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15 Millionen Pints an einem TagEngländer geben sich die Kante

Nach Monaten Zwangsschliessung durften in England am Wochenende die Pubs wieder öffnen. Die Stimmung schwankte zwischen Karneval und Gelage.

Party in Soho: Pubs, Hotels und Restaurants sind in England wieder geöffnet: Eine Frau lehnt sich an einen Strassenreiniger in Soho.
Party in Soho: Pubs, Hotels und Restaurants sind in England wieder geöffnet: Eine Frau lehnt sich an einen Strassenreiniger in Soho.
Foto: Victoria Jones/PA via AP

Was die Erlaubnis zum kollektiven Trinken angeht, ist das Vereinigte Königreich derzeit ein Flickenteppich. In Nordirland öffneten die Kneipen nach mehr als drei Monaten Lockdown schon am vergangenen Freitag, in Wales machen die ersten Pubs an diesem Montag, in Schottland erst am Mittwoch in einer Woche auf. Keine der sogenannten devolved nations aber startete die Pubsaison an einem Samstag, wenn in britischen Städten traditionell die Post abgeht. Gut möglich, dass Downing Street eine Warnung internalisiert hatte, die noch aus dem Ersten Weltkrieg stammt: Damals hingen in den Städten Plakate, die davor warnten, «alkoholische Getränke an einem Montag zu sich zu nehmen» – die Sorge: Trinken unter der Woche schade der Kriegsproduktion. Dann also doch besser am Wochenende?

Polizei und Kommunen hatten vor der Entscheidung gewarnt. Wenn die Regierung den Engländern erlaube, am Samstagmorgen schon ab sechs Uhr in der Früh – zu diesem Zeitpunkt öffneten tatsächlich die ersten Kneipen ihre Türen – die ersten Biere auszuschenken, dann werde das wild, schwierig und gefährlich. Die Medien hatten von einem «Superspreaderday» gesprochen, davon, dass das Coronavirus einen neuen Verbreitungsschub bekommen könne. Mediziner warnten vor einem «Pub-Ageddon».

An physische Distanz, Masken und Händewaschen, an Vorsicht und Einsicht im Kampf gegen Covid-19 sei dann nicht mehr zu denken. Die Regierung schickte, wie so oft, diffuse Signale: Premier Boris Johnson warnte am Freitag noch in einer Pressekonferenz, man solle es langsam und verantwortungsbewusst angehen, während der Finanzminister sagte, man solle rausgehen – und konsumieren, um die Wirtschaft anzukurbeln.

«Es ist so, wie wir es erwartet haben» sagt ein Polizist

Es kam dann zwar nicht so schlimm, wie viele erwartet hatten, aber vor allem in den Grossstädten und an zahlreichen Hotspots kannte die Freude über die neue Freiheit keine Grenzen. 15 Millionen Pints wurden am ersten Tag nach der Wiedereröffnung von Pubs und Restaurants getrunken, nachdem sich die Briten insgesamt 104 Tage lang auf das eine oder andere Glas daheim beschränken mussten; zahlreiche Wirte hoben die Preise gleich mal kräftig an und verlangten auch schon mal zehn Pfund für ein Glas Lager oder Ale.

Das Augenmerk richtete sich vor allem auf Plätze, an denen sich am Wochenende gewöhnlich Massen an Partygehern und Kneipenbesuchern tummeln – so etwa auf Soho im Londoner Zentrum. Die Polizei hatte vorsorglich die Strassen rund um die Old Compton Street abgesperrt und patrouillierte gemeinsam mit Sicherheitsleuten des Bezirks Westminster.

Ungezwungene Atmosphäre in Soho. (5. Juli 2020)
Ungezwungene Atmosphäre in Soho. (5. Juli 2020)
Foto: Keystone

Am frühen Abend war die Menge noch übersichtlich; die Stimmung erinnerte eher an Karneval als an Gelage. Drag Queens paradierten in durchsichtigen Röcken und turmhohen Frisuren, grössere Gruppen geschminkter Männer in Leder und Latex standen vor Schwulenbars, ein Spassvogel hatte sich das Hinterteil aus der Jeans herausgeschnitten und zeigte der Menge seinen nackten Popo. Viele junge Frauen in sehr tief ausgeschnittenen, sehr kurzen Kleidern mit sehr viel Schminke im Gesicht stolzierten auf sehr hohen Schuhen die Strassen auf und ab und kreischten in die Kameras zahlreicher Fernsehsender, die ihre Kameras in der Hoffnung auf harte Party und viel Randale in Soho aufgebaut hatten.

Zwei Polizisten, die sich vor dem legendären Jazz Club Ronnie Scott's postiert hatten, zuckten dennoch entspannt die Schultern: «Es ist so, wie wir es erwartet haben», sagte einer der beiden, «niemand achtet auf physische Distanz. Aber es könnte schlimmer sein.»

Oberste wissenschaftliche Berater hatte gewarnt

Es wurde schlimmer: Gegen zehn war kein Durchkommen mehr, Besoffene lagen sich in den Armen und auf der Strasse, und die Sicherheitsleute gaben auf: Jede Mahnung war hier vergeblich. Aus zahlreichen Stadtteilen wurden Street Parties und Raves gemeldet, die neue, alte Freiheit war einfach zu verlockend. Ein hochrangiger Polizeibeamter, der in Southampton Dienst schob, sagte resigniert, er habe mit «nackten Männern, glücklichen Betrunkenen, wütenden Betrunkenen, Schlägereien und mehr wütenden Betrunkenen» zu tun gehabt und natürlich sei es «kristallklar»: Betrunkene können keinen Abstand einhalten. Allein Devon und Cornwall meldeten tausend Anzeigen wegen Trunkenheit, in Nottinghamshire mussten Kneipen wegen Randalierern schliessen. Der oberste wissenschaftliche Berater der Regierung, Chris Whitty, hatte Downing Street vor dem Schritt gewarnt. Niemand glaube, dass dies ein Schritt ohne Risiko sei. Man müsse die fortbestehende Gefahr sehr ernst nehmen.

Posierende Männer mit Bier vor einem Pub in Borough Market, London.
Posierende Männer mit Bier vor einem Pub in Borough Market, London.
Foto: Victoria Jones/PA via AP



Aber nachdem zahlreiche andere Länder in Europa die Einschränkungen für die Bürger schon vor längerer Zeit gelockert hatten und die britische Wirtschaft massiven Druck machte, entschloss sich Johnson vor etwa zwei Wochen dazu, das Wochenende vom 4. Juli zu jenem Tag zu erklären, an dem der «nationale Winterschlaf» enden sollte. Zahlreiche Landsleute hatten seine Ankündigung umgehend in die Tat umgesetzt und waren bei schönstem Wetter an die Strände gefahren. Auch die Zwangsquarantäne bei Ein- und Ausreisen, die erst kommende Woche mit einer langen Liste von Ländern ersetzt wird, in die Briten ohne Einschränkungen fahren dürfen, wurde weitgehend ignoriert. Fluglinien berichteten von vollen Fliegern und britischen Touristen, die sich um drohende Zwangsgelder und die Mahnung, nur «die nötigsten Reisen anzutreten», nicht scherten.

10 Kommentare
    Jonas Siegenthaler

    Ich liebe die Briten und den Brexit werden sie auch noch überleben-cheers!