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Eine Rechnung gibt es für 1.10 FrankenJapans Schüler können ihre Hausaufgaben outsourcen

Professionelle Agenturen erledigen die Hausaufgaben von Schülern. Inklusive Handschrift-Imitation, damit nichts auffällt.

Ab nach Hause, aber nicht an die Hausaufgaben: Japanische Buben machen sich in Funabashi im Osten Tokios nach dem Unterricht auf den Heimweg.
Ab nach Hause, aber nicht an die Hausaufgaben: Japanische Buben machen sich in Funabashi im Osten Tokios nach dem Unterricht auf den Heimweg.
Foto: Kim Kyung-Hoon (Reuters)

Japans Hausaufgaben-Industrie war sich immer sicher, nichts Unrechtes zu tun. Seit über fünf Jahren übernehmen Firmen wie Genius Assist oder Kagemusha die Schularbeiten gestresster Jugendlicher. Mit Skrupeln ginge das nicht.

Trotzdem dürften die Betreiber froh gewesen sein, als Rechtsanwalt Makoto Okubo aus Sapporo neulich auf der Anwaltsplattform Bengoshi.com rechtliche Bedenken gegen ihre Tätigkeit zerstreute: Ein Aufsatz oder eine Schreibübung seien keine Dokumente, die für irgendetwas qualifizieren. Für Okubo greift der Vorwurf der Fälschung deshalb so wenig wie der des Betrugs. Den Schulen entstehe kein Nachteil. Und die Eltern würden schon gar nicht getäuscht – die buchen die Hausaufgaben-Profis für ihre Kinder schliesslich. Alles sauber also.

Die Hausaufgaben-Agenturen stehen in der Tradition dieser Vertreterdienste, durch welche die Menschen in Japan so gut wie jedes private Problem outsourcen können. Mit Firmen wie Genius Assist oder Kagemusha reagierten smarte Bildungsbeobachter einst auf den Umstand, dass viele Schulen die Jugendlichen tatsächlich mit sehr vielen Hausaufgaben in die Ferien schicken. Sie stellten Studierende als Problemlöser an und entwickelten Preislisten für jede Not.

400 Zeichen Textanalyse kosten gut 30 Franken

Ein Primarschüler bekommt heute zum Beispiel gelöste Aufgaben in Japanisch, Mathe oder Sachkunde zum Stückpreis von 100 Yen (1.10 Franken). Textanalysen gibt es für 3000 Yen pro 400 Zeichen – inklusive Handschrift-Imitation, damit nicht auffällt, dass der Text nicht von einem Zehnjährigen stammt, sondern von einem bezahlten Hausaufgaben-Macher.

Die Debatte um Moral und Sinn gekaufter Hausaufgaben lebte wegen der Pandemie wieder auf. Die Sommerferien waren kürzer als sonst, um den Unterrichtsausfall wettzumachen. Der Stress stieg. Der Sender TBS berichtete und liess die Kundin einer Hausaufgaben-Agentur zu Wort kommen. «Meine Tochter ist in den Sommerferien mit Gesangsunterricht beschäftigt.» Sie habe ihr die Hausaufgaben spendiert, damit das Kind sich besser konzentrieren könne. Ein klassischer Fall.

Bildungsminister nicht begeistert

Das Bildungsministerium in Tokio ist nicht begeistert. Längst hat es den Schulterschluss mit Bestellplattformen gesucht, über die man online die Hausaufgaben-Agenturen buchen konnte. Diese machten mit und strichen die Angebote. Die Regierung selbst gelobte, darüber zu informieren, «wie wichtig es ist, die Hausaufgaben selber zu machen».

Immer wieder das gleiche Schriftzeichen über Seiten hinweg: Viele Schulen schicken die Jugendlichen mit sehr vielen Hausaufgaben in die Ferien.
Immer wieder das gleiche Schriftzeichen über Seiten hinweg: Viele Schulen schicken die Jugendlichen mit sehr vielen Hausaufgaben in die Ferien.
Foto: Carl Court (Getty)

Ist es wirklich so wichtig? Die Meinungen gehen auseinander. Vor allem Schreibübungen stehen in der Kritik, bei denen die Schülerinnen und Schüler über viele Seiten hinweg immer das gleiche Schriftzeichen zeichnen müssen. Und klar ist auch: Weniger Hausaufgaben würden helfen im Kampf gegen das kommerzielle Schulaufsatzschreiben.

4 Kommentare
    Tofa Tula

    Früh übt sich, wer ein Meister werden will. Wir hinken wieder hinterher, holen es aber später beim Kauf von Doktorarbeiten wieder auf. Interessant ist auch, dass während man bei uns diskutiert, ob und wie man zur Schule gehen soll, verkürzt man in Japan die Schulferien.