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BEsondersBergsteiger Mischu Wirth hatte «das Glück ausgereizt»

Mischu Wirth hat die höchsten Berge der sieben Kontinente dieser Erde erklommen. Nun ist der 52-Jährige in Bern, denn in die Ferne schweifen ist im Moment nicht angesagt.

«Was immer du dir vorstellen kannst, hinter diesem Tor passiert es» heisst es auf dem Schild am Gartentor. Links steht ein moderner Kubusbau, geradeaus, nach dem von Laubblättern übersäten Weg, ein olivgrünes Herrenhaus. Die Feuerschalen brennen, der Pizzaofen ist heiss, die Bäume sind beleuchtet. Heute sind alle da, die zu Mischu Wirths Familie gehören. Die beiden Töchter sind aus Zürich angereist. Luc, das Nesthäkchen, ist da. Und die Lebensgefährtin Zoe«Rakete», wie er sie nenntmit ihrer Tochter Emily. Sie sind seine Kraftquelle, der Ort ist sein «Mutterschiff» oder «Garten Eden». Es ist ein stilles Paradies, mitten in der Stadt. Mittendrin sitzt Mischu Wirth, er ist der Lauteste.

Mischu Wirth ist gerade «Familien-Manager». Den ganzen Sommer verbrachte er in den Schweizer Bergen, hat Gipfel um Gipfel erklommen, hat Gäste über ausgesetzte Grate zum Ziel geführt. Nicht nur diesen Sommer war er wenig da, sondern sein ganzes Leben: Zeitweise war er die Hälfte des Jahres unterwegs, kraxelte auf die höchsten Berge dieser Welt, inklusive Mount Everest und K2. Was seine Augen gesehen haben, lässt sich nur erahnen. Auch Dramen haben sich dort abgespielt:

Schon als Jugendlicher führte er ein Leben am Limit: Ende der 80er-Jahre durchstieg er solo und schnell die Nordwände von Matterhorn, Fiescherhorn, Mönch, Grosshorn, Ebenefluh oder Gspaltenhorn. Bei einer Begehung in der Eigernordwand stürzte er 30 Meter ins Seil und brach sich beide Füsse. Ein halbes Jahr später froren ihm in der gleichen Wand fast die Füsse ab. «Sie waren bis zur Hälfte schwarz», sagt Mischu. Doch die Ärzte amputierten nicht, sondern schnitten nur das tote Fleisch der Zehen ab.

Später stürzte er mit einem Gleitschirm am Mönch einige Hundert Meter ab und hatte bei einer Solobegehung in der Eigernordostwand Glück, dass er nicht von einer ausgebrochenen Steinplatte in den Abgrund gerissen wurde. «Da wusste ich, dass ich das Glück ausgereizt hatte. Ich kratzte am absoluten persönlichen Limit. Es war höchste Zeit, die Latte tiefer zu setzen, sonst wäre mein Leben allzu schnell dem Ende entgegengegangen», sagt er.

Ein junger Wilder, der früher ein Getriebener war: Mischu Wirth (ganz links) mit Kollegen vor einer Klettertour im Jahr 1985.
Ein junger Wilder, der früher ein Getriebener war: Mischu Wirth (ganz links) mit Kollegen vor einer Klettertour im Jahr 1985.
Bild: zvg

Mischu Wirth sitzt am Küchentisch. Vor sich Ordner mit Fotos. Das Gefühl, dass er ein Leben für drei Menschen führt, lässt einen nicht los. Mit 23 hatte er das Primarlehrerpatent, eine Lehre als Elektromonteur und die Ausbildung zum Bergführer in der Tasche. Sein Bergsteigerleben teilt er in Jahrzehnte, in Dekaden, ein. In der ersten Dekade war er gefährlich und schnell unterwegs. In der nächsten Dekadein den 90er-Jahrenkonzentrierte sich Wirth vermehrt aufs Sportklettern, was sich hervorragend mit Reisen verbinden liess. Am Ende dieses Jahrzehnts verfiel er dem Höhenbergsteigen und verbrachte viel Zeit im Himalaja.

Seit über 30 Jahren verdient er sein Geld als Bergführer. Wer als Bergführer in der Welt unterwegs ist, der ist idealerweise auch Reiseführer, Erzähler und Kulturinteressierter. Viele Bergführer wollen nur auf den Berg, weiss er: «Rauf – runter und nach Hause. Manche wissen nicht einmal, in welchem Land der Berg steht.»

