Muss ich meinen Partner immer unterstützen?

Die Antwort auf eine Leserfrage zum Thema Beziehung.

Die hohe Kunst des Verständnisses besteht darin, die Fremdheit des anderen anzuerkennen und auszuhalten. Foto: Getty Images

Die hohe Kunst des Verständnisses besteht darin, die Fremdheit des anderen anzuerkennen und auszuhalten. Foto: Getty Images

Peter Schneider@PSPresseschau

Soll oder muss man jemanden unterstützen bei einem Vorhaben, an das man nicht glaubt oder das man nicht gut findet und dagegen ist? Ich befinde mich in einer solchen Situation; mein Partner verlangt Verständnis und Unterstützung, ich aber kann ihm diese nicht geben, weil es entgegen meiner Überzeugung ist. Wir haben deswegen heftig gestritten, darum möchte ich gerne Ihre Meinung dazu wissen.
E.S.

Liebe Frau S.

Ich fange mal mit dem leichten Teil Ihrer Frage an. Nein, müssen muss man nicht. Ich weiss zwar nicht, worum es bei dem Vorhaben Ihres Mannes geht; nehme aber (zu seinen Gunsten) an, dass es sich nicht um Steuerbetrug oder einen Auftragsmord handelt, sondern um etwas Legales, das Ihnen freilich gehörig gegen den Strich geht.

Ich finde, Ihr Mann verlangt zu viel, wenn er aktive Unterstützung von Ihnen erwartet. Kommen wir zum Verständnis. Auch Verständnis kann man ja nicht einklagen, aber an diesem Punkt wird die Sache weniger eindeutig. Verständnis wird oft als Zustimmung gedeutet: Ich verstehe deine Motive und würde an deiner Stelle auch so handeln. Das ist aber eine sehr enge Auffassung von Verständnis; es ist eine Art Verständnis, das eine partielle Identifikation voraussetzt.

Die hohe Kunst des Verständnisses besteht darin, die Fremdheit des anderen (mindestens in dieser einen Angelegenheit) anzuerkennen (das ist oft noch das Einfachere) und auszuhalten (das ist das Schwierigere). Anzuerkennen und auszuhalten, dass es andere Auffassungen vom Leben gibt als die eigenen, und zwar auch in Fragen, die für einen selber wesentlich sind, insofern sie nämlich «Überzeugungen» betreffen. Fragen, die man darum auch nicht einfach nach dem Grundsatz «Let’s agree to dis­agree» ausklammern kann.

Um Verständnis bitten, nicht verlangen

In einer Partnerschaft, die ja meistens auf dem Prinzip der Ähnlichkeit und nicht maximaler Gegensätzlichkeit beruht, ist das besonders schwierig. Aber manchmal lohnt es sich auch, den Tatbeweis für Toleranz zu erbringen, das heisst, die eigene Überzeugung zu relativieren, indem man ernst nimmt, dass andere Überzeugungen ein gleichberechtigtes Existenzrecht haben. Man wird dadurch kein Fähnlein im Winde, keine Opportunistin.

Dieselben Überlegungen gelten freilich auch für Ihren Mann. Auch er müsste sich überlegen, was er Ihnen mit seinem Wunsch, wenn nicht gar Anspruch zumutet, und sich vielleicht mit dem Gedanken anfreunden, dass man nicht alles, was man möchte, auch mit dem Segen des anderen durchführen kann. Und dass man um Verständnis allenfalls bitten, es aber nun einmal nicht verlangen kann.


Der Psychoanalytiker Peter Schneider beantwortet jeden Mittwoch Fragen zur Philosophie des Alltagslebens. Senden Sie uns Ihre Fragen an gesellschaft@tagesanzeiger.ch

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt