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Im nordkoreanischen Berggebiet«Es hatte fast einen italienischen Touch»

Setzt auf Kultur als Schlüssel zum Dialog mit Nordkorea: Beat Hächler, Direktor des Alpinen Museums, auf der Baustelle der bevorstehenden Ausstellung «Let’s talk about mountains».

Beat Hächler, ist es eigentlich schön in den Bergen von Nordkorea?

Zweifellos. Wir besuchten etwa das Ausflugsgebiet Kumgangsan an der Grenze zu Südkorea, das als eines der schönsten Berggebiete ganz Asiens gilt. Es sieht dort fast wie im Maggia- oder Bavonatal im Tessin aus. Felswände, Granitblöcke, grünes Wasser, viele bunte Wandergruppen.

Unser Nordkorea-Bild ist geprägt von leeren Plätzen in Pyongyang, vom militärischen Führerkult um Diktator Kim Jong-un, von Mangelwirtschaft und drangsalierter Bevölkerung. Wie weltfremd ist es, sich auf das schöne nordkoreanische Berggebiet zu konzentrieren?

Die Antwort liegt schon in Ihrer Frage. Nordkorea ist bei uns mit wenigen krassen Bildern im Kopf, andere Zugänge sind uns quasi nicht möglich, weil wir keine anderen Bilder kennen. Meine Erfahrung aus den letzten zehn Jahren im Alpinen Museum mit Projekten zu Taiwan, Afghanistan oder dem Iran ist aber die: Berge spielen in Gebirgsländern in alle Lebensbereiche hinein, in Wirtschaft, Bildung, Religion. Sie können deshalb zu einem Schlüssel für einen Zugang werden, wenn die Türe sonst verschlossen ist.

«Wir reisten nicht mit einer vorgefertigten Analyse nach Nordkorea, um sie bloss noch zu bebildern.»

Wie kamen Sie darauf, dieses Modell auf den Extremfall Nordkorea anzuwenden?

Als ich 2014 die Biennale in Venedig besuchte, stiess ich im südkoreanischen Pavillon auf eine private Sammlung von Plakaten aus Nordkorea, und mir fiel auf, wie präsent Berglandschaften sind. Ich musste mir zuerst selber bewusst machen, dass Nordkorea ein Land ist, mit 25 Millionen Einwohnern dreimal so gross wie die Schweiz, das zu 80 Prozent hügelig oder gebirgig ist.

Omnipräsente Berge: Billardspieler im Hotel Kumgansan vor einer Reliefdarstellung des nordkoreanischen Berggebiets.

Was die Grundlage wurde für Ihre Reisen und das Ausstellungsprojekt?

Der Gedanke war: Mit den Bergen hat die Schweiz eine Gemeinsamkeit mit Nordkorea, die vielleicht ein echtes Gespräch in Gang setzen kann, ohne dass die Warnlampen gleich auf Rot gehen.

Klar, weil man die heissen politischen Themen ausblendet.

Es geht nicht um Ausblendung, sondern darum, auch die Menschen zu sehen,
sich für ihre Sicht zu interessieren, ihnen zuzuhören und sie im O-Ton reden zu lassen. Wir reisten nicht mit einer vorgefertigten Analyse nach Nordkorea, um sie bloss noch zu bebildern.

Sondern?

Wir suchten den Dialog, mit echtem Interesse an den Menschen. Ein dialogischer Ansatz ist für mich die Voraussetzung, schwierige Fragen überhaupt zum Thema machen zu können. Das jetzt realisierte Projekt sucht die Auseinandersetzung – zunächst mit unserem Publikum, aber gerne auch mit der nordkoreanischen Botschaft. Ob es dazu kommt und was dabei herausschaut, wird die Erfahrung zeigen. Grundsätzlich: Was spricht dagegen, mit den Mitteln der Kultur das Gespräch zu suchen?

Nichts. Wobei es schon darauf ankommt, wie es die nordkoreanische Botschaft sieht.

Als ich dort das erste Mal anrief und mein Anliegen kurz skizzierte, wurde ich höflich gefragt, ob ich mich nicht verwählt habe und eigentlich die südkoreanische Botschaft suche. Unser Ansatz war für Nordkorea zweifellos gewöhnungsbedürftig. Es kam dann zu einem Gesprächstermin, und zwei Monate später erhielt ich ein Telefon aus Pyongyang. Man sei interessiert und bereit, sich darauf einzulassen.

Wo bei uns Werbung prangen würde, sieht man in Nordkorea Bergpanoramen: Busstation in Pyongyang mit einem Bild des Vulkans Paektusan.

Schliesslich reisten Sie zweimal nach Nordkorea. Wie frei bewegten Sie sich?

Wir waren von morgens bis abends betreut, in etwa so stelle ich mir eine Reise auf einem Kreuzfahrtschiff vor. Ab und zu macht man einen Landgang.

«Aber wenn sich die Leute von uns interviewen liessen, gehörte es stets dazu, dem Führer Kim Jong-un zu danken für die schöne Landschaft.»

Zum Beispiel zum tessinähnlichen Ausflugsgebiet Kumgangsan. Wen trafen Sie?

Die Leute sind unterwegs im Ausflüglerstil, mich erinnerte die Szenerie an Bilder aus den Fünfziger- oder Sechzigerjahren bei uns. Wir sahen Wandergruppen in kurzen Hosen, mitunter recht laut und heiter, es hatte fast einen italienischen Touch.

