Auf dem Holzweg

Der US-Romancier Richard Powers porträtiert in seinem neuen Roman «Die Wurzeln des Lebens» Waldschützer und schwärmt von der Gemeinschaft der Bäume als der besseren Zivilisation.

Mammutbäume spielen in «Die Wurzeln des Lebens» eine zentrale Rolle. Foto: Getty Images / National Geographic

Mammutbäume spielen in «Die Wurzeln des Lebens» eine zentrale Rolle. Foto: Getty Images / National Geographic

Martin Ebel@tagesanzeiger

Der Kampf um den Hambacher Forst im westdeutschen Braunkohlegebiet hat die Öffentlichkeit bewegt. Gerade hat ein Gericht die Abholzung vorläufig unterbunden; der Wald, der 12000 Jahre gebraucht hat, um zu werden, was er ist, darf erst einmal weiterleben.

Der Kampf der Waldschützer würde Richard Powers gefallen. Der neue Roman des amerikanischen Romanciers stand auf der Shortlist für den Man-Booker-Preis; deshalb (und wegen des Hambacher Forsts) hat der S.-Fischer-Verlag das Erscheinen der deutschen Übersetzung vorgezogen. Denn «Die Wurzeln des Lebens» sind ein Hohelied auf Bäume und Wälder, ein Menetekel für eine Menschheit, die um eines kurzfristigen Nutzens willen ihren grössten Schatz verschleudert, ausserdem ein Heldenlied auf neun tapfere Bürger, die sich um diesen Schatz sorgen und ihn zu schützen suchen.

Vom Computer zur Natur

Bäume sind in. «Das Leben der Bäume» des Försters Peter Wohlleben steht seit drei Jahren auf der Bestsellerliste. Nun, Baumbücher lesen und zum Waldenthusiasten werden ist leicht, die Konsequenzen daraus ziehen eine ganz andere Sache. Dieses Dilemmas ist sich Powers bewusst, er inkorporiert es sogarin sein Werk.

«Das Leben hat so viel mehr Gesichter, und die Welt scheitert, gerade weil es keinem Roman gelingt, das Ringen um die Welt so interessant zu machen wie das Ringen zwischen ein paar verlorenen Menschen.» Das sagt Ray, eine der neun Hauptfiguren im Buch, ein ehemaliger Patentanwalt, der nach einem Schlaganfall gelähmt im Bett liegt und sich von seiner Frau Dorothy die Weltliteratur vorlesen lässt. Bis beide immer stärker von demabgelenkt werden, was sich draussen in ihrem Garten tut.

Richard Powers, ein Mann mit einer einschüchternden Bildung, schreibt seit dreissig Jahren dicke Romane, die meist zwei Wissenschaften oder Wissensgebiete miteinander kombinieren. Im «Echo der Erinnerung» etwa waren es Hirnforschung und der Schutz der heimischen Vogelwelt, in «Orfeo» die Entwicklung der modernen Kunstmusik und Genetik.

Auch «Die Wurzeln des Lebens» stellt dem Thema der bedrohten Wälder ein zweites gegenüber, verkörpert durch den querschnittgelähmten Inder Neelay, der mit «Mastery» einZivilisationscomputerspiel erfunden hat. Neelay, der nerdmässig von Bits und Bytes, Pizza und Cracker lebt, erlebt eine Art Epiphanie, als er bei einer Ausfahrt in den Campus von Stanford in den Dunstkreis von Bäumen gerät.

Wie ein grünes Loch

Dunstkreis ist wörtlich zu nehmen: Bäume senden Duftstoffe aus, Signale untereinander, aber auch ätherische Öle, die dem Menschen wohltun. Neelay inspirieren sie, das Spiel der Wirklichkeit anzupassen, die digital geschaffene zweite Welt ebenfalls mit begrenzten Ressourcen und unbegrenztem Wachstum kämpfen zu lassen, in der Hoffnung, die Gamer kämen auf Auswege, die die Menschen in ihrer «kognitiven Blindheit» nicht finden (wollen).

Jede der neun Figuren hat ihr Baumerlebnis im Roman, und so zieht das Baumthema alles an sich wie ein gigantisches grünes Loch. Selbst die Struktur desBuches ist ihm geschuldet; die Grosskapitel heissen «Wurzeln», «Stamm», «Krone» und «Samen». Im ersten Teil laufen die Biografien der Hauptpersonen aufeinander zu, bis sie sich im «Stamm» zu einem gemeinsamen Anliegen erheben und sich hoch oben in den Ästen der Krone wieder verzweigen.

Das gemeinsame Anliegen ist der Kampf um die Mammutbäume im Nordwesten Amerikas, über 1000 Jahre alte Riesen, die gefällt und zu Holz verarbeitet werden sollen im Auftrag eines «Finanzhais aus Texas, der niein seinem Leben Mammutbäume erblickt hat, sie aber allesamt abschlachten will, um damit den Kredit abzubezahlen, den er aufgenommen hat, um sie zu erwerben». 

