«Ich weiss nicht, was ich Herrn Scholl getan habe»

ARD-Experte Mehmet Scholl zerpflückte trotz dem Sieg über Italien die Taktik von Jogi Löw und machte dafür auch einen Schweizer verantwortlich. Die Reaktionen münden in Empörung.

Erfolgreiches Duo: Der Schweizer Urs Siegenthaler (r.) ist seit Jahren Jogi Löws taktisches Gewissen.

Erfolgreiches Duo: Der Schweizer Urs Siegenthaler (r.) ist seit Jahren Jogi Löws taktisches Gewissen.

(Bild: Keystone)

Thomas Niggl@tagesanzeiger

«Ich weiss nicht, was ich Herrn Scholl getan habe», erklärte der angegriffene Schweizer Urs Siegenthaler, seit Jahren Chefscout der deutschen Nationalmannschaft und Löws taktisches Gewissen, auf Anfrage von «Bild». Jeder könne erzählen, was er wolle, frei und unbefangen. «Sich so zu äussern, ist Scholls gutes Recht. Ich kenne ihn allerdings persönlich nicht», sagte der Schweizer und holte sogleich zu einem Seitenhieb an die Adresse des ARD-Experten aus. «Vor 1000 Jahren haben die Menschen die Erde auch nicht als Kugel gesehen.»

Noch deutlichere Worte findet Oliver Bierhoff, der Teammanager der deutschen Nationalmannschaft. Er schlägt auf DFB.de zurück: «Was uns unglaublich ärgert – und das kann nicht sein –, der Mehmet kennt unsere Abläufe nicht, der weiss nicht, wie Entscheidungen hier getroffen werden, und eigentlich hat er den gesamten Trainerstab irgendwie damit angegriffen.»

«Das war eigentlich unmöglich»

Löw sei ein Taktikfuchs. Er habe klare Vorstellungen über das, was er machen wolle. «Er bespricht sich mit seinen Fachleuten, mit seinen Co-Trainern, mit Andy Köpke, mit den Scouts. Also es sind viele Experten, die hier wirklich sehr gute Arbeit machen. Das war eigentlich unmöglich, wie Mehmet das dargestellt hat.»

In dieselbe Kerbe schlägt Bundestrainer Jogi Löw. «Ich finde es äusserst negativ, wenn man wertvolle Mitarbeiter von mir in meinem Stab persönlich angreift. Das finde ich nicht in Ordnung, weil Aussenstehende die Abläufe, die es intern gibt, und welche Dinge wir intern wann und wie besprechen, nicht beurteilen können», sagte er gegenüber den Medien. Er habe das Medienrauschen natürlich mitbekommen und die Diskussion um diese taktische Variante.

«Dann finde ich das nicht in Ordnung»

Klar könne man geteilter Meinung sein. Das sei das Recht von jedem, eine andere Meinung zu haben. Für solche Dinge sei er offen. «Wenn das persönlich wird, dann finde ich das nicht in Ordnung. Da sollte sich der er eine oder andere Gedanken drüber machen. Wenn einer der Meinung ist, die Taktik ist gut oder weniger gut oder falsch, ist das die Sache jedes Einzelnen. Das gehört zum Fussball dazu, und diese Diskussionen sind für mich auch völlig normal.»

ARD-Experte Mehmet Scholl, der ehemalige deutsche Nationalspieler, ist ein Mann der klaren Worte und exponiert sich auch dementsprechend. So wie nach dem Spiel zwischen Deutschland und Italien, als er sich bei seiner Analyse in Rage geredet hatte. Scholl konnte es nicht fassen, dass Löw nach dem 3:0-Sieg gegen die Slowakei seine Taktik über den Haufen warf, in der Abwehr mit einer Dreierkette spielen liess und dafür Julian Draxler, Vorbereiter und Torschütze gegen die Slowakei, opferte.

Für diese Änderung hatte Scholl vor allem Löws taktisches Gewissen, den Schweizer Urs Siegenthaler, verantwortlich gemacht. «Der Herr Siegenthaler möge bitte seinen Job machen, morgens liegen bleiben, die anderen zum Training gehen lassen und nicht mit irgendwelchen Ideen kommen», sagte Scholl vor einem Millionenpublikum.

langenthalertagblatt.ch/Newsnetz

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