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Sommerserie: Darf man das? (6)Im geleasten Sportwagen mit offenem Fenster laut Gölä hören?

Die Sittenpolizei markiert heute Präsenz im öffentlichen Raum und ist in Bezug auf Lärmbelästigung ordentlich zerstritten.

«Vergässe, was isch gscheh, yeah!»: Wie viel Schall verträgt die Umwelt?
«Vergässe, was isch gscheh, yeah!»: Wie viel Schall verträgt die Umwelt?
Foto: Getty Images

Darf man im geleasten Sportwagen mit offenen Fenstern laut Gölä hören?

mfe: Unbedingt, ich würde es sogar als geradezu subversiven Akt bezeichnen. Eigentlich scheint mir per se affig, mit offenen Fenstern irgendwas laut zu hören. Warum auch? Damit der Schalldruck besser auszuhalten ist? Dazu im teuren Auto. So eines hat ja in der Regel den Zweck, auf den Status des Fahrers aufmerksam zu machen. Laute Musik unterstreicht die Status-Prahlerei, weil jeder hinschaut. Aber: Laute Büezer-Romantik-Schlager bringen totale Verwirrung, untergraben das Posieren ungemein und sind somit zu begrüssen.

akn: Musik mit menschenverachtenden Texten zu hören, ist generell recht geschmacklos. Hören Sie doch Lo & Leduc oder Patent Ochsner, wenn Sie auf Berner Mainstream-Pop stehen.

mjc: Gegenfrage: Ist es besser, wenn man im neuen, bar bezahlten Mercedes auf höchster Lautstärke «La Traviata» hört? Das ist doch beides einerlei. Wenn es Spass macht, dann los.

Darf man mit der Boombox seine Umgebung beschallen?

mjc: Nein. Weil es rücksichtslos ist.

mfe: Weil ich fürchte, dass sonst eines Tages mein jugendliches Ich aus der Zeitmaschine steigen könnte, um mich ordentlich zu ohrfeigen, sage ich: Ja, man darf. Der Umgebung seine Musik aufzuzwingen, gehört irgendwie zum Erwachsenwerden. Früher gab es keine Boomboxes, dafür Ghettoblaster (mit Batterien, jede so gross wie eine Boombox), und das Ritual war dasselbe. Wir hörten Musik, und die Leute, die an uns vorbeigingen, schüttelten den Kopf, wegen der Qualität und/oder der Lautstärke der Musik. Wer über 18 die Umgebung beschallt, ist allerdings peinlich.

akn: Team mjc. Es nervt einfach.

Darf man fremde Kinder zurechtweisen?

mjc: Ja. Unbedingt. Wenn das Kind zum Beispiel im Kino auf seinem Sitz herumhopst, ist es sinnvoll, ihm zu sagen, dass dies stört. Aber: Man sollte auch die nötige Coolness bewahren. Das Kind macht es nicht, um Sie zu ärgern. Und die Eltern sind auch nicht zu blöd, um auf das Kind aufzupassen, sondern vielleicht beansprucht gerade das dreijährige Geschwister ihre volle Aufmerksamkeit. Viel schlimmer, als einem Kind nett zu erklären, dass man etwas nicht besonders mag, ist es im Übrigen, den Eltern einen Vortrag über richtige Erziehung zu halten. Das kommt nie gut an.

mfe: Man kann bisweilen nicht anders, aber grundsätzlich gilt: Mischen Sie sich nicht dauernd ein. Es geht doch im Kern meist darum, die Eltern des Kindes zurechtzuweisen – weil jeder zu wissen glaubt, wie man es besser machen würde mit der Kindererziehung. Letzthin hat die Dreijährige eine riesige Tobsuchtsszene auf die Marziliwiese gelegt, die sich zugegebenermassen etwas in die Länge zog. Ich blieb äusserlich ruhig, bis sich ein braungebrannter Jungpensionär vor uns aufbaute. Er winkte wie ein Verkehrspolizist und fand, wir sollen das Bad jetzt verlassen, schliesslich sei Sonntag, wir würden seine Erholung beeinträchtigen. Wir waren sehr schnell beim Du, und es wurde laut. Es tut mir noch immer leid, dass ich ihm allerlei sehr, wirklich sehr beleidigende Wörter an den Kopf geworfen habe. Aber hey: Lassen Sie die Leute in Frieden, wenn sie Ihren Frieden nicht böswillig stören, das gilt auch für Kinder. Man beweist noch lange nicht Zivilcourage, wenn man andere tadelt.

akn: Muss man manchmal. Auch wenn es natürlich schön wäre, wenn die Eltern diesen Job selbst erledigen würden.