«Charlie Hebdo»-Zeichner triumphiert über die Terroristen

Nur dank einem seltsamen Zufall entging Luz dem Anschlag auf die Satirezeitschrift. Sein neuer Comic «Wir waren Charlie» ist nun ergreifend.

Traum oder Albtraum? Die Sprechblasen von Luz bleiben weiss. Foto: Reprodukt

Traum oder Albtraum? Die Sprechblasen von Luz bleiben weiss. Foto: Reprodukt

Er hat es einem seltsamen Zufall zu verdanken, dass er noch lebt. Ausgerechnet an seinem eigenen Geburtstag kam Luz zu spät zur Redaktionssitzung. Und so stand er am Morgen des 7. Januar 2015 gerade unten am Hauseingang, in der Rue Nicolas Appert, ausser Atem, als er von oben die Maschinengewehrsalven hörte, mit denen Jean Cabut und Georges Wolinski, Bernard Verlhac und Stéphane Charbonnier, seine Kollegen und Lebensfreunde, massakriert wurden.

Fünf Jahre ist das mittlerweile her. Luz zeichnete sich direkt nach dem Anschlag sein Trauma von der Seele – nein, das wäre zu einfach, er kämpfte mitten aus dem Trauma heraus mit seinem Stift dagegen an, gegen die Albträume und den Hass, gegen Angststürme und absurde Schuldgefühle, gegen die politische Vereinnahmung und die erst allmählich einsetzende, aber dann kratertiefe Trauer. «Katharsis» hiess der Band, ein schütteres, erschütterndes Buch, ein Überlebens-Stenogramm aus schwarzen Zitterzeichnungen. Es erschien im Sommer 2015, kurz danach hörte Luz auf bei «Charlie Hebdo». Er konnte nicht mehr, alles in ihm war versiegt.

Jetzt also «Wir waren Charlie». Völlig anders. Vom Stil her. Im Ton. Im Umfang. Eine 320 Seiten umfassende Graphic Novel, die im Französischen mit «Les Indélébiles» den deutlich schöneren Titel trägt: Die Unauslöschlichen. Weil er sich auf beides bezieht. Auf das zeichnerische Werk seiner ermordeten Freunde, das überdauern wird. Und darauf, dass sie ihm für immer im Gedächtnis bleiben.

«Ein Albtraum?» – «Nein ... Schlimmer ... Ein Traum ... Alles war so entsetzlich normal.»Dialog aus dem Comic «Wir waren Charlie»

Es fängt mit einem Traum an: Luz, der in die Redaktion kommt, geschäftiges Treiben, es ist Produktionstag, kurz vor Andruck, alle fragen einander im hektisch-herzlichen Durcheinander, wo Luz nur bleibt. Er setzt sich an den Rand, um seine Zeichnung fertigzukriegen. Als die vorbeihastende Sekretärin ihn ermahnt, sich zu beeilen, will er ihr antworten. Aber seine Sprechblasen bleiben weiss. Fieberhaft zeichnet er weiter, die Redaktion leert sich, man geht gemeinsam noch was trinken. Sie alle eilen an Luz vorbei, er hämmert hilflos gegen das Fenster, hinter dem er sie entschwinden sieht, dann bleibt er allein zurück mit seinem Stift. – Als er in tiefer Nacht hochschreckt, fragt seine Frau: «Ein Albtraum?» – «Nein ... Schlimmer ... Ein Traum ... Alles war so entsetzlich normal.» Er steht auf, geht zum Kühlschrank, und die Erinnerungen kommen hoch. Eine Nacht, ein ganzes Leben.

Na, ja, ein ganzes Arbeitsleben. Luz lässt im Dunkel dieser einen Nacht 23 Jahre gemeinsamen Redaktionsalltag wieder aufleben. Eine stille Gedenkfeier für einen Mann und mehrere Flaschen Bier. Die zu einer Feier der Freundschaft und des Humors wird, des Arbeitswahnsinns und der Deadlines, der herzhaften Streitereien und des tagelangen schweigenden Zeichnens.

Der Anfang: Ein schwarzer Fleck aus Ärger, Schweiss und Selbsthass

So wie in Luz' Fall alles mit einem seltsamen Zufall endete (oder eben nicht), so fing es auch an: Luz, damals noch Rénald Luzier, schüchterner Student aus Tours, wagt sich 1991 ins Getümmel von Paris, unterm Arm einen Haufen Skizzen. Er will zu «Le Monde» oder «Libération», eventuell auch zu seinen Göttern, den Zeichnern Cabu und Wolinski, die damals eine Zeitschrift mit dem Titel «La Grosse Bertha» machten.

Aber er verläuft sich ein ums andere Mal, findet weder «Le Monde» noch die Räume des «Canard enchaîné», beschimpft sich, ein winziger schwarzer Fleck aus Ärger, Schweiss und Selbsthass, mitten im Irrgarten der Grossstadt, als plötzlich eine Art Hobbit aus dem Hintergrund auftaucht, ein freundlich dreinblickender Mann mit metronomhaft pendelndem Gang und einer Frisur, als hätte er sich eine halbe Wassermelone aufgesetzt. Cabu! In Frankreich ein ähnlicher Mythos wie René Goscinny oder Sempé. Da geht er, mit Umhängetasche, in den Hamsterbacken kaut er irgendetwas vor sich hin. Luz fasst sich ein Herz, zeigt ihm mitten auf der Strasse seine Zeichnungen, Cabu schaut erst stumm, dann fängt er still an zu lachen, so eine Art Schaben aus dem Inneren seiner ausnehmend freundlichen Seele, Chüchüchü...

