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«In än Ruuusch inäspilä, Guys!»

Eine MySports-Crew begleitete den HC Davos durch die Saison. Entstanden ist eine 80-minütige, eindrückliche TV-Doku ohne Happy-End.

Raeto Raffainer blickt in betretene Mienen, als er in der HCD-Kabine das Unvermeidliche verkündet: «Allright guys. Shutdown of the league. No more games.» Die Spieler hatten es kommen sehen, und doch tut es weh, als es tatsächlich so ist. Andres Ambühl beisst sich auf die Lippen, andere blicken ins Leere, als ihnen der Sportchef dankt für ihren Einsatz. «Das ist definitiv eine Saison, an die wir uns erinnern werden», sagt der Schwede Magnus Nygren. «Aber nicht mit einem breiten Lächeln auf den Lippen, sondern mit gemischten Gefühlen.»

Ja, die erste Saison in der Ära nach Arno Del Curto war eine spezielle beim HCD. Nicht nur wegen des abrupten Endes aufgrund des Coronavirus. Eine Crew von MySports begleitete die Davoser bis zum Abbruch, die 80-minütige Doku wird heute auf dem Gratiskanal «MySportsOne» ab 21.30 Uhr ausgestrahlt. Federführend waren Dokumentarfilmer Marin Masafret, bekannt als früherer SRF-Moderator, und Produzent Sven Schoch. Die beiden hatten nicht das Glück von Riccardo Signorell, der Mathias Seger 2018 in seinem letzten Playoff filmte und den Meistertitel erlebte. der Blick hinter die HCD-Kulissen ist aber auch ohne sportliche Krönung sehr spannend.

Ein magischer Ort im Schweizer Eishockey: das Davoser Eisstadion. Foto: Keystone
Ein magischer Ort im Schweizer Eishockey: das Davoser Eisstadion. Foto: Keystone

Die HCD-Verantwortlichen hatten schon Tamedia-Reporter Kristian Kapp eine Woche am Tagesgeschehen teilnehmen lassen. In seiner vierteiligen Serie zeigt dieser auf, wie viele Räder ineinander greifen müssen, dass ein Team funktioniert. Die MySports-Doku setzt auf starke Bilder und Protagonisten. Der neue Headcoach Christian Wohlwend, Raffainer und Abwehranker Nygren führen durch die Saison. Die prominentesten Nebenrollen spielen Ambühl, der mit der Klarheit seiner Gedanken punktet, und Dino Wieser, der verzweifelt um seine Gesundheit und den Anschluss kämpft.

Apropos Wieser und Ambühl: Die beiden machen keinen Hehl daraus, dass ihnen nach all den Jahren unter Del Curto nach etwas Neuem zumute war. Wohlwend und Raffainer erweisen dem sechsfachen Meistercoach aber den gebührenden Respekt. Die beiden Engadiner entpuppen sich ohnehin als Glücksfälle für die Doku. Tritt der Sportchef punkto Diktion und Mimik gegenüber dem Team wie gegenüber der Kamera stets überzeugend auf, lässt Wohlwend seinen Emotionen freien Lauf. Mal zeigt er in der Kabine sein komödiantisches Talent, mal tritt er aufbrausend und verärgert auf.

Immer mit vollem Einsatz dabei: HCD-Coach Christian Wohlwend. Foto:  Keystone
Immer mit vollem Einsatz dabei: HCD-Coach Christian Wohlwend. Foto: Keystone

In Ermangelung eines Playoff und einer richtigen Krise wird der Cupfinal zum sportlichen Kulminationspunkt. Die Davoser laufen gegen Swiss-League-Club Ajoie von Beginn weg hinterher, Wohlwend versucht sein Team in den Pausen anzustachleln. Nach 40 Minuten setzt er zu einer zweisprachigen Rede an: «Guys, now I wanna see every player outwork them like a maniac. In än Ruuusch inäspilä, Guys! Mir händ 20 Minutä Ziit, um zwei Gool z’schüsse. And don’t go fucking anymore for these hits. Go to the puck, bring the puck to the net. I wanna see everybody believe, that we win!» Dennoch reicht es nicht zum Sieg, Ajoie gewinnt 7:3.

Wohlwend ist nicht beleidigend wie Washingtons früherer Coach Bruce Boudreau, der in seiner legendären Rede für die Winter Classic 2011 in 90 Sekunden 15-Mal das F-Wort benützte. Aber in seinen Kabinenansprachen ist der Engadiner doch sehr direkt. Man fragt sich bei solchen Szenen, wie schnell er sich in Davos abnützen wird. Doch er beherrscht auch die leisen Töne, kramt einige Tage nach dem verlorenen Cupfinal die Silbermedaille hervor, hängt sie um seinen Hals und philosophiert darüber, dass eben alles im Leben zwei Seiten habe wie eine Medaille. Er sei trotzdem stolz.

Gerne hätte man gesehen, wie sich diese Mannschaft im Playoff geschlagen hätte. Doch am Schluss der Reise des HCD in dieser Saison steht die Leere. Ein paar Umarmungen, dann packt jeder seine Siebensachen und macht sich davon, um sich in diesen ungewissen Zeiten der Familie zu widmen. Die Kamera folgt Andres Ambühl, der, gezeichnet von über 1500 Spielen, nicht mehr ganz rund läuft. Er verlässt die Halle und macht sich davon in den Schnee. Wie ein Westernheld, der in den Sonnenuntergang reitet.