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Sommerserie: Von Belgrad nach Schönbühl«Ich sage es gern: Ich bin ein Jugo»

Dragan Kuzmanovic (29) war ein Jahr alt, als die Jugoslawienkriege ausbrachen. Er erklärt, warum er Serbien liebt – aber sich nicht vorstellen kann, dorthin zurückzukehren.

Dragan Kuzmanovic fühlt sich in beiden Ländern zu Hause: in der Schweiz und in Serbien.
Dragan Kuzmanovic fühlt sich in beiden Ländern zu Hause: in der Schweiz und in Serbien.
Marcel Bieri 

Ja, ich bin ein Jugo. Als Kind empfand ich diesen Begriff als Beleidigung. Aber jetzt bin ich stolz auf mein Leben, jenes meiner Eltern und auf meine Herkunft. Ich muss nichts verstecken. Darum sage ich es gern: Ich bin ein Jugo.

Mein Vater kam 1985 in die Schweiz. Er hatte ein Zimmer in Adelboden und wurde in die Küche eines Restaurants gerufen, wenn sie gerade viel Salat zu rüsten hatten. Später zog auch meine Mutter hierher, und mein Vater verdiente Geld auf Baustellen. Er sagt immer: Wenn ein Schweizer für eine Arbeit acht Stunden benötigt hätte, machte er sie in sechs. Nur so konnte er sicher sein, dass er im darauffolgenden Jahr wieder Arbeit hatte.

«Hier ist alles so klar geregelt – in Serbien ist es chaotisch.»

Dragan Kuzmanovic

Ich wurde 1990 in der Schweiz geboren, verbrachte aber mein erstes Lebensjahr bei meinen Grosseltern in Serbien. Als ich in der Schweiz eingeschult wurde, konnte ich wenig Deutsch. Ich weiss noch, wie die Kindergärtnerin erklärte, wie man sich die Schuhe bindet. Ich sass nur da und hatte keinen Plan. Doch als Kind lernte ich schnell Deutsch. Nachbarn sagten manchmal: «Wow, du kannst ja gut Deutsch.» Das war für mich seltsam. Ich sah mich als ein gewöhnliches Schweizer Kind.

Redbull für die Grenzwachen

Nun bin ich 29 Jahre alt, Schweizer, und arbeite als Migrationsfachperson im Asylbereich. Mein Bezug zu Serbien ist stark. Für mich ist es so: Ich arbeite hier, verdiene Geld und habe meinen Alltag. Und dann gehe ich dorthin, um zu leben, um zu geniessen. In Serbien ist das Leben anders: voller Musik, Herzlichkeit, gemeinsamen Essen und Feiern. Hier ist alles so klar geregelt – da unten ist es chaotisch. Es beginnt schon an der Grenze: Wenn du eine Schweizer Autonummer hast, erwarten die Grenzwachen oft, dass du ihnen ein Redbull oder Schokolade schenkst.

«Ich gehe sehr gern nach Serbien. Nach ungefähr zwei Wochen reichts für mich jedoch.»

Dragan Kuzmanovic

Wenn ich runterfahre, lege ich innerlich einen Schalter um. Ich muss. Wenn ich mich hier verhalte wie in Serbien, nimmt man mir das übel. Wenn ich mich in Serbien verhalte wie hier, heisst es: «Was willst du? Du hast in der Schweiz ein gutes Leben und meinst jetzt, uns belehren zu müssen?» Da könnte man schon mal eins aufs Maul kriegen.

Die Eltern ziehen zurück

Meine Eltern planen, zurück nach Serbien zu ziehen. Seit vier Jahren bereiten sie sich vor: Mein Vater besitzt Land und baut eine Farm auf. Bei jeder Gelegenheit zieht es ihn runter, um an diesem Projekt zu arbeiten. Serbien ist seine Heimat.

Er wünscht sich, dass auch ich mehr in die Farm investiere. Mein Verhältnis zu Serbien ist jedoch anders: Ich gehe sehr gern hin. Nach ungefähr zwei Wochen reichts für mich jedoch. Dann komme ich gern wieder zurück in meinen geregelten Schweizer Alltag. Und fünf Monate später vermisse ich wieder das Leben in Serbien.

4 Kommentare
    Werner Scheidegger

    Dragan aufgepasst mit solchen Äusserungen, plötzlich hast Du ein Verfahren wegen Rassismus am Hals.

    Nicht von Deinen Landleuten, sondern von übereifrigen Bernernätionalrätinnen.

    Nun noch ernsthaft, ich finde Deinen Bericht und Deine Offenheit gut und vorbildlich.