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«Alles in Schutt und Asche legen – da mache ich nicht mit»

Der frühere Nationalspieler Adrian Knup erklärt, wie er die Schweiz im Achtelfinal wahrnahm – und warum er die Kritik danach respektlos findet.

Josip Drmic trifft gegen Costa Rica. Für Knup ist er der beste Schweizer Stürmer. Video: SRF

Ferien statt Viertelfinal, Enttäuschung statt Euphorie: Die Schweizer Nationalmannschaft verabschiedete sich mit dem 0:1 gegen Schweden im Achtelfinal von der Weltmeisterschaft in Russland. Der 50-jährige Adrian Knup, 49-facher Nationalspieler und ­heute Chief Sports Officer der Swiss Football League, tut sich schwer mit unsachlicher Beurteilung des Gegners. Und bemüht sich um eine differenzierte Aufarbeitung des Turniers.

Adrian Knup, wieso ist die Schweiz im WM-Achtelfinal ausgeschieden?

Den Hauptgrund sehe ich darin, dass die Mannschaft gegen Schweden nicht das zeigte, was sie eigentlich kann. Bis auf wenige Ausnahmen erreichte kein Spieler sein gewohntes Niveau.

Es gab eine Ausnahme: Goalie Yann Sommer.

Ja. Ihm kann man wirklich nichts vorwerfen. Ich stelle einfach grundsätzlich fest: Die Schweizer spielten nicht am Leistungslimit. Und natürlich ist das enttäuschend.

Dabei hatte sich vorher die Meinung breitgemacht, dass es kaum einen idealeren Gegner geben kann als Schweden, um endlich einmal in einen Viertelfinal vorzustossen.

Genau das war eine Fehleinschätzung. Die Schweden haben eine gute Phase hinter sich. Sie haben sich in einer schwierigen Qualifikation unter anderem gegen Holland durchgesetzt, sie eliminierten in der Barrage Italien, sie wurden in der WM-Vorrunde Gruppen­erster – vor Mexiko, vor Deutschland vor allem. Da ist es doch verwegen, zu sagen, dass dieses Team von der Schweiz im Vorbeigehen besiegt wird.

Dieses Denken hat Sie gestört.

Ja, extrem sogar. Viele nehmen sich gar nicht die Mühe, den Gegner genau zu analysieren. Und ich finde es sehr respektlos den Schweden gegenüber, wenn ich nach dem Spiel Sätze höre wie: «Jetzt muss mir einer erklären, wie man gegen eine solche Mannschaft nicht gewinnen kann.» Der Gegner hat das Optimum aus seinen Mitteln herausgeholt und dient in dieser Hinsicht als Vorbild für die Schweiz. Vor zwei Jahren, als die Schweiz an der EM im Achtelfinal scheiterte, habe ich mich über die Niederlage mehr geärgert.

Wieso?

Weil ich das Gefühl hatte, dass Polen weniger stark war. Die Schweden waren einfach gut, physisch, organisatorisch, sie hatten einen klaren Plan. Sie machten ­alles mit hundertprozentiger Überzeugung. Und diese Spieler stehen nicht irgendwo unter Vertrag, sondern in guten Ligen.

Ist aber nicht zumindest die Kritik zulässig, dass die Schweizer in diesem Match nicht die nötige Leidenschaft zeigten, den Willen, unbedingt eine Runde weiterzukommen?

Wer das Spiel gesehen hat, kann zu diesem Eindruck kommen, ja. Aber ich würde keinem unterstellen, dass er nicht motiviert gewesen wäre. Ich habe mich darum bemüht, eine Erklärung für die Niederlage zu finden. Und sie hängt primär mit dem Stil zusammen. Die Schweizer pflegen das Spielerische, der Trainer fordert das. Er will den Kombinationsfussball, er will vornehmlich mit flachen Zuspielen Chancen kreieren. Gegen Schweden war die Mannschaft damit in ihrem Stil gefangen. Sie konnte nicht umschalten und plötzlich andere ­Tugenden anwenden, die hilfreich gewesen wären.

