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Sommerserie GrenzenFlirten Sie noch oder belästigen Sie schon?

Seit #MeToo dürfe man gar nichts mehr, finden manche, schon gar nicht flirten. Ein grosser Irrtum.

Sie scheinen sich zu amüsieren. Und zwar beide.
Sie scheinen sich zu amüsieren. Und zwar beide.
Getty Images

Als im Herbst 2017 der Hashtag #MeToo im Internet auftauchte, geschah in den Kommentarspalten der berichtenden Zeitungen etwas Merkwürdiges: Auffallend viele Kommentatoren – und einige wenige Kommentatorinnen – sahen durch die neue Debatte offenbar ihre persönliche Freiheit gefährdet. «Nichts darf man mehr», las man da – und liest man noch heute.

Zur Erinnerung: Unter dem Hashtag #MeToo berichteten Betroffene von sexuellen Übergriffen. Die Kommentierenden waren jedoch nicht der Meinung, die Zeiten zu betrauern, als sie fröhlich ihre Mitmenschen belästigt hatten, sondern das Flirten. Das sei seit #MeToo nämlich nicht mehr möglich. Der Grund: «Heute ist ja alles sofort ein Übergriff.»

Das ist ein grosser Irrtum. Flirts und Übergriffe sind nicht dasselbe – und es sind auch keine magischen Kräfte erforderlich, um die Unterschiede festzustellen.

Die Sache mit dem Spass

Es beginnt mit der fast banalen Feststellung, dass Flirts allen beteiligten Spass machen und Übergriffe nicht. In diesem Sinn ist Flirten wie ein Spiel wenn jemand nicht mitmacht, kann man nicht von einem Spiel sprechen. Ein Tennisspiel, bei dem eine Person eigentlich gar nicht mitspielt, ist kein Tennis, sondern Belästigung mit Ball.

Aber wann spielt jemand nicht mehr mit? Wann überschreitet man die Grenze seines Gegenübers und tut etwas, was für die andere Person das Spiel beendet? Im Magazin, das dieser Zeitung samstags jeweils beiliegt, fabulierte neulich Schriftsteller Peter Haffner von einer Sprach-App, die es «dem Mann weiterhin erlaubt, so zu reden, wie ihm der Schnabel gewachsen ist», und trotzdem bei Frauen zu landen, indem die App das Gesagte einer Person just in den Jargon des Gegenübers übersetzt. Haffner stellt sich das etwa so vor:

Sagt er am Tresen der Bar: «Deine Brüste sind wie junge Zwillinge», hört sie: «Darf ich mich zu Ihnen setzen?» Sagt er: «Dein Schoss ist wie ein runder Becher», hört sie: «Darf ich mit Ihnen reden?» Und sagt er: «Lass deinen Mund sein wie guter Wein», hört sie: «Darf ich Ihnen aus der Bibel vorlesen?» (Peter Haffner in Das Magazin, 20. Juni 2020)

Klar, der Text ist Satire – aber das kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass in seinem Zentrum ein problematisches Missverständnis steht: Nämlich die Annahme, dass die beiden Charaktere im Grunde dasselbe meinen und nur nicht dieselbe Sprache sprechen. Aber dem ist nicht so – er will offenbar ihren Körper kommentieren, während sie sich nicht einmal sicher ist, ob sie sich ein Gespräch wünscht. Das sind zwei völlig unterschiedliche Bedürfnisse – und mit ziemlich grosser Wahrscheinlichkeit eine Grenzüberschreitung seinerseits: Den meisten Menschen ist es unangenehm, wenn Fremde in Bars ungefragt anzügliche Beschreibungen ihrer Brüste raushauen. Eine App kann dieses Problem nicht lösen, denn ein Programm, das Grenzüberschreitungen korrigiert, wird es wohl nie geben.

Es mag zwar keine Übersetzungsapp, kein Regelhandbuch oder Skript geben, das klar festlegt, wie sich Person P in Situation S zu verhalten hat, und das alle Beteiligten streng befolgen. Trotzdem stehen einem solide Werkzeuge zur Entschlüsselung der Gemütslage seiner Mitmenschen zur Verfügung. Denn Haffners etwas abgedroschenes Klischee, dass Männer und Frauen nicht dieselbe Sprache sprechen, ist zum Glück nicht mehr als ein Klischee: Erstens gibt es Dinge, die den meisten unangenehm sind – anzügliche Komplimente beispielsweise oder plötzliches Anfassen. Und zweitens senden Menschen Signale – sie teilen über Körpersprache, Mimik, unterschiedlich lange Antworten und, natürlich, die Inhalte ihrer Antworten mit, ob ihnen eine Begegnung unangenehm ist oder nicht. Und im Zweifelsfall gibt es ja den altbewährten Trick mit dem Nachfragen: «Ist das okay für dich?»

Es gibt viele Möglichkeiten, Grenzen zu überschreiten

Es gibt viele Formen der Grenzüberschreitungen: Tänzer, die einem hartnäckig am Hinterteil kleben, obwohl man schon dreimal davongelaufen ist. Menschen, die immer wieder das Gespräch suchen, obwohl die Antworten stets einsilbig sind. Männer, die auf Zurückweisung hin fragen, «was – hast du einen Freund?» Grenzüberschreitungen sind das Ignorieren von Signalen und das sich Hinwegsetzen über die Bedürfnisse seines Gegenübers. Nicht aufhören, obwohl man längst aufhören müsste.

Es ist nicht so, dass man nichts mehr darf seit #MeToo. Die Bewegung hat das Bewusstsein dafür geschärft, dass Grenzüberschreitungen übergriffig sind, dass Flirten nur dann Flirten ist, wenn alle Beteiligten sich wohl fühlen. Frauen sind keine Beute, die Männer jagen müssen, und auch keine Gebäude, die es zu erobern gilt. Sondern Menschen, mit denen man vielleicht ins Gespräch kommt – manchmal mögen sie einen und manchmal eben nicht.

Es gibt Leute, die behaupten, es falle ihnen schwer, die Signale ihrer Mitmenschen zu deuten. Vielleicht sollten wir als Gesellschaft mehr Wert darauf legen, genau diese Kompetenzen zu erwerben: Wie verstehe ich meine Mitmenschen? Wie trete ich anderen nicht zu nahe? Was ist Konsens? Und warum ist er so wichtig? Und wie sage ich, dass mir etwas unangenehm ist? Wir könnten ein Schulfach einführen und zu Hause mit unseren Kindern darüber sprechen. Vielleicht schärft auch die Corona-Krise unser Bewusstsein für Nähe und Distanz, für den Umstand, dass persönliche Grenzen nicht bei allen Menschen dieselben sind. #MeeToo war jedenfalls ein Anfang.

2 Kommentare
    Foot

    Es hat sich glaub ich nichts geändert. Die welche wissen, dass sie ankommen, flirten weiterhin und die, welche aufgrund zu tiefen Marktwerts eh abgewiesen werden, lassen es sein. Besoffene Grabscher sind ein no-go, aber dass beim Einen derselbe Spruch als übergriffig taxiert wird, der beim Anderen als erwünschter Flirt gilt, hat nichts mit „Spiel“ zu tun, sondern nur mit Anspruchsdenken. Das Leben ist halt nicht fair, sondern knallharte Auslese.