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Neue Corona-MassnahmeSo lässt die Waadt Angestellte trotz Quarantäne weiterarbeiten

Der Kanton hat eine neue Schutzmassnahme entwickelt: die «Sozialquarantäne». Die Vorgaben des Bundes werden dabei strapaziert.

Der Kanton Waadt hat eine neue Quaratäneform entwickelt: Die Sozialquarantäne. Beim Pflegepersonal des Lausanner Universitätsspitals sorgt das für Unmut.
Der Kanton Waadt hat eine neue Quaratäneform entwickelt: Die Sozialquarantäne. Beim Pflegepersonal des Lausanner Universitätsspitals sorgt das für Unmut.
Foto: Jean-Christophe Bott (Keystone)

Die Waadt hat eine neue, eigene Corona-Schutzmassnahme entwickelt. Offiziell präsentiert wurde sie bislang nicht. «Quarantaine sociale» (Sozialquarantäne) nennen die Waadtländer Gesundheitsbehörden ihre Innovation. Mit dem Begriff konfrontiert, sagt Mauro Poggia, Gesundheitsdirektor des Nachbarkantons Genf: «Davon habe ich noch nie gehört. Diese Massnahme gibt es bei uns nicht.» Ruedi Hauri, Präsident der Vereinigung der Kantonsärzte, sagt: «Von der Sozialquarantäne habe ich erst vor kurzem aufgrund einer Medienanfrage gehört. Eine Diskussion unter Kantonsärzten darüber ist mir nicht bekannt.» Auch das Bundesamt für Gesundheit (BAG) dürfte sich für die Massnahme interessieren, weil sie die geltenden Richtlinien strapaziert. Äussern dazu will es sich nicht.

In «Sozialquarantäne» schickt die Waadt Berufstätige, die zu einer positiv auf das Coronavirus getesteten Person Kontakt hatten. Der Kontakt muss in den 48 Stunden vor Erhalt des positiven Testresultats stattgefunden haben, ohne Masken und Sicherheitsabstand. Was die Quarantäne speziell macht: Sie gilt fürs Privat-, nicht aber fürs Berufsleben. Betroffene sollen normal zur Arbeit gehen, die Maskenpflicht in Bus oder Zug befolgen und das Schutzkonzept ihres Arbeitgebers einhalten. Restriktionen gibt es hingegen für die Freizeit. Dort sollen sie weder Freunde treffen noch Bars und Restaurants besuchen und auch nicht einkaufen gehen. Darüber hinaus soll man sich in der «Sozialquarantäne» für die Dauer von zehn Tagen einmal täglich die Körpertemperatur messen.

«Wenn die Quarantäne darin besteht, soziale Kontakte zu meiden, aber weiterzuarbeiten, ist das eine sehr breite Interpretation der Bundesempfehlungen.»

Ruedi Hauri, Präsident der Vereinigung der Kantonsärzte

Das BAG hat grundsätzlich andere Vorstellungen. Es schreibt Leuten, die engen Kontakt zu einer am Coronavirus erkrankten Person hatten, in den seit dem 12. September gültigen Quarantäneanweisungen vor, «sich für zehn Tage zu Hause in Quarantäne zu begeben, falls die Person während des Kontakts ansteckend war». Ruedi Hauri sagt über die Waadtländer Massnahme: «Wenn die Quarantäne darin besteht, soziale Kontakte zu meiden, aber weiterzuarbeiten, ist das eine sehr breite Interpretation der Bundesempfehlungen. Sie ist nicht unhaltbar, aber sie entspricht nicht mehr der eigentlichen Idee hinter der Quarantäne.» Hauri warnt: «Die Schutzmassnahmen am Arbeitsplatz und auf dem Arbeitsweg müssen dann sehr konsequent eingehalten werden. Die Zahl heikler Kontakte steigt damit, und die Chance, dass die Quarantänepflichtigen dabei Fehler begehen, ist hoch.»

Ein guter Soldat bleiben

Die Zeitung «20 minutes» hat am Mittwoch einen besonderen Fall am Universitätsspital Lausanne publik gemacht. Für Mitarbeitende der Intensivpflegeabteilung wurde «Sozialquarantäne» angeordnet, nachdem ein Patient positiv auf das Coronavirus getestet worden war. Drei Mitarbeitende wurden hingegen in «normale Quarantäne» geschickt, obschon sie ebenso viele Direktkontakte zum Patienten hatten. Doch sollen sie im Betrieb der Intensivpflegeabteilung weniger zentrale Aufgaben haben.

Eine Spitalmitarbeiterin, die man in «Sozialquarantäne» schickte, zeigte sie sich gegenüber «20 minutes» irritiert. Sie monierte, man greife in ihre Privatsphäre ein, während sie gegenüber ihrem Arbeitgeber «ein guter Soldat» bleiben müsse. Doch auch die Patientensicherheit stehe auf dem Spiel. «Wenn man potenziell mit dem Coronavirus infiziert ist, ist es seltsam, trotz zusätzlicher Vorsichtsmassnahmen mit ultra-verwundbaren Menschen zu arbeiten», so die Spitalangestellte.