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Lagerfeuer im NaturschutzgebietHier sind die Wildcampierer zur Plage geworden

Auf der Suche nach der unberührten Landschaft dringen immer mehr Touristen in Schutzzonen vor – und richten dort schwere Schäden an. Jetzt hat ein Berner Naturschützer genug.

Sie kommen mit Wohnmobilen, Zelten und Schlauchbooten: Wildcamper im Naturschutzgebiet Engstlenalp.
Sie kommen mit Wohnmobilen, Zelten und Schlauchbooten: Wildcamper im Naturschutzgebiet Engstlenalp.
Foto: Raphael Moser

Fritz Immer regt sich auf, leise zwar und doch immens. Er zeigt auf ein Häufchen Äste, schüttelt den Kopf, sagt: «Und dann das.» Drei Wörter, kaum hörbar, in ihnen alles Unverständnis der Welt. Unter den Ästen liegen Papiernastücher. Und darunter: «Fäkalien», sagt Immer. Sie lägen hier überall rum. Die Fäkalien seien das eine, doch der Gipfel komme erst noch, sagt er, warnt er.

Seine Warnung hat mit den Wildcampern zu tun. Sie sind auf der Engstlenalp, 1834 Meter über Meer, im östlichsten Zipfel des Berner Oberlandes, zu einer Plage geworden.

«Und dann das»: Fritz Immer, Hotelier und Naturschützer auf der Engstlenalp, kämpft mit den Folgen von Wildcamping.
«Und dann das»: Fritz Immer, Hotelier und Naturschützer auf der Engstlenalp, kämpft mit den Folgen von Wildcamping.
Foto: Raphael Moser

Immer hat Wanderschuhe montiert und will zeigen, was alles in diesem Naturschutzgebiet falsch läuft. 73 Jahre ist er alt, die Hüfte zwickt, und doch setzt er noch immer jeden Schritt mit einer Bestimmtheit auf den Boden, die andere nie erreichen werden. Immer war 25 Jahre Bergführer, er hat die Gipfel der Welt gesehen, und doch gefällt es ihm hier oben mit am besten, er führt mit seiner Familie das Hotel Engstlenalp in fünfter Generation, er ist Mitglied bei Pro Natura. Als weit gereister Naturschützer kann er die Schönheit der Engstlenalp einschätzen. «Wir müssen ihr Sorge tragen, damit die Nachwelt auch noch etwas davon hat», sagt er.

Das Problem: Die Engstlenalp ist in diesen Tagen zu einem Hotspot für Camper geworden. Sie kommen mit ihren Vans, ihren Zelten und ihren Schlauchbooten. Sie machen Feuer. Sie hinterlassen Abfall und Ärger. Und bevor sie wieder verschwinden, posten sie ihre Handybilder auf Instagram. #Engstlensee, #Amazingswitzerland, #Mountainlife, #neverstopexploring und dann kommen noch mehr.

Das vermehrte Wildcamping ist eine Spielart des generellen Campingfiebers, das die Schweiz erfasst hat. Seit 2015 ist die Zahl der Logiernächte auf Campingplätzen um fast 50 Prozent gestiegen, auf 3,8 Millionen Übernachtungen. Die Zahl der Wohnmobile hat sich laut Bundesamt für Statistik binnen 10 Jahren verdoppelt: von knapp 32’000 im Jahr 2009 auf fast 65’000 im letzten Jahr.

Ein Ende des Campingbooms ist nicht abzusehen. Selbst die Corona-Krise konnte ihm nichts anhaben. Vor einigen Wochen warnte Morten Hannesbo, CEO von Autoimporteur Amag, dass praktisch keine Camper mehr erhältlich seien. Doch die Kunden bestellen weiter, selbst wenn die Wartefristen drei bis sechs Monate betragen.

Wie Corona den Camping-Boom verstärkt

Für Monika Bandi, Co-Leiterin der Forschungsstelle Tourismus der Universität Bern, hat die Corona-Pandemie die Attraktivität von Wohnmobilreisen noch gesteigert: «Man braucht kein Hotel, kein Restaurant, keine Massentransportmittel und kann deshalb die sozialen Kontakte auf ein Minimum reduzieren.» Aber auch das klassische Zelten liege in diesem Sommer im Trend. Aus Kostengründen, so Bandi, und weil viele Menschen nach dem Lockdown den Wunsch verspürten, möglichst naturnahe Ferien zu machen. (Lesen Sie hier, wie das Tessin unter dem Turbo-Tourismus nach Corona ächzt.)

Manchen reicht die Naturerfahrung des Campingplatzes. Aber viele zieht es raus in die freie Wildbahn, über die Baumgrenze, sogar in Naturschutzgebiete. Zum Beispiel auf die Engstlenalp.

Fritz Immer zeigt über die Landschaft: Alpenrosen, Heidelbeeren, Krokus, Enzian – wächst alles hier. Er schaut auf den Engstlensee, 52 Meter tief, glasklar und ein Grünblau, das nicht nur Instagram-Fotografen verführt. Der schöne Ort sei kürzlich in eine App für Camper aufgenommen worden, erzählt Immer. Seither kommen noch mehr Leute. Manchmal hat es 47 Wohnwagen hier oben, nun sind es 10, sie zahlen 15 Franken pro Tag. «Manche halten sich an die Regeln. Und es gibt die anderen», sagt Immer.

