Warten in der Endlosschleife

Gleich zweimal bietet sich in Bern die Möglichkeit, den eigenen Geduldsfaden zu strapazieren: Videokunst.ch zeigt im Progr und im Bienzgut eine Arbeit des Künstlerlabels Com & Com.

Com?&?Com: Marcus Gossolt und Johannes Hedinger (rechts).

Com?&?Com: Marcus Gossolt und Johannes Hedinger (rechts). Bild: Iris Andermatt

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Dank dem Smartphone ist Warten heute wieder weitverbreitet. Warten beim Einloggen, warten beim Laden, warten beim Senden. Für das Warten vor den Bildschirmen wurde eigens eine Symbolsprache entwickelt. Ganz früher waren es um die eigene Achse rotierende Schrägstriche, dann kam das Stundenglas, seit je ein Zeichen für die Vergänglichkeit der Zeit. Heute wird vielerorts vor dem «Loading Wheel» gewartet. Meistens nur ein paar wenige Sekunden, manchmal auch etwas länger.

Die Videoarbeit «Zen for Internet» (2014) des Künstlerlabels Com & Com lässt endlos lange auf sich warten. Vor einem hellen Hintergrund verfärben sich die kreisförmig angelegten Balken bald hellgrau, bald dunkelgrau, bald schwarz, um gleich darauf wieder zu erhellen. Das «Loading Wheel» scheint sich dabei zu ­drehen. Diese Bewegung täuscht aber darüber hinweg, dass hier gar nichts passiert. Erwartungsvoll dürfte manch ein Betrachter dieses Werks auf dasjenige warten, was geladen wird. Doch er wird vergebens warten. Die Endlosschleife verschwindet nicht. Ihr scheinbar vorübergehender Zustand ist dauerhaft.

Ohne Staub anzusetzen

Seit 1997 arbeiten die in St. Gallen geborenen Künstler Marcus Gossolt und Johannes Hedinger zusammen. Mit dem von ihnen im selben Jahr gegründeten Label Com & Com waren sie 2001 an der Biennale in Venedig präsent und bestritten 2010 eine Einzelausstellung im Kunsthaus Pasquart in Biel. «Zen for Internet» ist eine zeitgenössische Interpretation des historischen Werks «Zen for Film» (1962–1964) des ame­rikanischen Videokunstpioniers Nam June Paik. Dieser liess einen unbelichteten Filmstreifen in einer Endlosschleife durch den Projektor laufen. Je länger die Vorführung dauerte, desto mehr Staub sammelte sich darauf an und wurde auf die Leinwand projiziert. Einen Film gab es hier aber nicht zu sehen. Das Bild blieb weiss und leer.

In «Zen for Internet» ist die weisse Hintergrundfarbe noch immer da. Der Rest des Werks ist aber Teil des digitalen Zeitalters. Das «Loading Wheel» dreht sich in HD-Qualität und ohne Schmutz anzusetzen. Die beiden Künstler haben «Zen for Internet» auch im Internet zugänglich gemacht (www.zen-net.org) und eine stillgelegte Variante auf ­T-Shirts oder Tragtaschen drucken lassen. Dort prangt das ­allgegenwärtige Wartezeichen als Markenlabel, und es verschwimmt nicht nur die Grenze zwischen Stillstand und Bewegung, sondern auch jene zwischen Alltagsobjekt und Kunst.


Ausstellung: bis zum 2.7. in der Ausstellungszone des Progr und bis zum 17.8. im Videofenster Bienzgut. Mehr Infos auf www.videokunst.ch
(Berner Zeitung)

Erstellt: 01.06.2016, 06:30 Uhr

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