Zum Hauptinhalt springen

Neues Hightech-Zentrum In diesem 50-Millionen-Bau hält die Swiss ihre Crews fit

Aussen der Charme einer Lagerhalle, innen zerschnittene Linienflugzeuge und riesige Simulatoren: Besuch im neuen Lufthansa Aviation Training in Opfikon, der modernsten Anlage dieser Art.

Ein Ungetüm von einem Flugsimulator: Hier üben die Piloten das Fliegen unter Einwirkung realer Kräfte.
Ein Ungetüm von einem Flugsimulator: Hier üben die Piloten das Fliegen unter Einwirkung realer Kräfte.
Foto: Sabina Bobst

Im Industriegebiet von Opfikon, wenige Hundert Meter südlich vom Flughafen Zürich, steht im Moment wohl das Sinnbild für den grössten Widerspruch, den es innerhalb der riesigen, von der Corona-Krise so schlimm gebeutelten Lufthansa-Gruppe gibt. Während die Airlines um ihr Überleben kämpfen und das Personal leidet, ist hier Aufbruchstimmung zu spüren. Denn das Gebäude ist neu. Es ist erst seit Januar in Betrieb.

Den grauen Klotz, 120 Meter lang, 50 Meter breit, würde man für eine Lagerhalle halten, wäre er nicht mit Lufthansa Aviation Training (kurz LAT) angeschrieben. Benutzt wird er vor allem von den Fluggesellschaften Swiss und Edelweiss, die dem deutschen Luftfahrtkonzern gehören.

135 Festangestellte arbeiten hier bloss, doch im Jahr nehmen sie sich 12’000 Flight Attendants und Piloten an. Die Airlines bilden hier ihre Leute aus, und sie schicken sie alle paar Monate für die nötige Auffrischung der Sicherheitsprozeduren hierher. Die Flieger selbst mögen wegen Corona zu weiten Teilen am Boden bleiben, aber repetiert wird immer.

Alles unter einem Dach

«Es ist das modernste Crew-Ausbildungszentrum der Welt», greift David Birrer, der Leiter des Zentrums, zum Superlativ, als er eine Gruppe Journalisten begrüsst. 50 Millionen Franken hat das neue Gebäude gekostet. Geld, das lange vor der Krise gesprochen wurde, als die Lufthansa noch viel davon hatte und Swiss und Edelweiss einen grossen Teil dazu beitrugen.

Hinzu kommen Simulatoren und Flugzeugattrappen im Wert von weiteren Dutzenden Millionen. Sie wurden vom vorherigen Standort, abrissreifen Gebäuden aus den Sechzigerjahren in Kloten, auf komplizierten Sondertransporten hergekarrt. Das Spezielle am neuen Grossbau: Jetzt ist alles unter einem Dach – Piloten und Cabin Crews begegnen sich auf den Gängen. «So fällt es leichter, sich kennen und vertrauen zu lernen, gemeinsame Übungen zu machen», sagt Birrer. Das sei wichtig für sichere Abläufe im Flugzeug.

Realistisch üben: Die Mock-ups eines A220 (vorn) und eines A330.
Realistisch üben: Die Mock-ups eines A220 (vorn) und eines A330.
Foto: Sabina Bobst
Charme einer Lagerhalle, der Inhalt ist dafür umso unterhaltsamer: Das Lufthansa Aviation Training in Opfikon ZH.
Charme einer Lagerhalle, der Inhalt ist dafür umso unterhaltsamer: Das Lufthansa Aviation Training in Opfikon ZH.
Foto: Sabina Bobst
In der Hoffnung, dass sie es nie im Echtfall anwenden müssen: Übung des Verlassens eines A220 über die Notrutsche.
In der Hoffnung, dass sie es nie im Echtfall anwenden müssen: Übung des Verlassens eines A220 über die Notrutsche.
Foto: Sabina Bobst
1 / 5

«Eigentlich wollten wir hier Anfang Juli eine grosse Eröffnungsparty mit Tausenden Menschen schmeissen», so Birrer. Stattdessen spricht er nun bloss vor einer Gruppe Journalisten, die in Businessclass-Sesseln vor ihm sitzen. Hier üben angehende Flugbegleiter normalerweise den Service. Zum Beispiel, wie man Geschäftsreisenden den Wein richtig einschenkt und gleichzeitig nicht einem anderen Passagier beim Bücken den Hintern zu nahe ins Gesicht streckt.

Bloss muss das im Moment gar niemand lernen, schliesslich haben die Airlines im Moment sowieso zu viel Personal. Darum wurde im März die Ausbildung für Flugbegleiterinnen unterbrochen und ein Einstellungsstopp verfügt.