Derselbe Comic, anderer Stil: Luz zeichnet sich als schemenhaft verwischte Figur, die sich an früher zu erinnern versucht. Foto: Reprodukt

In den Zeichnungen, die ihn nachts zeigen, allein im Hier und Jetzt, ist Luz stets schemenhaft verwischt, wasserfarben, oft verschwimmt er an den Rändern mit der Umgebung, manchmal scheint ihn auch das tintentiefe Schwarz der Dunkelheit zu verschlucken, so als sei er selbst nicht viel mehr als ein Gespinst aus Traumresten. Sobald aber eine neue Erinnerungswelle über ihn hinweg rollt, die selbst durch so einen winzigen Gegenstand wie alte Radiergummikrümel ausgelöst werden kann, wird alles gestochen scharf und taghell: die Truppe, die ihn damals, nachdem Cabu ihn auf der Strasse aufgegabelt hatte, sofort freundlich aufnahm, am hufeisenförmigen Tisch. Riss alias Laurent Sourisseau und Catherine Meurisse, Cabu, Tignous alias Bernard Verlhac und Luz selbst, alle vertieft in ihre Arbeit. Über Seiten hinweg sieht man sie stumm zeichnen, wie Mönche beim Kopieren der Bibel. Jedes Mal, wenn einer von ihnen radiert, zittert der Tisch in Cabus Umgebung. Die anderen scheinen nichts davon mitzubekommen.

Der Anschlag wird mit keinem Wort erwähnt

Die kleine Szene feiert en passant das verschwundene Handwerk. Noch vor 20 Jahren haben sie alle mit Radiergummi, Kleber, Schere, Filzstift und Papier gearbeitet, einige Seiten später wird Meurisse erstmals ein Tablet mitbringen. Das Ganze ist aber zweitens auch als Szene eine Art Gegenentwurf zu «Katharsis», seinem Terrorband: Dort zeigte er, wie das Zeichnen aus seinem Leben verschwand, er musste danach pausieren, verstummte vorübergehend. Hier nun zeigt er, was sie 25 Jahre gemeinsam geschaffen haben, wie sie handwerklich gerungen haben. Wie zeichnet man Stacheldraht und verdammt, was sind die charakteristischen Linien im Gesicht des Schauspielers Pierre Arditi?

Drittens aber wirkt die Szene wie eine Skizze zu einem Keaton'schen Stummfilm. Wie sie alle mit versteinerter Mimik arbeiten. Die winzigen Rubbelbeben rund um Cabu. Der irgendwann mit vollendeter Freundlichkeit leisen Protest einlegt. Riss, der ab da wie ein Zerberus über sie alle wacht. Luz, der heimlich doch radiert...

Er lebt bis heute unter Polizeischutz

Luz setzt auf den 320 Seiten alle Techniken ein, die ihm zur Verfügung stehen: Aquarell und Federzeichnung, Tuscheskizze, fiese Karikatur und liebevolle Grossporträts. Im Hintergrund, durch die Gespräche und Cover der Wochenzeitschrift, rauscht französische und europäische Geschichte im Schnelldurchlauf vorbei, Präsident Jacques Chirac und Innenminister Charles Pasqua, Jugoslawienkrieg und Banlieueproteste, erstarkender Rechtspopulismus... Aber im Grunde ist dieses Buch eine Feier des Zeichenhandwerks. Auch deshalb ist Cabu der heimliche Mittelpunkt. Charb oder Tignous waren die «politischeren» Köpfe des Magazins, Cabu war der künstlerisch Vielseitigste unter ihnen, der sogar blind in seiner Manteltasche so gute Porträts zeichnen konnte, dass die anderen sie ihm aus den Händen rissen.

Am Ende dieser Erinnerungsfeier, frühmorgens, nach fünf, sechs Stunden und mindestens so vielen Bieren, geht Luz ins Bett. Gerade als er am Einschlafen ist, piept sein Tablet. Der Sänger Johnny Hallyday ist gestorben. Luz zieht sich an und geht in die Redaktion. Alle sind sie da. Cabu, Charb, Tignous, dazu Philippe Lançon. Alle, die am 7. Januar 2015 in der Redaktion waren. Irgendwann dämmert Luz, dass Hallyday ja erst drei Jahre später, im Dezember 2017, gestorben ist. Aber Cabu malt jetzt trotzdem das endgültige Cover zum Tod des Rockstars. Während die anderen allmählich verblassen und verwässern, bleiben nur Luz und Cabus Zeichnung übrig, man sieht sie nur von hinten, ein weisses Blatt, das leuchtend hell im Dunkel schwebt, der Anfang jeder kreativen Leistung. Luz lebt bis heute unter Polizeischutz, an einem geheimen Ort. «Wir waren Charlie» ist ein souveräner Triumph. Die Islamisten, der Anschlag, der Terror werden mit keinem Wort erwähnt. Die Kunst ist stärker. Unauslöschlich.

Luz: Wir waren Charlie. Aus dem Französischen von Vincent Julien Piot, Tobias Müller und Karola Bartsch. Reprodukt, Berlin 2019. 320 S., ca. 45 Fr.

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