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Sommerserie: Grenzen im Innern (6)Emotionen + Thurgauer Dialekt = giftig

15 Jahre lebt unsere Autorin schon in Bern. Trotzdem stellt sie noch immer kulturelle Unterschiede fest. Zum Beispiel bei der Lautstärke.

Pssst! Zuschauen ist erlaubt. Aber wer in Bern vom Spielfeldrand aus sein Kind allzu laut anfeuert, ist schnell untendurch.
Pssst! Zuschauen ist erlaubt. Aber wer in Bern vom Spielfeldrand aus sein Kind allzu laut anfeuert, ist schnell untendurch.
Foto: Keystone

In Bern ist man bedächtig, gesetzt, fast schon cool. Ich kann das nicht. Wenn ich etwas unbedingt will, dann merkt man das. Vielleicht gebe ich mir Mühe, den Gastgebern zu verbergen, dass mich das Stück Kuchen mit besonders viel Couverture am meisten gluschtetes wird ihnen trotzdem sofort klar sein.

Das kann man als Unhöflichkeit auslegen. Ich denke allerdings, dass man in der Ostschweiz deutlicher sagt und zeigt, was einem entspricht. Das liegt vermutlich an der Nähe zu Deutschland, wo man allgemein direkter ist.

Dieses Phänomen habe ich schon in den Ferien am Bodensee hautnah miterlebt. Mein Mann, ein Berner, war pikiert, als ihm die Bademeisterin das 5-Franken-Stück, ohne zu fragen, aus der Hand riss und es für ihn in den Ticketautomaten warf. Natürlich wollte sie nur helfen. Aber so viel Impulsivität irritiert, wenn man sich als Berner Zurückhaltung gewohnt ist.

Dasselbe gilt bei der Lautstärke, wie mir an den Fussballturnieren meines Sohnes aufgefallen ist. Wenn es ums Toremachen geht, werde ich ziemlich emotional. Da kann es schon passieren, dass ich vom Spielfeldrand aus brülle: «Das Goal machsch! Los! Das machsch!»

Die verwunderten Blicke der anderen Mütter und Väter haben mir klar zu verstehen gegeben, dass man sich das hier nicht gewohnt ist. Wie kann man nur so laut werden?, schienen sie mir zu sagen. Und dann noch mit diesem giftigen Dialekt! Seither halte ich mich ganz stilloder versuche es zumindest. Wenn mich die Aufregung packt, hüpfe ich nur noch leise auf und ab.