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35 Franken pro MonatDiesen Schuh kann man nur mieten

Alte Laufschuhe werden üblicherweise weggeworfen. Nun präsentieren die Schweizer von On eine Alternative: Der Cyclon kann recycelt und wiederverwendet werden. Er wird nicht verkauft, sondern vermietet.

Den Cyclon von On besitzt man nicht mehr, man mietet ihn – für 35 Franken pro Monat.
Den Cyclon von On besitzt man nicht mehr, man mietet ihn – für 35 Franken pro Monat.
Foto: On

Geringes Selbstvertrauen hat die On-Gründer noch nie geplagt. Darum kündigt Mitbesitzer Caspar Coppetti die aktuellste Innovation mit breiter Brust an: «Cyclon ist unser bisher ambitioniertestes Projekt: ein sehr leichter Laufschuh, der mehrheitlich aus pflanzlichen Materialien besteht und vollständig recycelt wird.»

Coppetti behauptet gar: Die Konkurrenten würden wegen des neusten On-Laufschuhs leer schlucken. Muss man daran erinnern, dass On erst vor 10 Jahren gegründet wurde und trotz ständigem Wachstum im Vergleich mit den Riesen wie Nike oder Adidas noch immer ein Kleiner ist?

Von der Bohne zum Laufschuh.
Video: On

Aber die Zürcher haben in diesen Jahren derart viel globalen Zuspruch erfahren, dass sie selbst Covid-19 beim Zulegen von Marktanteilen nicht bremste. Und wo die Bäume nun einmal hoch in den Himmel wachsen, lässt sich gross denken. Darum sagt der quirlige Produktentwickler aus dem Innovationsteam von On, Nils Altrogge, man habe eines der grössten Prestigeprojekte der Laufschuhbranche umgesetzt: einen Schuh, den man nach dem Ende seiner Tragzeit nicht wegwerfe, sondern wieder und wieder verwenden könne.

Der Star: Die Rizinusbohne

Wenn die On-Crew von ihrem neusten Projekt erzählt, das so geheim war, dass bloss ein kleiner Kreis der Firma involviert war, wird klar: Sie ist sehr, sehr zufrieden mit dem Resultat. Wobei Coppetti eines zu Beginn des Gesprächs wichtig ist. Um «greenwashing» handle es sich dabei nicht, sagt er. «In unseren Schuhen verwenden wir bereits 60 Prozent rezykliertes Polyester.»

Man wolle im Gegenteil zeigen, dass sich Nachhaltigkeit und Leistung keineswegs ausschliessen würden. Herausgekommen ist ein Schuh, der insgesamt zu mehr als 50 Prozent aus der Rizinusbohne besteht (Obermaterial, siehe Video), also auf einem erneuerbaren Material fusst. Die Sohle ist aus herkömmlichem (Erdöl-)Material. Altrogge und das Entwicklungsteam arbeiten intensiv daran, bis zur Auslieferung des Schuhs davon wegzukommen.

Für ihn bestand die Herausforderung darin, ein so komplex gebautes Utensil wie einen Laufschuh enorm zu verschlanken. Im Schnitt besteht ein On-Laufschuh aus 100 Teilen. Das neue Modell umfasst weniger als acht Teile und muss dabei so unterschiedliche Funktionen wie Stretch (im Vorderfussbereich) oder Halt (Ferse) im gleichen Teil vereinen.

Zur Besonderheit des Schuhs zählt, dass das Obermaterial aus einem Stück genäht ist – und der Schuh als Ganzes in seinen Ursprung zurückgeführt werden kann: zu kleinen Kügelchen aus Polyamid (Kunststoff). Beim Besuch im Labor von On liegen sie in kleinen Schälchen vor dem Gast.

«Wir haben schon auch ein bisschen Schiss.»

On-Mitbesitzer Caspar Coppetti

Dieses Material fliesst dann in den nächsten Cyclon – und wenn er zurückgegeben wird, in den nächsten. Wann ein Schuh als verbraucht gilt, entscheidet im Prinzip der Kunde. On rechnet damit, dass ein Cyclon circa alle 6 bis 9 Monate ersetzt wird.

Das Clevere am Ansatz: On produziert mit diesem Laufschuh keinen Abfall – und das Material hat weiter einen Wert. Darum sagt Coppetti: «Es ist doch eigentlich verrückt, dass Laufschuhe bislang nach dem Ende ihrer Tragzeit einfach weggeworfen werden und damit Wert vernichtet wird.»

