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Sommerserie: Von Kabul nach Zäziwil«Das Wichtigste ist die Sprache, das Zweite die Arbeit»

Ezatullah Rezai erzählt, wie er vom Wirtschaftsstudent in Afghanistan zum Käser im Emmental wurde.

Ezatullah Rezai bei der Arbeit in der Käserei Eyweid in Zäziwil.
Video: Dominik Galliker

An einem Dorffest fragte jemand: «Was schaffisch du denn?» Ich sagte: «Ich bin Käser.» – «Ja‚ schaffe ist gut, nicht immer am Telefon schnure, schnure, wie die anderen Ausländer. Und sie tragen Nike-Schuhe – das geht doch nicht.» Ich sagte: «Entschuldigung, ich habe keine Nike-Schuhe. Ich schnure auch nicht.»

Ich verstehe das. Einige Leute kommen in die Schweiz, arbeiten nicht und «schnure» nur. Aber was man nicht vergessen darf, ist, dass nicht alle gleich sind.

Endlich arbeiten

Ich bin 26 Jahre alt, lebe seit vier Jahren in der Schweiz, habe eine Lehre als Milchpraktiker abgeschlossen, arbeite in der Käserei Eyweid in Zäziwil und produziere Emmentaler-Käse. In meiner Heimat in Zentral-Afghanistan weiss fast niemand, was Käse ist. In Afghanistan hatte ich nur einmal Käse probiert, dann einmal hier bei meiner Gastfamilie und das dritte Mal, als ich in der Käserei schnupperte.

«Als Arbeitsloser fühlt man sich, als wäre man nicht Teil der Gesellschaft.»: Ezatullah Rezai sagt, er hätte jede Arbeit angenommen.
«Als Arbeitsloser fühlt man sich, als wäre man nicht Teil der Gesellschaft.»: Ezatullah Rezai sagt, er hätte jede Arbeit angenommen.
Foto: Nicole Philipp

Das Wichtigste für mich in der Schweiz ist die Sprache, das Zweite die Arbeit. Schweizer fragen immer: «Was schaffisch du?» Als Arbeitsloser fühlt man sich, als wäre man nicht Teil der Gesellschaft. Ich hätte jede Arbeit angenommen. Ich fand Stellen als Küchenhilfe, Zimmermann und Pfleger im Altersheim, aber der Migrationsdienst lehnte meine Gesuche wegen des Inländervorrangs ab. Beim vierten Versuch, als Käser, wurde mir die Arbeitsbewilligung erteilt.

Ausflüge mit Ruedi

Die ersten Arbeitsmonate waren ganz fantastisch. Ich habe gemerkt, dass ich es schaffen kann, und habe mich wohl gefühlt. Wenn man sieben Monate nichts tun darf und dann eine Chance erhält – das ist fantastisch. Nun arbeite ich 82,5 Prozent und habe donnerstags und freitags Vorlesungen an der Universität Freiburg, wo ich Wirtschaftsinformatik studiere. In Kabul hatte ich bereits Betriebswirtschaft studiert. Ich bin ein neugieriger Mensch, ich möchte jeden Tag etwas lernen. In der Freizeit mache ich mit Ruedi Ausflüge. Er ist pensioniert und fährt mit mir zum Rütli oder nach Altdorf und erklärt alles. Das ist für uns beide wertvoll.

Wenn er neue Leute kennenlernt, reagieren sie positiv auf seinen Beruf, erzählt Ezatullah Rezai. Bei seiner Herkunft sei das anders.
Wenn er neue Leute kennenlernt, reagieren sie positiv auf seinen Beruf, erzählt Ezatullah Rezai. Bei seiner Herkunft sei das anders.
Foto: Nicole Philipp

Im Gespräch mit Einheimischen merke ich, dass viele ein negatives Bild von Afghanistan haben. Wenn ein Afghane etwas Schlechtes macht, steht das sofort in der Zeitung. Afghanistan hat seit 40 Jahren Krieg. Die Kultur ist kaputt, die Gesellschaft ist kaputt, aber das bedeutet nicht, dass alle Leute schlecht sind.

Wenn ich jemanden kennen lerne und sage «ich bin Käser», dann sagen sie: «Aha, sehr gut.» Wenn ich sage «Ich bin Afghane», dann reagieren sie anders. Das macht mich traurig.

2 Kommentare
    Jörg Kramer

    Lieber Ezatullah Rezai. Sag doch einfach: „Ich bin ein afghanischer Käser, der hier lernt guten Käse zu machen“, das freut die Leute. Und ich freue mich für Dich, dass Du Dich hier wohl fühlst und Deinen beruflichen Zielen näher kommst. Alles Gute. Jörg Kramer, Affineur