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Nachruf auf Peter ThomasEr jazzte mit Bardot in den Sonnenuntergang

Peter Thomas vertonte Hunderte von deutschen TV-Produktionen, darunter die Klassiker aus den 60er-Jahren. Später klopften Tarantino und Pulp bei ihm an. Jetzt ist der Komponist im Alter von 94 Jahren in Lugano gestorben.

Er schrieb die Musik zu «Raumpatrouille Orion»: Peter Thomas, hier vor der Kulisse der Bühnenversion von 2008.
Er schrieb die Musik zu «Raumpatrouille Orion»: Peter Thomas, hier vor der Kulisse der Bühnenversion von 2008.
Bild: imago stock&people/Horst Galuschka

Peter Thomas, Komponist für Film und Fernsehen, Schlager und Musical, Bandleader und Soundbastler, Experimentator, Visionär, Berliner Schnauz­träger und unermüdliches Arbeitstier, ist tot. Er starb in der Nacht zum Montag in seiner Villa in Lugano, im Alter von 94 Jahren, wie sein DVD-Vertrieb und ein befreundeter Produzent mitteilten. Eine traurige Nachricht für alle, die etwa sein unsterbliches Titelthema der Fernsehserie «Raumpatrouille» noch im Ohr haben. Und doch ist es bezeichnend, dass man sich auch in diesem Moment vor allem an die Leichtigkeit erinnert, die er persönlich ausstrahlte, die er feierte in seiner Musik, die er dem schweren Ernst entgegensetzte.

Die Welt des Peter Thomas, man konnte sie sich wie eine endlose, jeder Zeit entrückte Cocktailparty vorstellen. Elegante Location, viel Mahagoni und Milchglaslampen in Kugelformen, hinter Panoramascheiben liegt je nach Jahrezeit Kitzbühel, der Strand von St. Tropez oder der Lago Maggiore. Davor stehen Brigitte Bardot und Gunther Sachs, er trägt einen weissen Rollkragen­pullover, sie trägt ihr Lächeln aus dem Jahr 1967. An der Bar sitzt eine einsame Frau mit riesiger Sonnenbrille, es muss eine dieser grossen alten Diven sein, richtig: Zarah Leander. Und der Mann dort im zerknitterten weissen Anzug, der flammende Blicke durch den Raum schiesst, das ist Klaus Kinski - aber niemand beachtet ihn, man weiss nur, dass er im Kino dauernd den Bösewicht spielt. George Clooney und Quentin Tarantino sind auch da und bringen einen Toast auf die Zukunft aus. Denn die, das spüren alle an diesem Abend, hat in diesem Moment ihre beste Zeit noch vor sich.

Peter Thomas hat den Soundtrack zu dieser Party geschrieben. Seine Musik war von Anfang an eine Behauptung, die sich nicht beweisen liess, aber ihre Thesen mit solcher Verve in die Welt hinausposaunte, dass schlichtweg kein Wider­spruch möglich war: Berlin kann genauso swingen wie New York oder Rio de Janeiro; nichts ist so idiotisch wie die Unterscheidung zwischen Kunst und Kommerz; wahre Coolness ist niemals eine Frage von Ort, Zeit oder Herkunft; und gute Musik kommt zwar in den Himmel, böse aber überall hin. In diesem Geist vertonte er Hunderte von Filmen und TV-Produktionen: Edgar Wallace, Jerry Cotton, Erich von Däniken, Francis Durbridge, Will Tremper - eben alles, was im Kino ging und im Fernsehen die Strassen leerfegte. Das «Raum­patrouille-Thema wurde sein unent­rinnbarer Klassiker.

Der Countdown mit Vocoder-Stimme, mit dem es beginnt, ist im Jahr 1966 eines der frühesten Zeugnisse des später weltbeherrschenden deutschen Elektrobastlertums - da spricht der Meister selbst in einen riesigen Verzerrungsapparat in den Kellerverliesen der Firma Siemens. Der treibende Bass, der dann losgeht, ist direkt aus Amerika importiert - oder besser gesagt aus dem legendären «Tabarin»-Club in München, wo schwarze GIs ihre Nächte durchtanzten und ein genialer Bassist am Werk war, den Peter Thomas sogleich in sein Studio verschleppte. Aber schon donnern vier Unisono-Posaunen los, auf dem Weg zu Galaxien, die nie ein Mensch zuvor gesehen hat - sie sind ein Erbe der Familientradition: Der Grossvater war noch Kapellmeister beim 4. Preussischen Garderegiment zu Fuss, der junge Thomas sog Bläsersätze und Marschmusiken schon mit der Muttermilch ein. Das militaristische Pathos jedoch wird sogleich wieder gebrochen, dies ist schliesslich die Bundesrepublik in ihren Teenagerjahren, die Posaunen geben Ruhe und lassen ein Elektropiano ran, das auf Frauen in unfassbaren Bubiköpfen geradezu magische Wirkung hat: Sie folgen einem geheimen Tanzbefehl.

Für die Geschmacksrichter der Grosskunst und die Gremien der Filmaka­demien war Peter Thomas nie ganz satisfaktionsfähig - die Muse, die ihn küsste, schien für fundamentale Anerkennung dann doch zu leicht. Es half auch nicht, dass seine Einnahmen bald so stetig sprudelten, dass er tatsächlich Villen in Lugano, Kitzbühel und St. Tropez erwarb, mit Gunther Sachs und Brigitte Bardot in den Sonnenuntergang starrte und die Kleingeister in der Heimat völlig aus dem Blick verlor. Klaus Doldinger, der für ihn in frühen Jahren manchmal das Saxophon blasen durfte, wurde später bekannter.

Es mussten dann schon andere kommen, um klarzumachen, was für ein Titan hier unter uns geweilt hat: Jarvis Cocker von der Band Pulp zum Beispiel, der in den Nullerjahren für ein Musikzitat bei ihm anfragte und es nicht fassen konnten, wie jung der Gesprächs­partner am anderen Ende der Leitung noch klang; oder ein Archivar wie, ja tatsächlich, Quentin Tarantino, der zur selben Zeit in seinem uferlosen Vinylarchiv auf eine paar Melodien stiess, die er dann seinem Kumpel George Clooney für dessen Regiedebut dringendst ans Herz legte. So kommt es, dass der ganze Anfang des Films «Confessions Of A Dangerous Mind» mit Musik von Peter Thomas bestückt ist - und zwar exakt in jener Form, wie sie vierzig Jahre zuvor aufgenommen wurde.

Peter Thomas war das Beispiel einer durchgehend unpeinlichen deutschen Künstlerexistenz und ein Vorbild für alle, die entschlossen sind, sich über die Grenzen dieses kleinen sicheren Landes hinauszuträumen und doch nicht gleich jenseits des grossen Teichs ihr Glück zu versuchen. Die Unsterblichkeit seiner besten Melodien trägt eine Lehre in sich, die man sich gar nicht oft genug zu Herzen nehmen kann: Dass das wirklich Visionäre und Bleibende oft eben nicht aus verquälter Anstrengung, zelebriertem Grosskünstlertum und verbissener Autorschaft entsteht, sondern genauso aus leichter Routine, elegantem Handwerk und spontanem Irrsinn zwischen zwei Terminen - wenn der letzte Erotikschinken gerade vertont ist und die Deadline für den nächsten Edgar-Wallace-Film einem schon wieder im Nacken sitzt.