Fast wie im Maggiatal: Nordkoreanische Ausflüglerinnen und Ausflügler in den Bergen von Kumgangsan.

Die Vorstellung ist, dass da alle in Uniform im Stechschritt den Berg hochlaufen.

Das ist das Bild, das man im Kopf hat. Im Vergleich zu Pyongyang, wo die Leute so zackig unterwegs sind, dass man die Marschschulung herauszuspüren glaubt, war hier in den Bergen eine gewisse Entspannung spürbar, die Freude an der frischen Luft der Berge, recht ähnlich wie bei uns. Aber wenn sich die Leute von uns interviewen liessen, gehörte es stets dazu, dem Führer Kim Jong-un zu danken für die schöne Landschaft. Mit der Zeit wird der Dank zur Formel.

«Dann antwortete er: Rossignol.»

Wie frei redeten die Leute?

Unsere staatlichen Begleiter fungierten als Dolmetscher und bekamen alle Fragen und Antworten mit. Ich erinnere mich an eine skurrile Szene, Filmer Gian Suhner interviewte im Skigebiet Masikryong einen Skilehrer. Als das Gespräch auf seine Lieblingsskimarke kam, vergewisserte er sich kurz beim Dolmetscher, ob er das sagen dürfe. Dann antwortete er: Rossignol. Man spürte seinen inneren Clinch, dass er als einer, der weiss, wovon er redet, eine westliche Skimarke nennt.

Auf den Gondeln steht noch Ischgl: Der Seilbahntechniker Kim Jong-won in der Skistation Masikryong.

Sie reisten auch zum 2700 Meter hohen Paektusan, an der Grenze zu China.

Dass es sich um einen Vulkan handelt, der noch aktiv und potenziell unruhig ist, macht den Standort in diesem heiklen Grenzgebiet erst recht speziell. Der Paektusan hat im buddhistischen Kulturraum seit Jahrtausenden eine tiefe Bedeutung, für die gesamte koreanische Halbinsel, aber auch für China.

«Man sieht live und in Reinkultur, wie die ideologische Aufladung dieses Berges transportiert wird.»

Doch das nordkoreanische Regime verklärt ihn pseudoreligiös zum «Heiligen Berg der Revolution», sogar das Geburtshaus des früheren Staatschefs Kim Jong-il wurde an diesen Berg verlegt.

Ja, in Pyongyang hängt an fast jeder Busstation ein Bild des Paektusan. Als wir auf die nordkoreanische Botschaft in Bern gingen, sahen wir als Erstes: ein Bild des Paektusan. Dass man vor Ort wunderschöne Sonnenaufgänge erleben kann, macht ihn zu einem spektakulären patriotischen Wallfahrtsort. Man trifft auf Arbeitsbrigaden und Schulklassen, die Fotos und Selfies machen. Absolut faszinierend, diesem Treiben zuzuschauen. Man sieht live und in Reinkultur, wie die ideologische Aufladung dieses Berges transportiert wird. Auch wenn man es nicht eins zu eins vergleichen kann: Ganz fremd ist uns ja das nicht, wenn man an den Gotthardmythos denkt und die Réduit-Ideologie im Zweiten Weltkrieg.

Patriotischer Gipfelmoment: Ausflügler winken am «Heiligen Berg der Revolution», dem Paektusan, ein nordkoreanischer Kameramann filmt.

Wollte die nordkoreanische Botschaft Ihr Filmmaterial sichten, ehe es in Bern gezeigt wird?

Die Frage tauchte auf, bereits, als wir in Nordkorea waren, und später auch seitens der Botschaft in Bern. Meine Antwort war stets dieselbe: In unserem westlichen Kulturverständnis ist es nicht vorstellbar, dass ich als Macher den Inhalt der Ausstellung von einer politischen Instanz absegnen lasse. Das ist nicht verhandelbar.

«Die nordkoreanische Botschaft bestätigte, sie respektiere die künstlerische Freiheit des Museums.»

Verstanden das die Nordkoreaner?

Auch der Stiftungsrat des Alpinen Museums, also meine Vorgesetzten, bekommen die Ausstellung erst zu sehen, wenn sie steht. Mir ist bewusst, dass dies für die nordkoreanische Seite nicht wirklich verständlich ist, aber die nordkoreanische Botschaft bestätigte, sie respektiere die künstlerische Freiheit des Museums. Auch bei der Ausreise aus Nordkorea wurde unser Filmmaterial nicht kontrolliert.

Aber Sie hoffen schon, dass sich die Nordkoreaner die Ausstellung anschauen werden?

Ich werde die nordkoreanische Botschaft zu einem Besuch einladen, selbstverständlich, sobald wir die Ausstellung eröffnen. Ebenso sollen unsere nordkoreanischen Reiseguides nach Bern eingeladen werden. Ob sie kommen können, ist mit Corona derzeit noch offen. Ich hoffe sehr, dass es zu einem Austausch kommt, ich könnte mir eine öffentliche Veranstaltung mit den Nordkoreanern vorstellen, wenn eine echte Diskussion möglich ist. Wünschbar ist, dass unsere filmische Annäherung an Nordkorea bestehende Bilder im Kopf herausfordert, eine produktive Neugier auslöst, die eine Auseinandersetzung ermöglicht. Bei uns, aber gerne auch auf der nordkoreanischen Seite.