Zu den Baumschützern gehört Douglas Pavlicek, der jahrelang Baumschösslinge gepflanzt hat, bis er begriff, dass man ihn reingelegt hatte: Durch die Pflanzaktion hatte die Holzfirma die Schlagquote ausgewachsener Bäume erhöhen dürfen. Dann Adam, ein Psychologieprofessor, der darüber forscht, warum «die Menschen das Offensichtliche nicht sehen», nämlich dass sie die eigenen Lebensgrundlagen zerstören. Die Abholzung der Wälder, so ergänzt Powers, trage mehr zum Treibhauseffekt bei als der gesamte Verkehr auf der Welt.

Leben in 60 Metern Höhe

Den höchsten Einsatz wagen Nick und Olivia. Nick ist der Nachfahre eines norwegischen Immigranten, der mitten in Iowa eine Kastanie gepflanzt und ihr Wachsen allmonatlich am selben Tag durch Fotografien dokumentiert hat, eine Aufgabe, die spätere Generationen übernommen haben. Ururenkel Nick verfügt so über Hunderte von Fotos, die, wenn er sie wie in einem Daumenkino durch die Finger rattern lässt, die Entwicklung der Kastanie im Schnelldurchlauf sichtbar machen. Ein bestechender Einfall Powers’, der gewissermassen die Baumzeit in Menschenzeit übersetzt.

Olivia wiederum, eine flippige Studentin, überlebt einen Stromschlag durch eine defekte Zimmerlampe und lebt fortan in einer anderen Dimension, in der ihr Geister Nachrichten zuflüstern. Auf Geheiss dieser Geister besteigt sie mit Nick einen der bedrohten Mammutbäume und richtet sich in 60 Metern Höhe ein Lager ein, um die Fällung zu verhindern.

Das Mass der Dinge ist nicht der Mensch, sondern der Baum.

Hier befinden wir uns botanisch in der Krone, literarisch aber im Kern des Buches. Mimas – die Baumpersönlichkeit hat auch einen Namen – beherbergt Nick und Olivia fast ein Jahr. In luftiger Höhe finden sie eine ganze Welt vor: Es wachsen Heidelbeeren, in Wassertümpeln schwimmen Fische. Die Baumbesetzer leben dort «in einem Rhythmus, der keinen Rhythmus hat». Ihnen geht konkret auf, was Powers ansonsten einer anderen Figur in den Mund gelegt hat, der exzentrischen Zoologin Patricia Westerford, die als Erste entdeckt hat, dass Bäume miteinander kommunizieren. Dass sie «einander heilen». Dass sie das, was sie produzieren, mit ihrer Umgebung teilen.

Powers, ganz von der Zoologin angesteckt, die er erfunden hat, entwirft mit dem Wald eine Gegenzivilisation, eine Ökonomie der Freigiebigkeit, die auf Nachhaltigkeit setzt und in Jahrtausenden denkt. Das Mass der Dinge ist nicht der Mensch, sondern der Baum, Wälder sollten Vorbilder für menschliche Gemeinschaften sein. Der Begriff «Natur» sollte nicht mit dem Tierreich verbunden sein, dem Fressen-und-gefressen-Werden, sondern mit dem Pflanzenreich: friedliche Koexistenz, Geben und Nehmen, sogar über den Tod hinaus, denn ein toter Baum dient wiederum unzähligen anderen Lebewesen als Nahrung und Wohnstatt. 

Helden bleiben blass

Die Schwärmerei läuft Gefahr, in Esoterik abzugleiten; und Powers, bei aller Beschreibungsgrandiosität, die man immer wieder findet, entgeht dieser Gefahr nicht.

«Die Wurzeln des Lebens» könnte durchaus zu jenen Büchern gehören, nach deren Lektüre mancher sein Leben ändert. Es ist indes ein Roman und kein Traktat. Und Romane handeln von Menschen, nicht von der Menschheit, auch die Natur liefert keine literaturfähigen Helden. Die menschlichen Helden bleiben blass in diesem Buch, schon weil sie die Guten sind und die anderen die Bösen, sie die Wissenden und die anderen die Ignoranten: Eine solche klare Aufteilung ist nie gut für die Literatur.

Auch die Spannung, die Powers durchaus gekonnt schürt bei einigen Schlachten zwischen Waldschützern, Holzarbeitern und der Polizei, verfliegt schnell. Denn keine dieser Schlachten kann gewonnen werden, und selbst wenn: Das grosse Spiel ist schon entschieden, die Sache ist verloren, die Menschheit hat dafür optiert, sich zugrunde zu richten. Daran besteht für den Romancier kein Zweifel.

Die daraus entspringende Melancholie legt sich über den Roman wie ein Grauschleier. Dass nach Massstab der Bäume die Zeit der Menschen nur eine Episode sein wird, ist kein Trost.Powers’ Weg zum Baum mag der rechte sein – literarisch ist es ein Holzweg.

Am 5. 11. liest Richard Powers im Zürcher Kaufleuten aus seinem Roman. 

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