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Eine Woche nur mit Tablet: 5 Jahre danach

Heute jährt sich der Tablet-Selbstversuch unseres Autors. Ein Blick zurück und einer voraus.

Tablet-Arbeiten anno 2013: -Autor Rafael Zeier bei seinem Selbstversuch.
Tablet-Arbeiten anno 2013: -Autor Rafael Zeier bei seinem Selbstversuch.
Reto Oeschger
Übungssache: Im Zehnfingersystem auf einem Touchscreen schreiben.
Übungssache: Im Zehnfingersystem auf einem Touchscreen schreiben.
Reto Oeschger
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Exakt heute vor fünf Jahren wagte ich den Selbstversuch. Würde ich eine Woche nur mit Tablets und ganz ohne PCs oder Laptops auskommen? «Eine Woche nur mit Tablet» war geboren.

Werfe ich heute einen Blick zurück und lese meine Tagesprotokolle, muss ich unweigerlich schmunzeln. Was damals ein nicht sehr komfortables Experiment war – mancher Kritiker nannte es auch einen dummen Stunt –, ist heute für immer mehr Menschen ganz normaler Alltag.

Was fällt auf, wenn man die Protokolle heute nochmals liest?

Kleine Tablets, grosse Telefone

Damals waren das iPad Air, das Nexus 7 und das Surface 2 aktuell. Alle drei waren gute Tablets, um zu lesen, aber um zu arbeiten, waren sie noch kaum ausgelegt. Gerade das Surface 2 hatte viel Potenzial und nahm beim Hardware-Design viel vorweg, was heute Standard ist. Aber richtig gut wurde das Microsoft-Tablet erst eine Generation später mit dem Surface Pro 3. Das Nexus 7 von Google und Asus war ein tolles Mini-Tablet. Aber mit dem 7-Zoll-Bildschirm nur unwesentlich grösser als das gigantische Sony-Handy, das ich damals parallel testete. Schon damals zeichnete sich ab, dass grosse Smartphones die kleinen Tablets überflüssig machen würden. Das iPad Air schliesslich ist der Vorläufer des diesen Frühling vorgestellten neuen iPads (Ein iPad Pro zum halben Preis?). Richtig gute Arbeitsgeräte wurden die iPads aber erst 2015 mit der Präsentation des iPad Pro mit magnetischer Tastatur und Stift.

Unausgereifte Apps

Wie man mit der Zeit so kleine Probleme und Ärger vergisst! Vor fünf Jahren steckten alle drei Tablet-Plattformen iOS, Windows und Android noch in den Kinderschuhen. An Multitasking war kaum zu denken. Auf dem iPad stürzte Safari ständig ab. Ein Leser empfahl damals den Chrome-Browser als Alternative. Google Drive (der Vorläufer von Google Docs) war unzuverlässig und im Offline-Modus kaum zu gebrauchen. Wenn man ein Word-Dokument direkt auf dem Surface aus der App heraus verschicken wollte, bekam der Adressat statt des Dokuments einen Screenshot. Ganz offensichtlich glaubten damals auch die grossen Techkonzerne selbst nicht so wirklich daran, dass jemand auf den dünnen Touchscreen-Computern arbeiten möchte. Um den einwöchigen Selbstversuch zu überstehen, brauchte ich einiges an Geduld und Experimentierfreudigkeit.

Tastatur ja oder nein?

Ich entschied mich damals auch, auf eine Hardware-Tastatur zu verzichten. Schliesslich gab es fürs iPad und das Nexus auch keine offizielle. Einzig das Surface 2 hatte schon eine magnetische Tastatur. Heute gibt es für alle Pro-Tablets Andock-Tastaturen. Aber so ganz überzeugt mich nach wie vor keine. Alle machen sie die dünnen Geräte unnötig dick, erinnern mehr an Laptops und nutzen das Potenzial eines Tablets nur halbherzig. Insgesamt fällt auf, dass Tablet-Tastaturen in den letzten fünf Jahren nur unwesentlich besser geworden sind. Das Surface-Design ist immer noch das Mass aller Dinge. Es wäre langsam Zeit, dass ein Hersteller einen Schritt weiterkommt und eine noch bessere Idee hat. Und was ist mit dem Tippen auf dem Bildschirm? Das kann und mache ich weiterhin regelmässig. Aber wenns schnell gehen muss, schlägt nach wie vor nichts eine richtige Tastatur.