Sie lief auf.

Ja. Ähnlich war es in der Quali­fikation in Portugal, als sie sich ­direkt hätte für die WM qualifizieren können. Sie konnte sich kaum Chancen erarbeiten, und sie fand die Mittel nicht, um sich zu verändern. Trotzdem reagiere ich sehr sensibel, wenn nun davon gesprochen wird, die Mannschaft habe versagt. Man muss die Leistung in die richtige Relation setzen: Wer sind wir, wofür stehen wir? Es ist legitim und gut, wenn ambitionierte Ziele formuliert werden. Aber wenn sich eine kleine Nation wie die Schweiz für eine Endrunde qualifiziert, ist das bereits eine grosse Leistung.

Und der Vorstoss in den Achtelfinal?

Ist ein Exploit. Auch wenn ich weiss, dass viele Leute das mittlerweile nicht mehr hören und wahrhaben wollen. Dabei ist es nicht selbstverständlich, sich in einer Gruppe mit Brasilien und starken Serben durchzusetzen. Und um danach den nächsten Schritt machen zu können, muss einfach ­alles stimmen, alles. Das war in Russland halt nicht der Fall. Ja, die Schweiz blieb leistungsmässig unter den Erwartungen, aber deswegen mit Reden und Schreiben alles in Schutt und Asche legen, da mache ich nicht mit.

Man könnte auch sagen: Die Durchschlagskraft fehlte. Hat die Schweiz ein Stürmerproblem?

Wenn wir eines haben, dann ­haben das viele andere Nationen auch. Wer schoss denn die Tore für Deutschland? Oder Robert Lewandowski – traf kein einziges Mal für Polen. Die Position des Stürmers ist zusammen mit der des Goalies die schwierigste überhaupt im Fussball. Wir haben sehr wohl ­Leute mit grossen Fähigkeiten, aber sie waren nicht im Rhythmus.

An wen denken Sie vor allem?

Ich halte sehr viel von Josip Drmic. Aber er hat eine lange Leidensgeschichte hinter sich und erst gegen Ende Saison ein paar Spiele machen können bei Mönchengladbach. Er konnte in Russland gar nicht in der stärksten Verfassung sein. Und Haris Seferovic, den ich für einen sehr interessanten Stürmer halte, hat eine äusserst mühsame Saison bei Benfica Lissabon hinter sich. Das spürte man.

Nach dem WM-Vorrunden-Aus 2010 hinterfragte der damalige Nationalmannschaftsdelegierte Peter Stadelmann die Ausbildung der Offensivspieler und forderte: «Wir müssen unberechenbarer werden.» Wird genügend investiert?

Es wird sehr viel unternommen beim Schweizerischen Fussballverband. Ich war als Stürmertrainer beim FC Basel selber involviert wie andere ehemalige Nationalspieler auch und kann sagen: Es wird ­intensiv gearbeitet. Ich mache mir keine Sorgen für die Zukunft, bin mir aber bewusst, dass wir kein bisschen nachlässig werden dürfen.

Wieso ist es so schwierig, gute Stürmer auszubilden?

Weil den guten Stürmer meistens Qualitäten auszeichnen, die nur bedingt lernbar sind. Er muss eine Nase für die Situationen haben, das Gespür, wann er etwas tun muss, um zum Abschluss zu kommen. Er muss den unbedingten Willen mitbringen, Tore zu erzielen. Ein Mittelfeldspieler oder ein Verteidiger kann sich viel mehr antrainieren. Ich glaube, dass Josip Drmic einer ist, der über diese Nase verfügt.

An Seferovic scheiden sich die Geister. Sie schätzen ihn ­offenbar.

Ja, weil er sich sehr für die Mannschaft einsetzt, weil er technische Fertigkeiten mitbringt. Bei ihm merkt man einfach, dass ihm Spielpraxis und Selbstvertrauen fehlen. Er ist fast ein Schatten seiner selbst.

