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Wasserkraft in BurgdorfGewerbekanäle werden touristisch genutzt

Seit mehr als 800 Jahren wird in Burgdorf die Wasserkraft genutzt. Gut 20 Kanäle und Bäche sind heute noch erhalten. Jetzt wurden die Gewässer mit Namensschildern versehen.

Das Wasser des Polieribachs trieb ab 1839 die Maschinen der Wollzwirnerei Bucher an.
Das Wasser des Polieribachs trieb ab 1839 die Maschinen der Wollzwirnerei Bucher an.
Foto: Christian Pfander

Seit dem Jahr 1130 thront auf dem höchsten Punkt der Oberstadt das Schloss Burgdorf. Seit nahezu gleich vielen Jahren gibt es in der Zähringerstadt eine weitere Besonderheit, die weit weniger Beachtung findet als die hochmittelalterliche Festung: die historischen Industrie- und Gewerbekanäle.

Seit mehr als 800 Jahren wird mit Bächen, Kanälen und technischen Bauwerken die Kraft des Wassers für gewerbliche Tätigkeiten genutzt. Heute existieren noch gut 20 dieser Fliessgewässer. Acht Kleinwasserkraftwerke produzieren etwa drei Prozent des Burgdorfer Strombedarfs. Wer sich die Mühe macht, dem Kanalsystem zu folgen, begibt sich auf eine historische Entdeckungsreise.

Wenig bekannte Gewässer

Wohl ist das über Jahrhunderte gewachsene Gewässersystem sehr gut erhalten und prägt an einigen Stellen wie etwa bei der Schützenmatte das Stadtbild. Etliche der Kanäle und Bäche werden nicht so recht wahrgenommen, weil sie etwas versteckt fliessen oder überdeckt sind. Wie die Gewässer heissen, wissen viele Burgdorferinnen und Burgdorfer nicht mehr.

Dank dem 1722 erfolgten Durchstich durch den Schlossfelsen konnte für die Wasserräder am Mülibach ein besserer Wirkungsgrad erzielt werden.
Dank dem 1722 erfolgten Durchstich durch den Schlossfelsen konnte für die Wasserräder am Mülibach ein besserer Wirkungsgrad erzielt werden.
Foto: Christian Pfander

Die Stadt ist bestrebt, die Fliessgewässer zu erhalten und sichtbar zu machen. Dies wird jetzt durch den Rotary Club Burgdorf unterstützt. Vereinsmitglieder haben in Fronarbeit rund 100 Schilder mit den Namen der Bäche und Kanäle produziert und diese meist an Brücken montiert. Zusätzlich wird auf Informationstafeln das System der Fliessgewässer erklärt. Hilfe bietet auch der interaktive Themenweg des Vereins Perlenkette Emme.

Warum es Kanäle brauchte

Schon früh wurde die Emme wirtschaftlich genutzt: zum Goldwaschen, zur Flösserei, für Badestuben und Heilbäder, zur mechanischen Energienutzung und später für die Stromproduktion. In der Stadt Burgdorf spielte die direkte Nutzung der Emme wegen ihres Wildwassercharakters keine zentrale Rolle. Zu wenig konstant war die Wassermenge in der Emme. Deshalb wurde das Wasser des Oberburgbachs und der Emme in Kanäle geleitet.

Der Seitenkanal – zwischen Coop und Schafrothareal – führt der Kleinen Emme zusätzlich Wasser zu.
Der Seitenkanal – zwischen Coop und Schafrothareal – führt der Kleinen Emme zusätzlich Wasser zu.
Foto: Christian Pfander

Der kontrollierte Einlass des Wassers in Burgdorfs Bach- und Kanalsystem führte zu gleichmässigen Mengen und ermöglichte damit eine konstantere Nutzung. Angetrieben wurden Wasserräder von Mühlen, Gerbereien, Färbereien, Sägereien und Webereien. Heute produzieren Turbinen elektrische Energie.

Die Entwicklung des Kanalsystems ist eng verbunden mit der Entwicklung der Wirtschaft in Burgdorf. Bereits um das Jahr 1200 stand beim Schafrothareal eine Mühle, welche die Wasserkraft des Oberburgbaches nutzte, etwas später kam eine Sägerei dazu. 1383 werden in Burgdorf drei Mühlen erwähnt. Seit dem 14. Jahrhundert entwickelten sich in Burgdorf Gerbereien und Leinenwebereien, welche auf eine geregelte Wasserzufuhr angewiesen waren.

Das Gewerbe profitierte

Dank dem von Johannes Fankhauser 1722 realisierten Tunnel durch den Schlossfelsen konnte die Niveaudifferenz des Oberburgbachs besser ausgenutzt werden. Dies hatte für verschiedene Handwerksbetriebe, welche auf die Wasserkraft des Mülibachs angewiesen waren, positive Folgen: Drechslermeister Maritz produzierte an der Burgfelsstrasse hochwertige Kanonenrohre, 1774 wurde eine Hammerschmiede eingerichtet, und 1792 kam eine Fabrik für die Herstellung von Uhrenfedern dazu.

Nach dem Kleinwasserkraftwerk bei der Leinenweberei Schwob in Burgdorf fliesst der Mülibach parallel zur Kirchbergstrasse.
Nach dem Kleinwasserkraftwerk bei der Leinenweberei Schwob in Burgdorf fliesst der Mülibach parallel zur Kirchbergstrasse.
Foto: Christian Pfander

1834 entstand die Flachsspinnerei Schafroth, 1839 die Wollzwirnerei Bucher, 1850 die Leinenweberei Schmid, 1857 die Wollfabrik Schafroth, 1883 die Maschinenfabrik Aebi und 1890 die Staniolfabrik sowie die Giesserei Staufer, welche die Wasserkraft systematisch nutzten.

Stinkende Kanäle

Die beginnende Elektrifizierung führte zur eigentlichen Blütezeit des Kanalsystems. Die mechanischen Übertragungen mit Riemen und Transmissionen wurden durch Kleinkraftwerke ersetzt. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurden die Kanäle allerdings auch zur Abwasserentsorgung genutzt. Seit 1955 ist das vorbei: Seither fliesst den Kanälen nur noch Meteorwasser zu.