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Martin Rubin im Interview«Ein, zwei Spinner – das liegt drin»

Wackers Trainer verrät, nach welchen Kriterien er Spieler verpflichtet. Und er erklärt, warum die Thuner den Anschluss ohne ihn nicht verlieren werden.

«Oft fielen mir die Dinge zu»: Martin Rubin.
«Oft fielen mir die Dinge zu»: Martin Rubin.
Foto: Christian Pfander

Erklären Sie uns noch mal, Herr Rubin: Weshalb verlassen Sie das zuletzt so erfolgreiche Wacker, um zum seit der Jahrtausendwende titellosen BSV zu wechseln?

Ich merkte im letzten Winter, dass ich den im Sommer 2021 auslaufenden Vertrag nicht verlängern werde – nach 14 Jahren ist dann auch mal gut, so schön die Zeit auch war. Ich wollte erst aufhören; dann kamen der Lockdown und die Anfrage aus Bern. Ich realisierte, dass mir ohne Handball etwas fehlen würde.

Was vermissten Sie konkret während des Lockdowns?

Das Training in der Halle, die Begegnung mit meinen Leuten – den Alltag eben. Schauen Sie: Ich mag meine Jungs! Für mich sind das nicht einfach Spieler, das sind meine Jungs. Ich freue mich jedesmal, sie zu sehen und mit ihnen zu arbeiten.

Hatte es nicht seinen Reiz, an den Abenden und am Wochenende der Halle fernzubleiben – nach 40 Jahren Handball?

(Lächelt) Doch, das hatte sehr wohl was, ich genoss das durchaus. Deswegen wollte ich ja auch aufhören. Aber mir wurde klar, dass die Zeit noch nicht gekommen ist, der Sportart den Rücken zu kehren – dazu liebe ich sie unverändert viel zu sehr.

Woran machten Sie denn fest, dass Sie Wacker verlassen sollten?

Es gab eine Phase zu Beginn des Jahres, da kotzte es mich kurz an, Berndeutsch gesagt, oder es ging zumindest in diese Richtung – erstmals überhaupt. Immer wieder waren Spieler verletzt ausgefallen, wir kriegten nicht genügend Leute hin, um die Übungseinheiten so durchzuführen, wie ich mir das vorstelle. Das war ein Zeichen, das löste etwas aus.

14 Jahre: Ist das plus/minus nun mal die Haltbarkeit eines Coachs?

Gewöhnlich endet so was ja früher. Mich erträgt man als Spieler offenbar ein bisschen länger. Das ist wohl meiner Art geschuldet: Ich bin ja nicht so der forsche Typ.

Fürchten Sie, dass Auftritte wie jener kürzlich in Aarau, als Sie 14:29 verloren, einen Einfluss darauf haben, wie Ihre Ära in Thun beurteilt werden wird?

Nein. Zunächst mal: Solche Darbietungen wird es nicht mehr geben. Da hat vieles nicht gestimmt, auch die Einstellung. Die Titel, die wir geholt haben, die waren das Verdienst von uns allen, ich war bloss ein Teil davon. Die kann uns keiner nehmen. Aber natürlich ist es das Ziel, noch mal was zu gewinnen.

Warum wechseln Sie zum BSV – und nicht zu einem andern Club?

Für mich war das naheliegend, in vielerlei Hinsicht. Auch der BSV ist eine Herzensangelegenheit (Rubin spielte als Aktiver erfolgreich in Bern; die Redaktion). Das Potenzial mit der Academy und der in meinen Augen geilsten Handballhalle der Schweiz ist gross. Das könnte eine richtig tolle Sache werden.

Und Sie müssen weder umziehen noch den Job als Sportlehrer aufgeben.

Ja, auch das schätze ich. Bei mir ist das eben so: Ich konnte in meiner Karriere oft den Weg des geringsten Widerstands gehen. Ich hatte Glück, oft fielen mir die Dinge zu.

Ein Trainerposten in der Bundesliga, das Amt des Nationalcoachs – so was übte auf Sie in all den Jahren keine Anziehungskraft aus?

Das war nie ein Thema. Wirklich nicht! Ich hatte zu keinem Zeitpunkt das Bedürfnis, mich umzuhören – ich war hier stets sehr glücklich. Es gab aber auch nie eine entsprechende Anfrage.

Was wird sich beim BSV unter Ihnen ändern?

Ich befasse mich noch kaum damit: Der BSV hat mich aktuell nicht zu interessieren, ich bin Wacker-Trainer. Aber ich hoffe, dass ich auch dort werde Freude vermitteln können. Das ist für mich die Basis: dass die Jungs gerne ins Training kommen; dass jeder für den andern geht.

Sie sind bekannt dafür, Spieler nicht nur nach ihrem Potenzial zu beurteilen.

Das Talent, arbeiten, kämpfen zu können – das zählt für mich genauso. Ein, zwei Spinner im Team oder im Club zu haben, liegt drin. Mehr solltens nicht sein. Die Mischung muss stimmen. Sie können keine zehn Anführer beschäftigen. Die Wasserträger – das ist nicht despektierlich gemeint – braucht es: jene, die stets Vollgas geben.

Sie sagten einst, beim BSV fehle vielleicht das Siegergen. Wie wollen Sie dieses etablieren?

Die Freude, von der ich gesprochen habe, die ist entscheidend. Und das Zusammengehörigkeitsgefühl: Man muss sich für den andern freuen. Aber ich behaupte nicht, dass all dies aktuell fehlt.

Die Thuner verlieren mit Ihnen ihre grosse Figur, sie haben weder eine Academy noch eine moderne Halle. Werden sie abgehängt?

Nein, das kann ich mir nicht vorstellen. Der Zusammenhalt hier ist einmalig. Der Verein ist eine verschworene Truppe, inklusive des Vorstands, der Sponsoren und der Zuschauer. Das bringt einen weit.