«Ich bin selber erschrocken»

Gemischte Gefühle im Land des Weltmeisters zum EM-Auftakt gegen die Ukraine. Stimmen zum Spiel und Löws Seitenhieb an einen Politiker.

Das war knapp: Jérôme Boateng liegt nach seiner Rettungstat im Netz.

Das war knapp: Jérôme Boateng liegt nach seiner Rettungstat im Netz.

Thomas Niggl@tagesanzeiger

Das Resultat hört sich eigentlich gut, ja sehr gut an. Der Weltmeister besiegte zum EM-Auftakt in Lille die Ukraine mit 2:0. Die Mannschaft von Jogi Löw liess keinen Gegentreffer zu, hatte aber riesiges Glück, denn mit Manuel Neuer im Tor sowie Abwehrchef Jérôme Boateng zwei Spieler in den Reihen, die Schlimmeres verhinderten.

Neuers unglaubliche Reflexe verhinderten gegen Kascheridi und Rakitski zwei Gegentore. Boateng tat es mit einer grandiosen Rettungstat gegen Konoplyanka auf der Linie. «Ich bin selber erschrocken, der Ball kam mit vollem Tempo aus der anderen Richtung. Ich musste den Ball irgendwie wegschlagen und bin im Netz gelandet, aber zum Glück hat es noch geklappt», schilderte Boateng die heikle Situation. Man müsse sich jetzt aber steigern und noch mehr zum Abschluss kommen.

«Mit stotterndem Motor ins Turnier geknattert»

In der Tat: Der Weltmeister tat sich schwer, was die «Süddeutsche Zeitung» mit der Schlagzeile auch auf den Punkt brachte: «Mit stotterndem Motor ins Turnier geknattert.» Ähnliche Töne schlug die «Frankfurter Allgemeine» an und kommentierte in grossen Buchstaben: «Ein Auftaktsieg für die Sparversion des Weltmeisters.» Und der Autor der Aufarbeitung des Spiels meinte gleich in seiner Einleitung, dass das 2:0 gegen die Ukraine auch Anlass zur Sorge gäbe.

Bundestrainer Jogi Löw konnte sich einen Seitenhieb an die Adresse des stellvertretenden AfD-Vorsitzenden Alexander Gauland nicht verkneifen. Der Politiker hatte vor dem EM-Turnier Boateng beleidigt. Der in Berlin geborene und aufgewachsene Fussballspieler, der einen ghanaischen Vater und eine deutsche Mutter hat, sei zwar als Spieler der deutschen Nationalmannschaft geschätzt, doch das bedeute nicht, dass er nicht als fremd empfunden werde. «Die Leute finden ihn als Fussballspieler gut. Aber sie wollen einen Boateng nicht als Nachbarn haben.»

«Es ist gut, wenn man einen Jérôme Boateng als Nachbar hat in der Abwehr.»

Nach dem Spiel gegen die Ukraine gab Löw die subtile Antwort auf Gaulands deplatzierte Äusserungen. «Es ist gut, wenn man einen Jérôme Boateng als Nachbar hat in der Abwehr.»

Bastian Schweinsteiger, der in dieser Saison wegen diverser Verletzungen bei Manchester United nie auf Touren gekommen war, feierte als Joker ein wundersames Comeback. Sein Tor zum 2:0 war die grosse Erlösung für den Weltmeister. «Alles ist sehr gut. Meine Verletzung ist ausgeheilt, ich fühle mich gut. Der Weg nach dem Jubel war lang, ich bin ein bisschen ausser Atem. Es war unglaublich, dass es so etwas gibt, kann man sich nur wünschen. Das Wichtigste ist, dass die Mannschaft gewinnt», sagte der überglückliche Münchner nach dem Spiel.

Goalie Manuel Neuer, der für Schweinsteiger die Mannschaft als Captain aufs Feld führte, hofft, dass Schweinsteiger bald wieder in der Startformation steht. «Basti ist klasse reingekommen, hat das Tor gemacht. Ich hoffe, dass er bald wieder von Anfang spielen kann.» Auch der andere Torschütze, Mustafi, habe ein Superspiel gemacht, meinte Neuer, fordert jetzt aber eine klare Steigerung. «Wir haben bei defensiven Standards gut gestanden. Wir haben nicht all das zeigen können, was wir schon gezeigt haben. Wir werden uns noch steigern.»

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