiten allein zwischen 1970 und 1980 vor: Stücke, Filmskripts und längere Prosatexte – darunter die 1978 erschienene Erzählung «Die linkshändige Frau», die später mit Bruno Ganz und Edith Clever verfilmt wurde. Mit ihr deutete sich ein Wechsel im Erzählprogramm des Autors an.

Denn Handke, der bis dato Klassiker wie Goethe, Kafka oder Gottfried Kellers Roman «Der grüne Heinrich» zu seinen Hausheiligen zählte, vollzog mit seiner aus den Büchern «Langsame Heimkehr» (1979), «Die Lehre der Sainte-Victoire» (1980), «Kindergeschichte» (1981) und «Der Chinese des Schmerzes» bestehenden Tetralogie die Abkehr vom Revoluzzer-Prosaisten hin zum geradezu klassisch an­mutenden Erzähler.

Die Auflagenzahlen seiner Arbeiten gingen darüber erkennbar zurück. Denn der neue, priesterliche Ton, den er plötzlich anschlug, erinnerte tatsächlich mehr an Adalbert Stifter und Goethe denn an den Sound von US-Bands wie Canned Heat oder Creedence Clearwater Revival, der bislang seine Bücher unterlegte.

Gegen alle Einwände aber schrieb Handke seine raumgreifende ­Privatliturgie bis heute in Form von Büchern fort, in denen das Erzählen und dessen Feier selbst an die Stelle wendungsreicher Plots traten.

So auch in seinem aktuellen Roman «Die Obstdiebin», in welchem er einmal mehr die Geschichte einer Wanderung ins «Offene» erzählt. Das Ergebnis ist ein Text, in dem es um die aufrüttelnde Wirkung eines Bienenstichs ebenso geht wie um das ­allerorts herrschende «allgemeine Stillschweigen».

Märchen aus neueren Zeiten

Wer Handkes Heldin von Chaville aus der sogenannten «Niemandsbucht», in welcher Handke an der Pariser Peripherie lebt, auf ihrer Wanderung in die ferne, als Sehnsuchtsort ausgemachte Picardie folgt, den nimmt ihr Schöpfer einmal mehr mit auf eine Reise durch seinen eigenen Denk- und Fühlkosmos.

Denn wieder versammelt er in seinem Buch all das, was schon seine früheren grossen Bewegungsbücher «Mein Jahr in der Niemandsbucht» (1994) oder «Der Bildverlust» (2002) beschworen – diesmal allerdings verdichtet in der stellvertretenden Suche seiner Protagonistin nach Halt, Erkenntnis und geglückter innerer Einkehr. Das Resultat ist ein weiteres «Märchen aus neueren Zeiten», wie nur Handke es zu schreiben vermag.

Am 6. Dezember begeht dieser seit einem halben Jahrhundert im Gewand des Schriftstellers die Welt mit Worten bereisende, erleuchtungssüchtige Mythologe seinen 75. Geburtstag. Seine kurzen, Mitte der Neunzigerjahre erschienenen «Versuche über die Müdigkeit», die «Jukebox» oder den «Geglückten Tag» zählen zum Schönsten dessen, was ihm dabei aus der Feder floss.

In ihnen ist er ganz bei sich – und der Welt. Und in ihnen kommt es zu jener vollkommenen Verschmelzung von Inhalt und Form, um derentwillen dieser Autor bis heute schreibt und schreibt. Möge er es noch lange tun!

Peter Handke: «Die Obstdiebin», Suhrkamp, 560 S. Dokfilm: «Bin im Wald. Kann sein, dass ich mich verspäte», 7. 12., 23.45 Uhr, auf SWR.

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