Feuer trotz Verbot: Wildcamper halten sich oft nicht an die Regeln.
Feuer trotz Verbot: Wildcamper halten sich oft nicht an die Regeln.
Foto: Raphael Moser (Tamedia)

Noch mehr Probleme machen ihm die Wildcampierer. Junge und ältere Menschen, meist Schweizer. Am Abend, bevor es eindunkelt, schlagen sie unten am See ihre Zelte auf (verboten). Sie machen Feuer (verboten), reissen Äste von den Bäumen (verboten), lassen die Hunde von der Leine (verboten) und ihren Abfall liegen (verboten). Die Verbote stehen auf einer Tafel Richtung See. «Das sehen die natürlich nicht», sagt Immer.

Wieder hat es zwei Zelte am Ufer, es ist kurz vor dem Mittag. Immer beobachtet sie aus der Distanz. Früher ist er auf sie zugegangen und hat ihnen gesagt, dass Zelten in dieser Schutzzone verboten sei. Die Leute kamen ihm blöd, sagten ihm, dass sie die Tafel nicht gesehen hätten, dass der SAC in einer Broschüre das Zelten auf 1800 Metern über Meer erlaube. «Was will ich da sagen?», fragt Immer.

Braucht es ein Verbot?

Im Berner Oberland, im Wallis, im Engadin, im Säntisgebiet: Quer durch den Alpenraum kämpfen Naturschützer und Behörden mit demselben Problem. Die schwer durchschaubare Rechtslage beim Wildcamping macht es für die Politik nicht einfacher.

Mal werden Stellplätze eingerichtet, um das Camping zu kanalisieren. Mal werden Ranger rekrutiert. Mal versuchen es die Behörden mit Appellen. Kurz vor den Sommerferien wandte sich etwa die Kantonsregierung von Appenzell Innerrhoden an die Öffentlichkeit. Die Botschaft: Wenn Wanderer im Alpstein den Schlafsack ausrollen oder ein einfaches Zelt aufstellen, wird das geduldet. Aber mehrtägiges Wildcamping ist unerwünscht.

«In den letzten Monaten haben wir eine starke Zunahme von Campinganfragen für den Alpstein festgestellt», erklärt Landammann Roland Dähler. «Diese Dynamik hat uns zum Handeln veranlasst.» Ob die Botschaft angekommen ist, kann Dähler noch nicht sagen. «Wir sammeln noch Erfahrungen.» Er schliesst nicht aus, dass dauerhaftes Wildcamping in Appenzell Innerrhoden dereinst per Gesetz verboten wird.

Fritz Immer will noch etwas zeigen, er marschiert auf eine Arve zu, sie liegt auf einer Anhöhe, die Wurzeln schlagen sich über einen Felsbrocken. Fels und Wurzeln sind schwarz. Verkohlt. Es war nicht der Blitz. «Die haben unter dem Baum ein Feuer gelegt», sagt Immer. Die Flammen müssen hoch emporgestiegen sein, auch weit oben am Stamm sind die Spuren zu sehen. «Wer macht so was?», fragt Immer. «Das ist doch wahnsinnig. Das mag mich, das tut weh», sagt er.

«Das ist doch wahnsinnig»: Von Wildcampern verbrannte Arve im Naturschutzgebiet Engstlenalp.
«Das ist doch wahnsinnig»: Von Wildcampern verbrannte Arve im Naturschutzgebiet Engstlenalp.
Foto: Raphael Moser

Die zunehmenden Konflikte mit Naturschützern überraschen Tourismusforscherin Monika Bandi von der Universität Bern nicht. «Wenn ein Einzelner den Sonnenaufgang auf einer Bergspitze erleben möchte, ist das noch kein Problem», sagt Bandi. Schwierig werde es, wenn daraus ein Massenphänomen werde. Etwa wegen attraktiven Bildern auf Instagram und anderen sozialen Medien. Bandi spricht von «Kippeffekten». «Abfall, Abwasser, Feuer: Wo die Infrastruktur fehlt, kann das schnell zum Problem werden. Dann belastet der Tourismus just jene Ressourcen, wegen deren man oft gerade dorthin geht.»

Fritz Immer möchte, dass auf der Engstlenalp Ranger für Ordnung sorgen. Er hat sich beim Kanton Bern erkundigt. Zurück kam: Kein Geld dafür. Jetzt greift er zu einem anderen Mittel. Immer nimmt das Handy aus dem Hosensack und ruft die Polizei an, eine Stunde später nehmen zwei Polizisten die Personalien der Wildcamper auf. Sie werden angezeigt. «Es soll sich herumsprechen», sagt er. Influencing einmal anders.

«Es soll sich herumsprechen»: Wer in einem Naturschutzgebiet campiert, muss mit einer Anzeige rechnen.
«Es soll sich herumsprechen»: Wer in einem Naturschutzgebiet campiert, muss mit einer Anzeige rechnen.
Foto: Raphael Moser