Eine typische Ausrüstung für seine Klettertouren.
Eine typische Ausrüstung für seine Klettertouren.
Bild: Mischu Wirth

Er hat eine andere Einstellung, bezeichnet sich als modernen Bergführer: «Ich bin nicht der mürrische Siech, der vorausrennt.» Die Perspektive des Führers sei ganz anders als die des Alpinisten. «Da bist du auf die Grenzen der Gäste ausgerichtet», sagt er. Dennoch bleibt es nie ohne Risiko: «Ein Stein kann dir immer auf den Kopf fallen, oder es bricht dir ein Steigeisen.» Die Kunst des Bergführens sei, das bestehende Risiko zu minimieren und die Freude des Gasts zu maximieren.

Im Jahr 2011 kam bei Wirth ausgerechnet auf dem Mount Everest die Frage auf: «Ich stehe auf dem höchsten Berg der Welt. Was will ich noch mehr?» Er versteht die Leute, die fragen, was er dort oben wolle. «Dort gibt es nichts zu holen, das Bergsteigen ist und bleibt nutzlos, aber nicht sinnlos.» Für ihn habe sich die Bedeutung des Gipfels mit der Zeit verändert. Das Gefühl, oben zu stehen, nütze sich ein wenig ab.

Diese Drohnenaufnahmen zeigen das höchste Camp am Mount Everest und den Himalaja.
Quelle: Kobler und Partner

Beim Abstieg vom Mount Everest machten sich seine gerissenen Kreuzbänder bemerkbar. Zurück in der Schweiz, holte er längst versäumte «Revisionen» nach, liess beide Schultern und das eine Knie operieren. «Danach liess ich mich überraschen, was kommt», sagt er. Es kam gut: Für die Berner Firma Kobler & Partner leitete er neun Jahre lang kommerzielle Expeditionen, die ihn nach Nepal, Chile, Tansania oder in die Antarktis führten. Retrospektiv sagt Mischu, dass das eine schöne und sehr intensive Zeit in seinem Leben war.

Anfang dieses Jahres sei erneut eine neue Dekade angebrochen: Er stieg bei Kobler & Partner aus. Er ist heute als selbstständiger Bergführer wieder vermehrt mit Kunden er nennt sie Gäste und Freunden in den Alpen unterwegs.

Aufgenommen mit seiner Sony.
Aufgenommen mit seiner Sony.
Bild: Mischu Wirth

Geburtstag in Gefangenschaft

Auch wenn er wohl primär Schweizer Berge besteigen wird, bleiben ihm die «Räubergeschichten». Die erlebten Expeditionen haben ihn nicht nur an Grenzen, sondern bis in den wilden Osten von West-Papua gebracht. Beispielsweise auf die Carstenz-Pyramide, wo seine Träger ihn und seine Expeditionsgruppe aufgrund von Stammesfehden einfach verlassen haben. Wirth musste mit seiner Gruppe bei der Rückkehr eine der weltgrössten und sehr umstrittenen Gold- und Kupferminen, welche streng militärisch bewacht war, durchqueren. «Wir wurden vier Tage lang dort in einen Container gesperrt. Das EDA musste alle Hebel in Gang setzen, damit wir rauskamen. Plötzlich waren wir mitten in der Weltpolitik», sagt er. In Gefangenschaft feierte er seinen 48. Geburtstag.

Zurück zum Pizzaabend mit der Familie. «Ich muss mich nach jeder Saison jeweils runterfahren, und das braucht, je älter man ist, je mehr Zeit», sagt er. Das tut er «ums Huus ume»; so baute er kürzlich eine «Chäs-Blockhütte» im Garten.

Erholung findet er aber auch innerhalb der Patchwork-Familie, die er «seinen ehrlichsten Spiegel» nennt, und seit Anfang Jahr auch wieder beim Flamenco-Gitarrenspiel. Wegen Corona hat er weder den Himalaja noch seine zweite Heimat Kathmandu seit Februar dieses Jahres gesehen. Und doch sagt er sofort: «Fernweh habe ich überhaupt nicht, ich bin mehr aufs Hüsele eingerichtet.»