Ist sein Problem auch, dass er sich nirgends richtig durchgebissen und durchgesetzt hat? Er hat schon eine ganze Reihe an Stationen hinter sich.

Ein optimaler Karriereplan sieht anders aus, das ist so. Aber er hat immer wieder angedeutet, wozu er in der Lage wäre. Ich finde nicht, dass es ihm an Klasse mangelt.

Konnten Sie nachvollziehen, wie Vladimir Petkovic die Stürmerplätze im WM-Kader besetzte?

Ja. So, wie ich ihn kenne und bei seiner Arbeit beobachte, hat das eine Logik.

Man kann aber zum Schluss gelangen, dass für ihn die Super League wenig zählt. Sonst hätte er vielleicht Albian Ajeti eine Chance gegeben, vergangene Saison bester Torschütze der Liga.

Ich glaube eher, dass Petkovic im Mannschaftsgefüge für die WM nichts mehr ändern wollte. Er sieht die Qualitäten eines Ajeti schon. Ajeti gehört zu den interessanten Kandidaten für die Zukunft, er ist 21 und erzielte in der vergangenen Saison 17 Tore. Das ist eine Marke. Im Auge haben müssen wir auch Dimitri Oberlin, der unberechenbar ist, aber konstanter werden muss.

Einige Trainer kommen in ihren Spielsystemen ohne klassischen Stürmer aus. Sind Nummern 9, wie Sie oder Alex Frei eine waren, noch zeit­gemäss?

Ich glaube schon, ja. Torgefährliche Neuner, Knipser oder wie man sie nennen will, sollten immer einen Platz im Team finden. Frankreich hat mit Olivier Giroud einen ganz vorne, England mit Harry Kane, Spanien mit Diego Costa, Polen mit Robert Lewandowski, Belgien mit Romelu ­Lukaku, und Uruguay hat mit Edinson Cavani sowie Luis Suarez sogar zwei.

Blerim Dzemaili ist 32, Valon Behrami 33, Stephan Lichtsteiner 34. Wie würden Sie die Schweizer Nationalmannschaft jetzt umbauen?

Es braucht Offenheit für neue, aufstrebende Spieler. Und es braucht die entsprechenden Leistungen jener Spieler, die das Gefühl haben, sie müssten unbedingt dabei sein in der Nationalmannschaft.

Würden Sie Xherdan Shaqiri auf die zentrale Position hinter der Spitze stellen?

Er kann diese Rolle spielen. Aber ich sah schon ganz viele heraus­ragende Partien von ihm auf der ­Seite. Und im Nachhinein ist es immer einfach zu sagen: Wenn Shaqiri gegen Schweden in der Mitte gespielt hätte, wäre es vielleicht . . . Wer weiss das schon.

Shaqiri geriet wegen seiner Leistung gegen Schweden ziemlich in die Kritik, Granit Xhaka auch. Können Sie das nachvollziehen?

Von den beiden wird stets etwas Spezielles verlangt, das konnten sie im Achtelfinal nicht abrufen. Wenn wir den Coup schaffen ­wollen, ist gerade von solchen Schlüsselspielern Ausserordentliches gefragt. Das haben sie gegen die Schweden nicht gezeigt, und darum werden sie kritisiert.

Zu Recht?

Es ist mir zu einfach, den Grund für das Aus auf die beiden zu projizieren. Aber Fakt ist: Sind auch Shaqiri und Xhaka, die das Spiel in eine andere Richtung lenken könnten, nicht gut, wird es einfach schwierig.

Gerade Granit Xhaka formuliert seine Ansprüche ziemlich forsch.

Ja, das ist so. Aber mir gefallen Spieler, die hinstehen und sagen, dass sie Erfolg haben wollen, dass sie mehr erreichen wollen als den Achtelfinal. Gleichzeitig ist es ­logisch, dass es auf sie zurückfällt, wenn die Ziele verfehlt werden wie jetzt in Russland. Aber noch einmal: Deswegen war nicht gleich ­alles schlecht.

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