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Mein JobGemälde unter dem Mikroskop

Noch während des Studiums eröffnete sie ihr eigenes Atelier: Meret Haudenschild aus Niederscherli arbeitet als Restauratorin.

In ihrem Atelier restauriert und konserviert Meret Haudenschild Gemälde.
In ihrem Atelier restauriert und konserviert Meret Haudenschild Gemälde.
Foto: Nicole Philipp

Abstand halten ist hier kein Problem. Das Atelier im Berner Breitenrainquartier, in dem Meret Haudenschild arbeitet, ist derart geräumig, dass selbst ein Fussballteam die Distanzregeln einhalten könnte. Der Platz ist auch nötig: Haudenschild, 26-jährig, aus Niederscherli, ist Restauratorin. Und für die Kunstwerke, an denen sie arbeitet, ist sie um jeden Quadratmeter Atelierfläche froh.

Dass eine junge Person, frisch ab Fachhochschule, in einem eigenen Atelier Gemälde von Kundinnen und Kunden restauriert, sei in ihrem Beruf eher aussergewöhnlich, sagt Haudenschild. Die meisten würden nach dem Abschluss in befristeten Anstellungen und Assistenzen Erfahrung sammeln.

Geplant habe sie ihre frühe Selbstständigkeit darum nie. «Es hat sich einfach so ergeben.» Vor zwei Jahren starb der Restaurator, der während zwanzig Jahren in den Räumen eingemietet war. Haudenschild kannte ihn gut, während der Semesterferien arbeitete sie jeweils für ihn. Als die Hinterbliebenen sie fragten, ob sie das Atelier übernehmen wolle, zögerte sie nur kurz – und richtete sich ab November 2018 mit fünf Kolleginnen und Kollegen aus dem Studium im Atelier ein.

Bekannter in Italien

Die Gemälde, deren ausgebleichte oder rissige Stellen Haudenschild ausbessert oder sie so präpariert, dass sie ihren Istzustand erhalten, mögen gross sein, ihre Arbeit aber spielt sich im Millimeterbereich ab. Am Rand des Bildes, der sonst vom Rahmen verdeckt wird, testet sie, wie die Oberfläche auf die Chemikalien reagiert. Zuerst mit Wasser, dessen ph-Wert sie verändert, später mit seifenähnlichen Substanzen, den Tensiden. Wirken diese Flüssigkeiten nicht wie gewünscht, greift sie zu stärkeren Lösungsmitteln.

Ihre Arbeit überwacht sie mit einem Mikroskop oder einer Stirnlupe, die sie sich um den Kopf schnallt. Denn von blossem Auge vermag sie die Veränderungen auf dem Bild nicht zu erkennen. Wenige Tage bis zu mehreren Wochen dauern diese Arbeiten, je nach Aufwand und Grösse des Bildes. 120 Franken kostet eine Arbeitsstunde für die Kundinnen und Kunden.

Für ihre Arbeit benötigt sie Utensilien wie Pinsel und Lösungsmittel.
Für ihre Arbeit benötigt sie Utensilien wie Pinsel und Lösungsmittel.
Foto: Nicole Philipp

Als Haudenschild das Gymnasium besuchte, wusste sie, dass sie später nicht an einer Universität studieren wollen würde. «Etwas Praktisches» sollte es sein. In einem Ordner, den sie bei der Berufsberatung auslieh, entdeckte sie den Beruf der Restauratorin. Für sie die ideale Kombination: Handwerk, Kunstgeschichte, Naturwissenschaften. Ihre Wahl habe sie bis heute nie bereut.

Erzähle sie in der Schweiz einer Person, dass sie Restauratorin sei, würden viele diesen Beruf nicht kennen. Andere Reaktionen erlebte sie in Florenz und Padua, wo sie während des Studiums je sechs Wochen verbrachte für Praktika: «Alle wissen, was eine Restauratorin macht, und sind beeindruckt.» Der alltägliche Umgang mit Kunst sei in Italien eben ein anderer als in der Schweiz.

Auch innerhalb der Fachwelt stellte sie in Italien Unterschiede fest. «In der Schweiz restaurieren wir zurückhaltender.» Hier sei wichtiger, den Istzustandes eines Gemäldes zu erhalten und Fehlstellen in Kauf zu nehmen. Als sie nach ihren beiden Praktika nach Bern zurückkehrte, habe sie sich zuerst wieder daran gewöhnen müssen, dass sie nicht so stark eingreifen dürfe in die Bilder. Mittlerweile könne sie hinter dem hiesigen Modell stehen: «Grosse Eingriffe würden ein Gemälde zu stark verändern.»

Ihr Ziel: Ins Museum

Manchmal setzt sie auch Farbpigmente ein.
Manchmal setzt sie auch Farbpigmente ein.
Foto: Nicole Philipp

Wie sich die Corona-Situation auf ihr Geschäft auswirke, kann Haudenschild noch nicht einschätzen. Bisher sei keiner ihrer Aufträge abgesagt worden. Einschränkungen spüre sie aber im Privatleben: «Normalerweise würde ich draussen mit meinen Leuten unterwegs sein.» Oder in der Kletterhalle. Da auch diese geschlossen ist, klettere sie im Moment eben draussen am Felsen.

Die Arbeit im eigenen Atelier gefällt Meret Haudenschild. Ihr Traumberuf liegt aber anderswo: eine Festanstellung in einem Museum. «Mir gefällt, dass dort die Objekte allen Menschen zugänglich sind.» Der Nutzen für die Öffentlichkeit sei in Museen grösser, als wenn sie Gemälde restauriere, die im Besitz von Privaten seien. Möglich ist auch, dass sie bald beginnt, eine Doktorarbeit zu schreiben – und so trotzdem an der Universität landen würde. Fest steht das aber noch nicht: «Das praktische Handwerk würde mir wohl fehlen.»

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