Wie kann ich mich verständlich ausdrücken?

Die Antwort auf eine Frage zum Thema Begriffsstutzigkeit.

Politiker müssen so verständlich reden, dass es alle verstehen: Adolf Ogi bei seiner Neujahrsansprache fürs Jahr 2000. Foto: Keystone

Politiker müssen so verständlich reden, dass es alle verstehen: Adolf Ogi bei seiner Neujahrsansprache fürs Jahr 2000. Foto: Keystone

Peter Schneider@PSPresseschau

Bald werde ich 35 Jahre unter meinen Mitmenschen weilen. Ein ständiger Begleiter ist mir die Begriffsstutzigkeit meiner Mitmenschen. Meine Frage daher an Sie: Wie drückt sich ein Mensch für andere Menschen verständlich aus?R. S.

Liebe Frau oder lieber Herr S.

Ganz einfach. Immer hübsch angepasst an den Grad der Begriffsstutzigkeit der jeweiligen Mitmenschen. Das klingt jetzt süffisant ironisch, ist aber nicht so gemeint. (Das war jetzt ein Beispiel dafür, was ich meine: Man hängt vorsichtshalber noch eine Erklärung dran.)

Verständlichkeit und Verstehen sind nun mal (manchmal finde ich: leider leider) kontextgebunden und unterliegen zudem der Möglichkeit des Irrtums und der Fehlerhaftigkeit (sog. Missverständlichkeit respektive Missverstehen).

Dazu kommt noch das Problem der Überverständlichkeit: Sie können auch jemanden vorsichtshalber so behandeln, als sei er ein bisschen begriffsstutzig, und es dann mit der Verständlichkeit so übertreiben, dass Sie statt Dankbarkeit Verärgerung ernten. Sagt man (um es allen recht zu machen – denen, die nicht wissen, was Hegel sagte, und denen, die es wissen): «Bekanntlich wies Hegel darauf hin, dass ...», halten einen die, die nicht wissen, wer oder was Hegel ist, für einen blöden Blöffsack – und die Hegelianer unter den Zuhörer*innen für einen Dummschwätzer, der sie mit längst Bekanntem belästigt.

Ein undankbares Geschäft

Kommunikation zwischen Mensch und Mitmensch ist also ein undankbares Geschäft. Viel lernen kann man in dieser Hinsicht von Fernsehinterviews mit Experten. Sagt der Moderator: Herr X, Sie sind Meteorologe. Was bedeutet der viele Regen der letzten Tage? Der Meteorologe: Nun, zunächst einmal wird die Erde nass. Der Moderator: Das müssen Sie unseren Zuschauern jetzt aber erklären. Merke: Es gibt kein Verständlichkeitsniveau, dessen Unterschreitung nicht jederzeit noch von einem gefordert werden könnte.

Wobei keine Ahnung von etwas zu haben, ja keine Schande ist. Das Problem ist allerdings, dass die Ahnungslosigkeit des Ahnungslosen meist als Vorwurf gegen den – wie soll man ihn nennen? – den Ahnenden gewendet wird. Dieser ahnt das Schlimmste und wird nicht enttäuscht: Man wirft ihm Unverständlichkeit vor.

Darin liegt häufig auch die Krux der Politik. Politiker*innen müssen (bekanntlich!) so verständlich reden, dass es alle verstehen – inklusive die, die es einen Scheissdreck interessiert, und die, die es schon deshalb nicht begreifen, weil sie es gar nicht begreifen wollen.

Ach herrjeh! Verstehen wenigstens Sie mich?

Der Psychoanalytiker Peter Schneider beantwortet jeden Mittwoch Fragen zur Philosophie des Alltagslebens. Senden Sie uns Ihre Fragen an gesellschaft@tagesanzeiger.ch

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