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Sexskandal im argentinischen Parlament«Ich habe sie geküsst» – und weg war der Parlamentssitz

Während einer virtuellen Sitzung des Abgeordnetenhauses hat der Argentinier Juan Emilio Ameri sich mit den Brüsten seiner Partnerin beschäftigt. Das sei ein technologischer Unfall gewesen.

«Das ist nicht lustig»: Die Karriere des argentinischen Abgeordneten Juan Emilio Ameri erleidet ein abruptes Ende.
«Das ist nicht lustig»: Die Karriere des argentinischen Abgeordneten Juan Emilio Ameri erleidet ein abruptes Ende.
Foto: PD

So viel Einigkeit herrscht selten im 257-köpfigen argentinischen Abgeordnetenhaus. Mit einer einzigen Gegenstimme und drei Enthaltungen haben die Parlamentarier das Rücktrittsgesuch ihres Kollegen Juan Emilio Ameri angenommen.

Der Politiker aus der nordargentinischen Provinz Salta hatte den Grund für daszumindest vorläufigeEnde seiner politischen Karriere mit den Worten beschrieben: «Ich habe meiner Partnerin die Titten geküsst. Das ist alles.»

Das Problem ist nicht die Handlung als solche, sondern der Moment, in dem Ameri sie vollzog: nämlich während einer Parlamentssitzung. In Argentinien tagen die Abgeordneten per Videokonferenz, weil das südamerikanische Land stark von der Corona-Pandemie gebeutelt wird und die Zahl von Infektionen und Todesfällen trotz strikter Massnahmen rasant steigt.

«Schwerwiegender Verstoss»

Am Donnerstag debattierten die Abgeordneten gerade das «Gesetz zur Verteidigung der Aktivposten des Garantiefonds für Nachhaltigkeit», als auf einem der Video-Quadrätchen zu sehen war, wie sich eine bekleidete Frau auf Ameris Schoss setzt, wie er ihre Brüste anfasst und küsst.

Peinliche Momente bei Videokonferenzen hat es schon viele gegeben, gerade in Argentinien: Ein Abgeordneter, der den Bildschirmausschnitt falsch einschätzt und in Unterhosen ein Fersehinterview gibt. Oder der Bürgermeister einer Kleinstadt, der während einer Videokonferenz einschläft.

Aber sexuelle – oder zumindest sexuell konnotierte – Aktivitäten während einer Sitzung, das ging dem Parlamentspräsidenten Sergio Massa zu weit. Obwohl er wie Ameri der linken Regierungspartei «Frente de Todos» angehört, sagte er kurz nach dem Vorfall: «Leider muss ich die Debatte über den Gesetzestext unterbrechen, um auf einen schwerwiegenden Verstoss eines Abgeordneten hinzuweisen.»

Gemäss Artikel 188 der Parlamentsordnung, fuhr Massa fort, sei der Fehlbare sofort zu suspendieren. Eine fünfköpfige Kommission werde darüber befinden, wie Ameri zu bestrafen sei. Dieser Strafe ist der Politiker nun durch seinen Rücktritt zuvorgekommen.

In einem Radiointerview äusserte Ameri abgrundtiefes Bedauern, um sich zugleich zu rechtfertigen. «Ich bin beschämt, mir geht es sehr schlecht, meiner Partnerin auch, das trifft uns persönlich.» Aber die Internetverbindung sei halt schlecht in der argentinischen Provinz. Während das WLAN weg war, sei seine Freundin aus dem Bad gekommen. Er habe sie gefragt, wie es ihren Brüsten gehe.

Zehn Tage zuvor habe sich seine Partnerin einem plastischen Eingriff unterzogen. «Sie sind gut geworden», habe sie geantwortet, «aber schau die Operationsnarben.» «Darf ich sie küssen?» habe er gefragt – und in diesem Moment habe die Internetverbindung wieder zu funktionieren und die Kamera wieder zu laufen begonnen. «Es war ein Unfall, den die schlechte technologische Infrastruktur verursacht hat. Das ist absolut nicht lustig.»

«Es war ein Unfall»: Juan Ameri nach dem Verlust seines Parlamentssitzes.
«Es war ein Unfall»: Juan Ameri nach dem Verlust seines Parlamentssitzes.
Foto: PD

Noch weniger lustig fand eine Parteigefährtin vor einiger Zeit, wie sich der 47-jährige Vater dreier Töchter ihr gegenüber verhalten hatte: «Ich musste oft seine Belästigungen und sexuellen Anspielungen ertragen, obwohl er wusste, dass ich erst 17 war.» Vor einem Jahr haben mehrere Frauenorganisationen in Salta Ameris Grapschereien und verbalen Anzüglichkeiten beklagt. «Alles Fake News», war seine Antwort.

Falls die Anschuldigungen der Frauen zutreffen, bleibt das ernüchternde Fazit: Bei sexuellen Übergriffen ohne laufende Kamera geschieht nichts. Eine erotische Handlung im gegenseitigen Einverständnis vor laufender Kamera – und die Karriere ist zu Ende.

7 Kommentare
    Jakob Böhnli

    Es ist nur in einem Nebensatz erwähnt, der Mann kist Volksvertreter einer Linkspartei. Darum wohl das subtile Verständnis der Kommentatoren hier. Wäre er Vertreter einer rechten Partei würden alle gleich nach Verurteilung schreien.