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Im Alpenreich der Berner Patrizier

Weil sich gutes Geld verdienen liess, entdeckten die Berner Burgerfamilien die Oberemmentaler Alpen als Kapitalanlage. Der Boom aus den Jahren nach 1700 hinterlässt bis heute Spuren.

Hinter dem Restaurant Gabelspitz auf dem Schallenberg geht es zur gleichnamigen Alp. Sie gehört noch immer einer Burgerfamilie.
Hinter dem Restaurant Gabelspitz auf dem Schallenberg geht es zur gleichnamigen Alp. Sie gehört noch immer einer Burgerfamilie.
Christian Pfander

Die Töfffahrer lieben ihn genauso wie die Ausflügler, die im Auto oder Car von Thun in die Innerschweiz unterwegs sind. Auf dem Bergrücken zwischen der Oberei und Schangnau gelegen, bietet der Schallenberg für viele aus dem Unterland das erste Passerlebnis auf der Reise in die Berge. Dank der Haarnadelkurven, die auf der ausgebauten Strasse gut zu befahren sind. Und dank des Restaurants auf der Passhöhe, dessen Terrasse einen schönen Blick auf die Oberemmentaler Hügellandschaft und die ersten Voralpengipfel bietet.

Gabelspitz nennt sich das Lokal, das früher eine Milchbar war und noch heute zur gleichnamigen Alp gehört. Man legt hier am Vormittag einen Halt ein für Kaffee und Gipfeli und am Nachmittag für ein Dessert oder Zvieri ein, trifft sich später auch zum Feierabendplausch. Einen besonderen Namen gemacht hat sich der Gabelspitz auch mit dem Töfftreff. Den ganzen Sommer über zieht er Freitag für Freitag Mensch und Maschine in Scharen an.

Woran all die Reisenden kaum denken: Wer im Gabelspitz einkehrt, steht auf bernburgerlichem Boden. So, wie es gerade früher im Emmentaler Alpgebiet vielerorts der Fall war.

Ein enger Bezug

Die Alp Gabelspitz umfasst rund 56 Hektaren Land und liegt leicht versteckt hinter dem Restaurant auf ­dem Teil des Bergrückens, der zur Oberei hin abfällt. Sie gehört seit Generationen der Familie von Henriette von Wattenwyl aus Oberdiessbach, bewirtschaftet wird sie auch seit Generationen von der Familie von Fritz Zürcher aus ­Eggiwil. «Das Verhältnis zum Pächter ist seit je eng und gut», stellt Henriette von Wattenwyl fest, deren Vorfahren in der Stadt Bern zu den wichtigen Patriziergeschlechtern gehörten. Als Berner Burgergemeindeschreiberin steht sie heute auch beruflich in dieser Tradition.

Henriette von Wattenwyl sagt offen, dass sie einen engen Bezug zur Gegend am Schallenberg hat. Sie schwärmt von der «wundervollen Kulturlandschaft», die die Alpwirtschaft geschaffen habe, fügt weiter an, wie wichtig ihr der Gabelspitz mit seinen weitläufigen Matten und den von markanten Baumgruppen umsäumten Gebäuden ist. Das kommt nicht von ungefähr: In der Kindheit hat sie einen grossen Teil der Sommerferien hier verbracht.

Welche Alpen im Oberemmental den Bernburgern noch heute gehören, ist schwierig auszumachen. Allgemein bekannt ist, dass nicht weit vom Gabelspitz entfernt der Rämisgummen in der ­Gemeinde Eggiwil den Nachfahren einer Patri­zier­fami­lie gehört: Die Grosstochter der legendären Elisabeth de Meuron, bekannt als Madame de Meuron, geriet in den 1990er-Jahren in die Schlagzeilen, weil sie der nahen Bergwirtschaft Erika das Zufahrtsrecht über ihr Land verweigerte. Nach ihrem Tod ist die Alp an die Töchter übergegangen.

Immer mehr Herrenalpen

In der Vergangenheit lagen die Dinge klarer, wie der Historiker Fritz Häusler schreibt. In seinem Werk zur Geschichte des Emmentals hält er fest, dass der Aufschwung des internationalen ­Käsehandels ab 1700 die Besitzverhältnisse im Emmentaler Alpgebiet auf den Kopf stellte. Weil die ausländischen Käufer schwere Laibe bevorzugten, wurde die Produktion immer teurer. In der Folge konnten sich nur noch reiche Bauern einen Alpbetrieb leisten – oder eben die Patrizierfamilien aus der Stadt Bern.

Diese entdeckten die Alpen als Kapitalanlage und verpachteten sie an sogenannte Küher, die mit ihren Herden auf eigene Rechnung wirtschafteten. Die Burger erwarben Betrieb um Betrieb, Häusler schreibt von einer regelrechten «Verdrängung der einheimischen Bauern aus dem Alpbesitz». Besonders akzentuiert verlief die Entwicklung im obersten Emmental: In Schangnau war Mitte der 1730er-Jahre eine klare Mehrheit der Sommerweiden in auswärtigem Besitz. Um 1780 gab es in Röthenbach, auf dessen Boden auch die Oberei liegt, nur noch einen Alpbesitzer aus der Gemeinde.

Mit dem Aufkommen der Talkäsereien ab 1850 war die Blütezeit auf diesen Herrenalpen vorbei, das Geschäft brach ob dieser starken Konkurrenz regelrecht ein. In der Folge gingen Betriebe in grösserem Umfang zurück an die Bauern.

Anders im Oberland

Wieso die Bernburger damals auf breiter Front einkaufen konnten? Fritz Häusler erinnert in seinem Buch an die besondere Entstehungsgeschichte der Emmentaler Alpen, die alle unterhalb der Baumgrenze liegen und mühsam von Hand gerodet werden mussten. Die mittelalterlichen Herren, die Waldbesitzer, übergaben die nun freien Landstücke an einzelne Personen aus ihrem Gebiet, woraus sich wiederum die heutigen, frei handelbaren Privatalpen entwickelten.

Im Berner Oberland lief es anders. Die dortigen Alpweiden liegen in der Regel über der Waldgrenze und mussten damit gar nicht frei gemacht werden. Deshalb werden sie noch heute vorwiegend gemeinschaftlich genutzt (siehe Kasten).

Dass sich auch in jüngerer Zeit Burger von ihrem Emmentaler Besitz trennten, zeigte sich Anfang der 1990er-Jahre beispielhaft in unmittelbarer Nähe zum Gabelspitz. Die Schinegg auf der anderen Seite der Strasse wurde damals von der Bernburgerin Annelise von Steiger an vier Bauern aus der Region verkauft. Für Henriette von Wattenwyl käme ein solcher Schritt nicht infrage. Zumal sich die Alp finanziell ja selber trage, wie sie sagt. «Die Familie geht sorgfältig und sorgsam mit dem unvermehrbaren Gut Boden um.»

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