Das Problem mit der Retro-Technologie

Das grösste Problem bei meinem Experiment waren aber nicht unausgereifte Apps oder wenig entgegenkommende Hardware. Das Hauptproblem waren Programme und Technologien aus dem letzten Jahrzehnt. Mal liess sich ein Flash-Video nicht abspielen, unser Online-Content-Management-System war auf Maus-Bedienung ausgelegt, und unser Redaktionssystem liess sich nur auf einem im Netzwerk angemeldeten Büro-PC öffnen. Viele dieser Technologien sind in den letzten fünf Jahren aus meinem Arbeitsalltag verschwunden. Die Flash-Warnung habe ich schon ewig nicht mehr gesehen. Unser neues Redaktionssystem ist webbasiert und funktioniert nun auch von unterwegs. Einzig das Online-Content-Management-System ist unverändert für manche Abläufe auf eine Maus angewiesen. Aber zum Beispiel auch Squarespace, der Hosting-Dienst meines Privatblogs, verlangt für bestimmte Funktionen nach einer Maus. Doch für solche Probleme habe ich inzwischen eine halbwegs elegante Lösung gefunden. Ich habe zu Hause einen alten Laptop zum Heim-Server umgebaut. Auf den kann ich in Notfällen von unterwegs mit dem iPad zugreifen und einer Webseite so vorgaukeln, es sei eine Maus am Werk. Als Notlösung taugt das alleweil. Aber perfekt ist es natürlich nicht.

Schlechtes Internet und Hotspots

Auch ganz vergessen habe ich, wie teuer und schlecht mobiles Internet damals noch war. Längere Passagen einer Zugstrecke ohne Internet? Heute undenkbar. Höchstens noch, wenn ich in die Berge fahre oder im Flugzeug unterwegs bin. Aber selbst da gibt es immer häufiger Internet. Im Ausland dank halbwegs bezahlbaren Roaming-Angeboten sowieso. Vor fünf Jahren bremsten Offline-Momente Tablets merklich aus. Laptops und ihre Betriebssysteme mit Wurzeln in der Vor-Internet-Zeit kamen damit viel besser zurecht. Heute ist aus der einstigen Schwäche eine Stärke geworden. Es gibt zwar vereinzelt Laptops, mit denen man per LTE direkt ins Netz kann. Doch bei Tablets findet man diese nützliche (wenn auch nicht günstige) Funktion deutlich häufiger.

Und heute?

Was vor fünf Jahren beim Selbstversuch noch mühsam war, ist heute für mich Alltag. Den grossen Büro-PC mit Windows 7 meines Arbeitgebers nutze ich nur noch, weil er halt dasteht. Unterwegs und zu Hause reichen mir ein Surface und ein iPad völlig.

Natürlich lässt sich das nicht verallgemeinern. Wer in seinem Alltag auf spezielle Profi-Programme angewiesen ist, einen ganz speziellen Arbeitsablauf einhalten muss/will oder viel mit Tabellen zu tun hat, ist mit einem Laptop oder einem PC mit Maus nach wie vor besser beraten.

Aber wer wie ich das Glück hat, einen in Sachen Informatik wenig anspruchsvollen Alltag zu haben, kommt mit einem Tablet bestens durch den Tag.

Aus «Eine Woche nur mit Tablet» wurde für mich innert fünf Jahren «Ein Alltag nur mit Tablet».

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