Das On-Team will davon wegkommen und hofft, mit dem Cyclon mehr als nur dem Zeitgeist zu entsprechen. Coppetti hat mit seinen Mitstreitern die Firma konsequent auf Nachhaltigkeit getrimmt. Er kann sich gar vorstellen, die ganze Palette an Schuhen und Kleidern radikal anzupassen und damit das zirkuläre System des Cyclon zu übernehmen. Nur: Will die (On-)Kundschaft diesen Paradigmenwechsel wirklich?

Adidas nur mässig erfolgreich

Coppetti sagt, dass Nachhaltigkeit zu den Top-3-Themen bei den Kundenanfragen zählten und er wie seine Kollegen darum zuversichtlich seien. Ganz aber traut er der Innovation dann doch noch nicht, schliesslich sagt er: «Wir haben schon auch ein bisschen Schiss vor dem eigenen Mut.»

Immerhin zeigte der Versuch von Adidas, dass eine gute Idee keineswegs auch sofort enormen Anklang finden muss. Vor rund einem Jahr lancierten die Deutschen einen ebenfalls komplett recycelbaren Laufschuh, der jedoch aus Erdöl oder Erdgas besteht. Weil nur eine geringe Zahl der Schuhe zurück zu Adidas kam, liess sich der Kreislauf schlecht schliessen.

Die Projekte der Konkurrenten:

Der Recycelbare von Adidas.
Der Recycelbare von Adidas.
Foto: Adidas
Der Nachhaltige von Salomon.
Der Nachhaltige von Salomon.
Foto: Salomon
Der Biologische von Veja.
Der Biologische von Veja.
Foto: Veja
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On will dieses Problem lösen, indem es den Cyclon im Abo anbietet. Man kann den Schuh also nicht mehr kaufen, sondern bloss noch mieten. Vorbilder von On sind diesbezüglich Spotify oder Netflix. 35 Franken wird das On-Abo pro Monat kosten, es ist ab sofort lösbar. Die ersten Schuhe sollen in der zweiten Hälfte 2021 ausgeliefert werden.

Dass On schon jetzt an die Öffentlichkeit gelangt, hat mit der Konkurrenz zu tun: Viele Laufschuhmarken arbeiten zurzeit an nachhaltigen Schuhen. Es geht dabei nicht primär um biologische Produkte, sondern den geschlossenen Kreislauf und damit den Versuch, den Fussabdruck so gering wie möglich zu halten.

Zuletzt stellte Salomon vor zwei Wochen einen recycelbaren Laufschuh vor. Er ist wie der Cyclon weiss, weil die Schuhe unbehandelt und ungefärbt sind. Damit fällt ein wesentliches Unterscheidungsmerkmal weg, versucht doch fast jeder Hersteller, mit auffallenden Farben zu punkten.

30’000 Abos als Ziel

Ohnehin gründet der Versuch von On und Mitstreitern, grüner zu produzieren, auf einer kurzen, aber intensiven jüngeren Innovationsphase. Zu den führenden Kräften zählt die Marke Brooks aus den USA, die ihre Produkte schon seit dem vergangenen Jahrzehnt biologischer baut.

Mit dem hippen Sneaker-Hersteller Veja mischt seit einem Jahr auch ein Branchenverwandter mit, der seine Schuhe konsequent in der biologisch-nachhaltigen Nische positioniert. Der Condor war der erste Versuch der Franzosen, von Erdölprodukten wegzukommen und stark mit Abfallprodukten von Reis, Bananen oder Zuckerrohr zu arbeiten. Die Schweizer sind nun die Ersten, die den kompletten Kreislauf beachten.

Der Cyclon-Prototyp wird in den nächsten Wochen intensiv getestet und allenfalls angepasst. Mitgründer Coppetti hofft, bis Ende 2020 dann 30’000 Abos abgeschlossen zu haben, was ungefähr 60’000 Paar Schuhen entspräche – oder dem Gewicht weggeworfener herkömmlicher On von circa 12 Tonnen.

«60000 Paar im ersten Jahr, das wäre mehr, als einige der heutigen Bestseller beim Start geschafft haben», sagt Coppetti und lässt durchblicken, dass er auf eine deutlich höhere Zahl hofft. Wie viele Schuhe On insgesamt verkauft, will er nicht verraten. Denn so selbstbewusst On auftritt, bei Zahlen wird die Firma rasch schweizerisch still.