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Forscher warnen Jetzt droht die Borkenkäfer-Plage

Trockenheit, Stürme und nun Corona – ideale Bedingungen für die Vermehrung des gefürchteten Insekts. Experten rechnen mit Rekordmengen an krankem Holz.

Der Buchdrucker, auch Fichten-Borkenkäfer genannt, durchläuft seine Entwicklung unter der Rinde.
Der Buchdrucker, auch Fichten-Borkenkäfer genannt, durchläuft seine Entwicklung unter der Rinde.
Foto: Imago Images/Blickwinkel

Eigentlich ist der fünf Millimeter grosse, zu den Borkenkäfern gehörende Buchdrucker nicht immer schlecht für den Wald. Denn er befällt in der Regel nur frisch abgestorbene, stark geschwächte oder alte Bäume und ist somit Teil eines gut funktionierenden Ökosystems. Zum einen bietet das Totholz dann lange Zeit anderen Gliederfüssern sowie auch Pilzen Lebensraum. Und zum anderen siedeln sich in der Baumlücke später von ganz allein Pionierpflanzen oder eine andere Baumart an. So weit, so gut.

Doch 2019 gab es den drittheissesten Sommer seit Messbeginn, sodass vielerorts in der Schweiz vor allem Fichten stark unter Wassermangel und Stress litten. In solchen Extremfällen fehlt den Bäumen die Kraft, sich gegen die angreifenden Käfer zur Wehr zu setzen und die entstehenden Löcher durch Harzfluss schnell zu verschliessen. Mit der Folge, dass sich kurz darauf direkt in der Rindenschicht unter der Borke jedes Männchen gleich mit zwei bis drei Weibchen in den zuvor angelegten Rammelkammern paart und 7 bis 13 Wochen nach der Ablage der Eier die Jungkäfer schlüpfen.

23’000 Käfer pro Falle

«Dieses Jahr wird es mindestens so schlimm wie die letzten zwei Jahre», sagt Martin Bader von der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL). Denn die Voraussetzungen sind momentan optimal für den Buchdrucker, wie die Karte der aktuellen Käferentwicklung zeigt. Das liegt daran, dass 2018 bereits das wärmste Jahr seit dem Messbeginn von 1864 war und darauf dann 2019 auch noch das fünftwärmste Jahr folgte. Deshalb konnte sich die Population der Buchdrucker auch im vergangenen Jahr nochmals explosionsartig vermehren.

Nach Angaben der WSL gab es 2019 den zweithöchsten je registrierten Buchdruckerbefall in der Schweiz. In insgesamt 1615 Lockstofffallen aus 22 Kantonen wurden rund 37 Millionen Käfer gezählt, im Durchschnitt 23’000 pro Falle. Dies ist der höchste Wert seit dem Hitzesommer 2003. Damals wurden im Vergleich zwar 800 Käfer weniger pro Falle festgestellt, dafür aber knapp 2000 Befallsherde mehr. Da es sich dabei jeweils um Käfernester mit bis zu einigen Dutzend befallenen Bäumen handelt, kam es damals zum bisher höchsten Schaden seit 1998.

«Um dies zu verhindern, müssen neu befallene Fichten rechtzeitig, also noch bevor die nächste Käfergeneration ausfliegt, gefällt und entrindet werden, was derzeit nicht immer der Fall ist», erklärt Bader. Bei einer hohen Populationsdichte können die Waldbewohner im Nu ganze Gebiete verwüsten. Gemäss der WSL verzeichneten 2019 alle Kantone der Alpennordseite, mit Ausnahme des Kantons Zug, im Vergleich zum Vorjahr eine bis zu 18-fache Zunahme an Käferholz.

Aus den Alpen wurde ein ähnlicher Trend gemeldet, während sich die Situation auf der Alpensüdseite aufgrund der Wetterbedingungen wieder etwas erholte. Schweizweit gab es 2019 rund 1,4 Millionen Kubikmeter Käferholz. Dieses würde nach Auskunft der Lehmann Holzwerk AG rund 50’000 Lastwagen füllen, die hintereinander eine Strecke von 750 Kilometer einnehmen würden.

Der diesjährige Wärmerekord des Winters führte zum Überleben besonders vieler Käfer.

