Was nun, Ronaldo?

Portugals Superstar ist 33 Jahre alt. Fragt sich, ob er es mit der WM 2022 nochmals versucht. Und wie es in Madrid weitergeht.

Augen zu und durch: Christiano Ronaldos Zukunft scheint sowohl beim Nationalteam, wie auch bei Real Madrid offen.

Augen zu und durch: Christiano Ronaldos Zukunft scheint sowohl beim Nationalteam, wie auch bei Real Madrid offen.

(Bild: AFP VASILY MAXIMOV)

Cristiano Ronaldo kam aus der Kabine des Fischt-Stadions von Sotschi, bog in den Korridor ein, der ihn an den Journalisten vorbeiführte, und wirkte wie jemand, der mit sich im Reinen war.

Lächelnd ging er davon, aufrechten Ganges, und wer ihn sah, hätte niemals vermutet, dass er soeben durch den Achtelfinal- K.-o. gegen Uruguay (1:2) auf die Trümmer eines Traumes geblickt hatte – seines Traums vom Weltmeistertitel. Ronaldo entdeckte einen Journalisten einer spanischen Sportzeitung, umarmte ihn innig, und sprach einen Satz, der ahnen liess, dass er sich vom Schicksal ungerecht behandelt fühlte: «So ist Fussball.» Er schien kaum Trübnis darüber zu empfinden, fortan wohl neben Lionel Messi zu den Unvollendeten des Fussballs gezählt zu werden.

Vier Anläufe hat Ronaldo hinter sich, viermal ist er gescheitert: in Deutschland 2006 (Halbfinale), in Südafrika 2010 (Achtelfinale), in Brasilien 2014 (Vorrunde), nun also in Russland 2018. Nie reichte es für ihn zu mehr als Vorrundentoren (insgesamt sieben), am Samstag beim 1:2 gegen Uruguay ging er leer aus. Sieben Tore sind nicht wenig. Andererseits ist es auch nicht so viel für einen, der sich selbst für den besten Fussballer der Geschichte hält.

«Es ist nicht der Moment, über die Zukunft zu reden»

«Die Bilanz ist nicht brillant, doch sie sollte die Portugiesen mit Stolz erfüllen», sagte Ronaldo. Viel mehr war ihm nicht zu entlocken: Wie bei der gesamten WM liess er sich nur von offiziellen Vertretern des Weltverbandes Fifa interviewen. Doch was er sagte, reichte, um in der Heimat Aufregung zu verursachen.

Video: Ronaldos Tiefpunkt an der WM

Gegen den Iran verschoss Portugals Superstar einen Penalty.

«Es ist nicht der Moment, über die Zukunft zu reden», sagte Ronaldo nämlich, als er zur Zukunft Portugals befragt wurde. Will Ronaldo der portugiesischen Nationalelf fortan nicht mehr zur Verfügung stehen? Der fünfmalige Weltfussballer ist auch schon 33 Jahre alt; bei der nächsten WM in Katar 2022 wäre er 37 und im Grunde zu alt, um nach dem letzten fehlenden Titel zu greifen. Oder doch nicht? Portugals Trainer Fernando Santos sagte: «Ronaldo hat dem Fussball noch viel zu geben.» Natürlich wolle man, dass er Teil der Nationalmannschaft bleibe, «um jungen Spielern zu helfen, die noch wachsen müssen. Es ist wichtig, dass der Kapitän präsent ist. Und in solchen Stunden sagt er immer Ja», fügte Santos hinzu.

Vermutlich täuscht er sich nicht, Ronaldo empfindet durchaus Verantwortung für das Nationalteam. Und Portugals Fussballverband FPF bemühte sich laut der Zeitung O Jogo eiligst darum, die Äusserungen Ronaldos als ein Missverständnis zu interpretieren. Er habe sich auf seine Zukunft bei Real Madrid bezogen.

Dort liegt einiges im Argen. Nach dem Champions-League-Triumph von Kiew, zum Ende einer Saison also, in der er stolze 43 Pflichtspieltore erzielt hatte, stellte Ronaldo tatsächlich seinen Verbleib bei Real infrage. Der Grund: Der Verein zahlt ihm knapp halb so viel, wie der Brasilianer Neymar (Paris) oder der Argentinier Messi (Barcelona) verdienen. Eine Ungleichbehandlung sondergleichen, klagt Ronaldo stets.

Messi als Grund für seine Gelassenheit?

Zuletzt setzte eine spanische Zeitung in die Welt, Real Madrid habe die vertraglich festgeschriebene Ablöse von einer Milliarde Euro gesenkt – auf 120 Millionen Euro. Real Madrid würde sich wahrscheinlich sogar mit 80 Millionen Euro zufriedengeben; die rund 100 Millionen Euro, die der zuvor bei Manchester United agierende Ronaldo im Sommer 2009 an Ablöse kostete, haben sich bestens amortisiert.

Allein: Es gibt keinen Markt für Ronaldo. Einerseits will er auf höchstem Niveau spielen, da kommen nur wenige europäische Klubs infrage. Andererseits würde er, wo auch immer, mehr als 40 Millionen Euro verdienen wollen. Netto. Am Sonntag meldete Tuttosport, Juventus Turin wolle Ronaldo holen, für 250 Millionen Euro. Doch der Wahrheitsgehalt dieser Spekulation gilt als überschaubar.

Dafür kann man leicht erraten, warum Ronaldo so ausgeglichen wirkte, als er durch die Katakomben des Fischt-Stadions schlenderte: Die für ihn so wichtige Weltfussballer-Trophäe ist zumindest nicht mehr durch Messi in Gefahr. Mit dem Argentinier, der ebenfalls am Achtelfinal-Samstag scheiterte, hat er sich bei der Auszeichnung seit 2007 abgewechselt.

Was den Dienst am Vaterland anbelangt, fühlt er sich bestätigt. Er wurde 2016 der erste portugiesische Kapitän, der eine internationale Trophäe in die Luft stemmen konnte. In Frankreich führte er die portugiesische Mannschaft an, die den Europameistertitel holte. Das kann ihm niemand nehmen, ebenso wie die 85 Tore in 154 Länderspielen.

Nur an Eusébio ist er gescheitert: Dieser hatte bei der WM 1966 in England neun Tore erzielt. Ronaldo war in Russland zunächst gut unterwegs, dann zeigte seine Formkurve nach unten: Beim 3:3 gegen Spanien erzielte er alle drei Treffer; gegen Marokko schoss er den 1:0-Siegtreffer, gegen Iran versagten ihm beim Strafstoss die Nerven, gegen Uruguay ward er kaum gesehen. Gerade so, als wollte er einen seiner Förderer, Carlos Queiroz, bestätigen, den portugiesischen WM-Trainer Irans. Der hatte Ronaldo, dem Mann von der Blumeninsel hinterhergerufen, Portugals Fussball sei nicht auf Madeira geboren worden. Sondern in Mosambik, der Wiege Eusébios.

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