Der Ministrant, dem Deutschland vertraut

Warum Joachim Löw keine lauten Töne braucht, um über 80 Millionen Bundestrainer zu regieren – und was ihn zum vielleicht einzigen Deutschen von Welt macht.

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Alexander Kühn@alexkuehnzh

Wenn selbst das Frauenmagazin «Brigitte» schreibt, Deutschland befinde sich im Jogi-Fieber, dann muss dieser Jogi wirklich ein ganz toller Hecht sein. Der Mann, der Einkochtechniken für Stachelbeeren und das Rezept für die beste Cassata zur Randnotiz werden lässt, das ist Joachim Löw – Bundestrainer, Fussballerversteher, Obertaktiker, leider schon verheirateter Traumschwiegersohn und Projektionsfläche für die Sehnsüchte einer ganzen Sportnation in Personalunion.

Bei so viel geballter Kompetenz stört es keinen, dass der Messias seit seinem Amtsantritt nach der WM 2006 noch gar nichts gewonnen hat und obendrein noch einen Dialekt spricht, der in weiten Teilen des Landes freundlich ausgedrückt als etwas merkwürdig gilt. Schliesslich ist Löw das, was es eigentlich gar nicht gibt: der Deutsche von Welt. Er hat den deutschen Fussball schon als Assistent seines Vorgängers Jürgen Klinsmann reformiert und das Bild seiner Nation im Ausland nachhaltig verbessert. Mit stets akkurat gekämmter schwarzer Haarpracht, eng anliegendem Hemd, lässig gebundenem Seidenschal und einer Zurückhaltung, die so mancher weniger erfolgreiche Berufskollege nicht einmal vor dem lieben Gott persönlich an den Tag legen würde.

Er darf sogar Gomez auf die Bank setzen

Jeder mag Löw, und so wagt es nicht einmal die «Bild»-Zeitung, an den Fähigkeiten des ehemaligen Ministranten aus dem Schwarzwald zu zweifeln. Der Sohn eines Ofensetzers, der allen Unkenrufen zum Trotz betont, seine Haarpracht sei ebenso echt wie die Liebe zu seiner Ehefrau, scheint beim gewöhnlich kritischen deutschen Fussballfan eine Art Urvertrauen auszulösen. Man verzeiht es ihm sogar, wenn er den dreifachen EM-Torschützen Mario Gomez auf der Bank sitzen lässt und dafür den schon 34-jährigen Senior Miroslav Klose in die Sturmspitze stellt. Die überwiegende Mehrheit der 80 Millionen Bundestrainer in Deutschland lässt das Schimpfen inzwischen lieber sein und sagt sich stattdessen: Der Jogi wirds schon richten.

Denn was gibt es Besseres als einen Mann, der einem die ganzen Fussballsorgen abnimmt und im Fall des Scheiterns auch noch erklären kann, dass die eigene Mannschaft zwar sehr gut, der Gegner aber halt noch ein Stückchen besser war. Wenn Löws Deutschland verliert, kann man sich zudem immer noch damit trösten, dass die DFB-Elf in allen anderen Partien die beste der Welt war.

Nicht länger archaisch, sondern schöngeistig

Löw ist eine Kultfigur, aber nicht in jenem abgelutschten Sinn wie einst Rudi Völler, den man Tante Käthe nannte und mit dem entsetzlichen Schlager «Es gibt nur ein'n Rudi Völler» zur Melodie von «Guantanamera» beschenkte. Löw ist eine Kultfigur, weil ihn sein Land wie keinen der Amtsinhaber nach Franz Beckenbauer als Hohepriester der Fussballkunst akzeptiert hat und sich entsprechend lustvoll vor ihm verneigt. Frauen und Männer gleichermassen. Der Fussball der deutschen Nationalelf ist zum geschlechterübergreifenden Vergnügen geworden, er kommt nicht länger archaisch daher, sondern schöngeistig.

langenthalertagblatt.ch/Newsnetz

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