Für Piloten und Pilotinnen in spe, bei denen die Lage vertrackter ist, dauert die Ausbildung mit drei Jahren deutlich länger: Vielleicht hat die Swiss den Nachwuchs schon bald wieder nötig. Die Ausbildung von zweihundert Cockpit-Aspiranten wurde wegen Corona abgesagt oder unterbrochen. Wann und in welchem Ausmass sie wiederkommen dürfen, wird in den nächsten zwei Wochen entschieden.

Weil die Crews all dies für die jeweiligen Flugzeugtypen, für die sie lizenziert sind, können müssen, stehen hier eine Boeing 777 und die Airbus-Modelle A220, A320 und A330 auf engstem Raum nebeneinander.

Intensiv genutzt werden dagegen die Flugzeugattrappen: Einmal im Jahr muss jede und jeder Flight Attendant gemäss den Bestimmungen der Europäischen Flugsicherheitsbehörde Easa das richtige Verhalten in Notfällen trainieren, zum Beispiel für den Fall einer Notwasserung. Und wie: «Emergency – Open Seat Belt – Evacuate!», schreit ein Flight Attendant, in der Kabine dröhnt das Alarmsignal.

Solche Szenarien üben die Flight Attendants, bis sie jeden Handgriff im Schlaf können. Innert 90 Sekunden muss ein Flieger evakuiert werden. Das wird mit der Stechuhr gemessen, immer und immer wieder.

Mock-ups nennen die Aviatiker die bis zu 20 Meter langen Übungsattrappen, die so aussehen, als seien Flugzeuge so auseinandergesägt worden, dass nur noch ein Teil des Rumpfs übrig ist. Tatsächlich wurden sie aus Ersatzteilen so zusammengebaut, dass genau das drin ist, was zum Üben von Notfällen nötig ist: ein paar Sitzreihen, der Eingangsbereich, Notausgänge.

Echtes Cockpit, echtes Feeling: Andreas Boner, Leiter des Pilotentrainings der Swiss, im Simulator.
Echtes Cockpit, echtes Feeling: Andreas Boner, Leiter des Pilotentrainings der Swiss, im Simulator.
Foto: Sabina Bobst

Weil die Crews all dies für die jeweiligen Flugzeugtypen, für die sie lizenziert sind, können müssen, stehen hier eine Boeing 777 und die Airbus-Modelle A220, A320 und A330 auf engstem Raum nebeneinander. Das sind alle Flugzeugfamilien, mit denen Swiss und Edelweiss fliegen.

15 Tonnen schwer, 12 Millionen teuer

Ganz ähnlich verhält sich die Situation bei den Piloten – bloss ist hier alles ein ganzes Stück teurer. Für alle vier von der Swiss geflogenen Flugzeugfamilien steht in den riesigen Hallen des LAT ein solches Ungetüm von einem Flugsimulator: Bis zu 15 Tonnen schwer ist so einer, 8 Meter hoch und im Schnitt 12 Millionen Franken teuer. Die elektrisch betriebenen Beine und Drehelemente simulieren die G-Kräfte, die auf einen Piloten wirken.

Auch hier läuft im Moment viel: Da viele Piloten die von der Easa zur Lizenzerhaltung geforderten Starts und Landungen im echten Flugzeug nicht fliegen können, machen sie das hier.

Zur Show simuliert Andreas Boner, Leiter des Pilotentrainings der Swiss, für die Journalisten einen Anflug in einem A320 auf den Flughafen Zürich. Linkerhand schimmert blau der Pfäffikersee, geradeaus ist gut die anzufliegende Piste 28 zu erkennen. Volle Konzentration – auch im Simulator will sich keiner einen Fehler erlauben. Hier, gefühlt hoch über dem Zürcher Oberland, ist die schlimmste Krise der Luftfahrtgeschichte weit weg.

8 Kommentare
    Hans R. Vogel

    Die Ungeduld ist keine Frechheit, es ist legitim das bezahlte Flugticket rückerstatten zu lassen. Bei der Buchung verlangt die Airline auch sofortige Bezahlung auch wenn der Flug erst in Monaten stattfindet. Zudem besteht ein Transportvertrag zwischen der Airline und des Pax, welcher beidseitig einzuhalten ist. Somit steht die Airline in der Pflicht, das Geld den Pax innert angemessener Frist (normalerweise 14 Tagen) auch wieder gutzuschreiben. Mit Gutscheinen ist es nicht getan.