Dieses Jahr sieht es erneut danach aus, dass die Buchdrucker ideale Brutbedingungen für ihre zwei bis drei Generationen vorfinden werden und es deshalb – jedoch noch abhängig vom weiteren Wetterverlauf – vermutlich zu einer noch grösseren Massenvermehrung als 2019 kommen wird. Denn der diesjährige Wärmerekord des Winters führte zum Überleben besonders vieler Käfer. Aber auch heftige Stürme wie etwa Sabine haben nach Angaben des Bundesamts für Umwelt (Bafu) lokal in den Kantonen Zürich, Bern und Luzern Schäden angerichtet, sodass die Käfer das dort noch nicht weggeräumte Sturmholz besiedeln können.

Die Larven fressen sich quer zum Hauptgang durch den Rindenbast. Bis zu ihrer Verpuppung häuten sie sich dreimal.
Die Larven fressen sich quer zum Hauptgang durch den Rindenbast. Bis zu ihrer Verpuppung häuten sie sich dreimal.
Foto: Imago Images/Imagebroker

Sinkende Preise für Käferholz

Doch damit nicht genug: Der Lockdown durch die Corona-Krise hat das Problem auf dem Schweizer Holzmarkt nochmals verschärft. Der Markt ist derzeit auch im nahen Ausland wie Deutschland und Österreich mit Käferholz übersättigt. «Das Holz verlor dadurch zunehmend an Wert, zum Teil um die Hälfte des Preises», sagt Urban Brütsch, Vizedirektor von Wald Schweiz, dem Verband der Waldeigentümer. Die Kosten der reinen Holzernte seien mit dem durchschnittlichen Erlös für Käferholz von rund 30 bis 40 Franken pro Kubikmeter nicht mehr gedeckt. 2018 und 2019 habe man noch viel Schadholz nach China exportieren können, wo es unter anderem zum Bau von Möbeln genutzt worden sei. Dies sei 2020 wohl noch schwieriger, da die Preise weiter sinken würden.

«Oft lässt man es entrindet im Wald liegen.»

Urban Brütsch, Vizedirektor von Wald Schweiz

Weil in vielen Sägereien der Schweiz die Lager von früher noch voll sind, haben diese nun die Verarbeitungskapazitäten reduziert und manchmal sogar einen Annahmestopp für Käferholz ausgesprochen. Doch wohin mit dem Käferholz? «Oft lässt man es entrindet im Wald liegen», sagt Brütsch. Grundsätzlich sei dies aber nicht gut, weil ein wertvoller, einheimischer Rohstoff nicht verarbeitet werde. Da die langfristigen Wetterprognosen für diesen Sommer wenig Niederschlag und hohe Temperaturen voraussagten, verschärfe sich der Konflikt noch weiter. Es lasse sich also nicht Gutes erahnen.

Seit Mitte April fliegen die Käfer der letzten Generation des vergangenen Jahres, die irgendwo in einem Stamm oder in der Bodenstreu überwinterten, inzwischen in Scharen umher. Viele von ihnen haben sich längst auch schon durch eine Rinde gebohrt und dort Eier abgelegt, sodass die Larvenentwicklung voll im Gang ist. «Es kann sein, dass die Eltern nach einem Regenerationsfrass dann noch ein zweites Mal losziehen, um an einem anderen Ort eine Geschwisterbrut zu starten», sagt Bader. Solche Käfernester entstünden dann meist in der Nähe, innerhalb eines Umkreises von etwa 500 Metern.

6 Kommentare
    Adriano

    Genauer betrachtet liegen die Ursachen noch wesentlich tiefer. Und es ist schon sehr vereinfachend wiedereinmal dem Klimawandel die Schuld zu geben.

    Jahrzehntelang hat der Forst mit einer verfehlen und nur auf schnellen Profit ausgerichteten Pflanzstrategie auf Monokulturen mit schnellwachsenden Weichhölzern (Kiefern) gesetzt. Hat unaufgeräumte Wälder nach dem chaotischen Holzschlag zurückgelassen und reibt sich jetzt verwundert die Augen, wenn die Natur zurückschlägt. Wäre statt Profitier in der Waldwirtschaft mehr Rücksicht auf natürlich durchmischte Wälder gelegt worden wäre die Käferkatastrophe vermeidbar gewesen.