Bigna Räubertochter

Aufgefallen: Das Buch «Prinzessin auf dem Mist. Geschichten aus dem Val Müstair» von Tim Krohn.

Eine ganz besondere Stimmung schaffen in dem Bändchen die Farbstift- und Rötelzeichnungen der deutschen Illustratorin Jacky Gleich.

Eine ganz besondere Stimmung schaffen in dem Bändchen die Farbstift- und Rötelzeichnungen der deutschen Illustratorin Jacky Gleich.

(Bild: PD)

Tina Uhlmann

Winter im Bergtal. Da wird in dem kleinen Dorfalles noch ein bisschen enger. Doch Bigna, gerade mal fünf Jahre alt, weiss sich die Welt weit zu machen. An der Wärme bei den Kühen in Nachbars Stall lernt sie mithilfe des Besamungskalenders lesen: «Optimale Fresslust und Fruchtbarkeit mit UFA-Mineralsalz von Ihrer landwirtschaftlichen Genossenschaft.»

Stolz buchstabiert sie die Wörter dem Schriftsteller vor, der aus dem Unterland zugezogen ist und sich gern mit ihr unterhält. Natürlich bietet er Bigna sogleich passendere Lektüre an, nämlich die Bilderbücher seiner eigenen Kinder. Aber Bigna studiert lieber die Eiskristalle am Stallfenster, in denen sie die Seelen der verblühten Sommerblumen erkennt, und sagt: «Ich brauche keine Bücher.»

Trotzdem oder gerade deswegen gibt es nun ein Buch über Bigna. Tim Krohn, der Schriftsteller, der vor fünf Jahren aus Zürich ins bündnerische Münstertal gezogen ist, hat seine Begegnungen mit dem fiktiven Dorfmädchen für das Kirchenblatt «Reformiert» in Kolumnen gefasst. Unter dem Titel «Prinzessin auf dem Mist. Geschichten aus dem Val Müstair» sind nun 13 davon im Berner Kwasi-Verlag erschienen – nebst der deutschen auch in der romanischen Ausgabe «Princessa sülla grascha».

Eine ganz besondere Stimmung schaffen in dem Bändchen die Farbstift- und Rötelzeichnungen der deutschen Illustratorin Jacky Gleich (die ihrerseits in die Schweizer Voralpen gezogen ist). Sie hat Bigna ein Gesicht gegeben, das Bände spricht. Skeptisch nimmt das Mädchen die Erwachsenen in den Blick – mit Kindern scheint sie kaum zu tun zu haben.

Möglicherweise ist ihr Dorf wie so viele Bergdörfer von Abwanderung betroffen, und es gibt immer weniger junge Familien dort. Umso liebevoller wendet sich Bigna den Tieren zu, der toten Spinne etwa, die der Schriftsteller mit dem Hausschuh erschlagen hat. Zur Strafe, verfügt das Mädchen, müsse er selber zehnmal als Spinne wiedergeboren und erschlagen werden.

Bald ist Weihnachten. Wie wohl Bigna mit ihrer tüchtigen, alleinerziehenden Mutter feiern wird? Die beiden werden im Dorf schon etwas schief angesehen. Doch ganz in der Tradition eigenständiger Mädchenfiguren wie Pippi Langstrumpf oder Ronja Räubertochter weiss Bigna bereits, dass ihr das herzlich egal sein kann.

Wenn sie Lust hat, feiert sie sogar im Sommer Weihnachten. Zieht im Garten der Schriftstellerfamilie ein totes Tännchen aus dem Igelhaufen, schmückt es mit Gurkenschalen, Fenchelkraut und Rhabarberfäden vom Kompost und singt laut «Auda not, soncha not» («Stille Nacht, heilige Nacht»).

Etwas irritiert meint der Schriftsteller, dass zu Weihnachten doch Kerzen, Stille und Schnee gehörten. Nachsichtig verweist Bigna auf die Australier, die an Weihnachten auch keinen Schnee hätten. «Hast du ein Feuerzeug?», fragt sie so pragmatisch wie abenteuerlustig, «dann zünden wir jetzt den Baum an».

Tim Krohn, Jacky Gleich: «Prinzessin auf dem Mist», Kwasi-Verlag, 2019. 62 S., ca. 15 Fr.

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