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«Das ist bizarr»

Patrick Modiano erhält die wichtigste literarische Auszeichnung der Welt. Nicht nur der Franzose selber ist überrascht.

«Dieses Paris hat nie aufgehört, mich zu verfolgen, und meine Bücher sind manchmal in sein verschleiertes Licht getaucht»: Patrick Modiano in Stockholm. (7. Dezember 2014)
«Dieses Paris hat nie aufgehört, mich zu verfolgen, und meine Bücher sind manchmal in sein verschleiertes Licht getaucht»: Patrick Modiano in Stockholm. (7. Dezember 2014)
AP Photo
Der Gewinner des Literaturnobelpreises 2014: Der Franzose Patrick Modiano. (7. Oktober 2003)
Der Gewinner des Literaturnobelpreises 2014: Der Franzose Patrick Modiano. (7. Oktober 2003)
AFP
Punkt 13 Uhr: Peter Englund von der Svenska Akademien vor der Verkündung des Preisträgers. (9. Oktober 2014)
Punkt 13 Uhr: Peter Englund von der Svenska Akademien vor der Verkündung des Preisträgers. (9. Oktober 2014)
AFP
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Wieder eine Überraschung: Der diesjährige Nobelpreis für Literatur geht an den international kaum bekannten französischen Schriftsteller Patrick Modiano. Das gab die Schwedische Akademie in Stockholm bekannt. Sie würdigte damit das Werk des 69 Jahre alten Autors, das sich um die Themen Erinnern, Vergessen, Schuld und Identität drehe.

Die schwedische Nobelpreis-Jury hat den diesjährigen Literaturnobelpreisträger Patrick Modiano vorab nicht erreicht. «Wir konnten noch keine Verbindung zu ihm herstellen, aber wir hoffen, ihn bald zu erreichen», sagte der Ständige Sekretär der Schwedischen Akademie.

Der Franzose schreibe «sehr elegante Bücher», die dennoch «nicht schwierig zu lesen» seien, sagte Peter Englund nach der Verkündung in Stockholm. Modiano beherrsche die Kunst der Erinnerung, mit der er die unbegreiflichsten menschlichen Schicksale wachgerufen habe.

Am Telefon konnte ihm sein Verleger Antoine Gallimard zum Literaturnobelpreis gratulieren. Der Autor sei «sehr glücklich» gewesen, habe aber «mit seiner üblichen Bescheidenheit» geantwortet: «Das ist bizarr.»

International nicht im Vordergrund

Im vergangenen Jahr war die kanadische Schriftstellerin Alice Munro mit der Auszeichnung geehrt worden, und zwar als «Meisterin der zeitgenössischen Kurzgeschichte». Im Jahr davor ging der Literaturnobelpreis an den Chinesen Mo Yan. Nun wählte die Akademie erneut einen Autor, der international bislang nicht im Vordergrund stand, wie Akademie-Sekretär Peter Englund nach der Bekanntgabe sagte.

Modiano habe etwa 30 Werke verfasst, darunter auch Kinderbücher und Drehbücher. Doch sein Hauptwerk seien die eher kurzen Romane von 130 bis 150 Seiten. In Frankreich sei er sehr bekannt, nicht aber jenseits der Grenzen. Doch sei der Autor sehr gut lesbar und verständlich.

Neues Buch kommt schneller als geplant

Nach dem Nobelpreis für den Franzosen Patrick Modiano bringt der deutsche Verlag Hanser das neue Buch des Autors schneller als geplant in die deutschsprachigen Buchhandlungen. «Gräser der Nacht» soll schon in den nächsten Tagen erhältlich sein.

«Wir werden die Auslieferung des Romans ‹Gräser der Nacht›, die für Frühjahr geplant war, vorziehen und hoffen, in den nächsten Tagen ausliefern zu können», sagte Verleger Jo Lendle am Donnerstag an der Frankfurter Buchmesse. In Frankreich erschien der Roman soeben unter dem Titel «Pour que tu ne te perdes pas dans le quartier».

Grosse Freude beim Hanser-Verlag

Die Auszeichnung war für den Hanser-Verleger eine grosse Freude, aber keine grosse Überraschung: In den vergangenen zwei Wochen sei Modiano ein heisser Kandidat gewesen, sagte Lendle. Nobelpreise seien bei Hanser sozusagen eine Tradition: «Ich weiss nicht, ob weltweit irgendein Verlag so viele Nobelpreisträger hat wie der Hanser-Verlag. Ich glaube, wir sind jetzt bei 15.»

Was den 69-Jährigen auszeichne, sei «die Kompromisslosigkeit seiner Sprache und die Schönheit seines Französischen». Besonders politisch sei er nicht. «Man kann nicht mit dem Literaturnobelpreis immer nur aktuell auf Krisensituationen reagieren. Es ist auch wichtig, dass die Literatur der Autoren, die nicht aus einem Krisengebiet kommen, gewürdigt wird.»

Dem menschenscheuen Franzosen dürfte die Nachricht vom Literaturnobelpreis nach Einschätzung seiner schwedischen Verlegerin einen gehörigen Schreck einjagen. «Ich glaube, das ist ein Schock für ihn», sagte Elisabeth Grate, die drei seiner Bücher auf Schwedisch herausgegeben hat, der Zeitung «Svenska Dagbladet» nach der Verkündung in Stockholm.

Regelmässige Spekulationen

Dem Pariser Autor war schon 1978 der prestigereiche Prix Goncourt zuerkannt worden, 2012 dann auch der Österreichische Staatspreis für Europäische Literatur. Er wurde im Juli 1945 am Stadtrand der französischen Hauptstadt geboren, also unmittelbar nach Ende des Zweiten Weltkriegs in Europa.

Sein Vater hatte jüdisch-italienische Wurzeln, seine Mutter war eine belgische Schauspielerin. Beide kamen während der Nazi-Besatzung in Paris zusammen. Diese Herkunft prägte das Werk des Autors, in dem es auch immer wieder um jüdische Identität und die NS-Verfolgung geht.

Anders als bei den Wissenschaftspreisen schiessen vor der Vergabe des Literaturnobelpreises regelmässig die Spekulationen ins Kraut. Einige Favoriten werden seit Jahren immer wieder genannt, darunter US-Altmeister Philip Roth, Rockpoet Bob Dylan, der tschechische Bestsellerautor Milan Kundera oder der Israeli Amos Oz. Bisweilen ehrt die Akademie solche grossen Namen, etwa die Britin Doris Lessing oder den Peruaner Mario Vargas Llosa. Immer wieder wählt die Akademie aber auch Autoren, die niemand wirklich auf der Liste hatte. In die Kategorie fällt zum Beispiel auch der Preis an die Österreicherin Elfriede Jelinek 2004, die nur im deutschsprachigen Raum wirklich bekannt war.

Nur zwei Schweizer Preisträger

Überreicht werden alle Nobelpreise traditionell am 10. Dezember, dem Todestag des Dynamiterfinders und Preisstifters Alfred Nobel. Im vergangenen Jahr war die kanadische Schriftstellerin Alice Munro mit der Auszeichnung geehrt worden, und zwar als «Meisterin der zeitgenössischen Kurzgeschichte». Im Jahr davor ging der Literaturnobelpreis an den Chinesen Mo Yan. Der Preis ist mit umgerechnet 1,125 Millionen Franken dotiert.

Einzige Schweizer Preisträger seit der ersten Vergabe 1901 waren Carl Spitteler 1919 und Hermann Hesse 1946; Letzterer hatte seit 1923 das Berner Bürgerrecht.

AFP/sda/AP/ajk

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