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Eine Treibjagd auf 18 Millionen Internet-Adressen

Russland versucht, den populären Chatdienst Telegram zu sperren. Google und andere US-Anbieter spielen dabei eine entscheidende Rolle.

Pawel Durow gründete den Messenger-Dienst Telegram zusammen mit seinem Bruder.
Pawel Durow gründete den Messenger-Dienst Telegram zusammen mit seinem Bruder.
Keystone

Seit letzter Woche versucht die russische Medienaufsichtsbehörde Roskomnadsor, den Instant-Messenger-Dienst Telegram im ganzen Land zu blockieren. Rund 14 Millionen Russen nutzen die App, mit der sich unter anderem verschlüsselte Nachrichten verschicken lassen. Die meisten können es noch immer tun. Fast 18 Millionen IP-Adressen hat Russland mittlerweile gesperrt, um Telegram lahmzulegen. Der Dienst trickst die Angriffe aber aus, indem er auf die Subnetze von Google und Amazon ausweicht und dort von Adresse zu Adresse hüpft.

Auf diese Cloud-Dienste greifen auch viele andere Anbieter zurück, weshalb zum Beispiel bei der Chat-App Viber bald einmal nichts mehr lief. Auch die Google-Suche und Gmail wurden offenbar Opfer der digitalen Treibjagd von Roskomnadsor. In den Filialen der Lebensmittel-Handelskette Diksi stiegen Kassen aus. Microsoft Office und die Game-Plattform Xbox sollen ebenfalls vorübergehend nur eingeschränkt nutzbar gewesen sein.

Die russischen Behörden blockieren Telegram per Gerichtsbeschluss, um Kontrolle über Oppositionelle zu gewinnen, die über den Dienst codierte Kurznachrichten verschicken. Auch der Terrorist, der im April 2017 einen Anschlag auf die St. Petersburger Metro verübt hatte, soll über Telegram kommuniziert haben. Telegram-Chef Pawel Durow weigert sich aber, mit dem Inlandgeheimdienst FSB zusammenzuarbeiten. Nicht zuletzt aus technischen Gründen: Die Verschlüsselung erfolge dezentral und könne gar nicht aufgehoben werden.

Nach eigenen Angaben hat Telegram weltweit mehr als 200 Millionen Nutzer. Eine zentrale Rolle spielte der Dienst bei den jüngsten Protesten im Iran. Selbst russische Politiker nutzen den abhörsicheren Chat. Gegründet wurde der Dienst vom 33-jährigen Internetunternehmer Pawel Durow. Er schuf einst den Facebook-Klon VKontakte, wurde aber von Russland zum Verkauf des sozialen Netzwerks gezwungen, etwa indem man ihm bewaffnete Geheimdienstleute vorbeischickte. Heute gehört VKontakte einem kremltreuen Magnaten. Mit seinem Bruder gründete Durow die neue Firma Telegram: ein verschlüsselter Messaging-Dienst, der sich der Repression der Regierung entziehen sollte.

Ein normal elaborierter Plan

Das «Forbes»-Magazin schätzt Durows Vermögen auf 1,7 Milliarden Dollar. Der Mann mit dem glatten Bubengesicht machte nicht nur mit extravaganten Geburtstagspartys von sich reden, zu denen er Models einlud. Er warf auch schon zu Papierfliegern gefaltete 5000-Rubel-Noten aus dem Fenster, verglich Stalins Herrschaft mit jener von Hitler und bot Whistleblower Edward Snowden einen Job als Software-Entwickler an. Sein neuestes Projekt ist eine eigene Kryptowährung namens «Gram». Damit sollen die Telegram-Nutzer in Zukunft anonym bezahlen können.

Die Telegram-Blockade nannte Durow den «aggressivsten Versuch von Internetzensur in der russischen Geschichte». Seine Anhänger ruft er dazu auf, der behördlichen Repression durch den Einsatz von geschlossenen Netzwerken wie VPNs zu trotzen. Sich selber sieht er als Kämpfer für Netzneutralität. Dies, obschon Telegram auf Antrag der iranischen Regierung einen Kanal mit 700'000 Followern schliessen liess und die «Washington Post» die Unternehmensstruktur von Telegram einmal als ein «Netzwerk von Briefkastenfirmen» bezeichnete.

Video: Telegram blockt Chats

Schon 2015 musste Telegram die Chats von IS-Extremisten entfernen. (Video: Reuters)

Auch Durows Beziehung zu Google ist widersprüchlich. Anstatt auf US-Dienste auszuweichen, sollen Russen lieber Telegram nutzen, sagte er einst. Zugleich bedankte er sich im Zuge der jüngsten Blockade bei Google, Apple, Amazon und Microsoft dafür, dass sie sich aus den Zensurbemühungen raushielten. Gegenüber Techcrunch hat Google inzwischen bestätigt, Kenntnis zu haben von Ausfällen bei eigenen Diensten in Russland.

Nicht auszuschliessen ist, dass die Aufsichtsbehörde Roskomnadsor mit der Sperre von Millionen IP-Adressen das Ziel verfolgt, amerikanische Internet-Giganten tiefer in den Streit um Telegram hineinzuziehen – und es so aussehen zu lassen, als dass die US-Anbieter mit ihren Cloud-Diensten einer Nachrichten-App Vorschub leisteten, über die Terroristen miteinander kommunizieren.

Für ein Land, das sich mit Cyberattacken auskennt, wäre das ein normal elaborierter Plan.

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Video: Telegram & Co.

Redaktion Tamedia-Digitalredaktor Matthias Schüssler stellt fünf Alternativen zu Whatsapp vor, darunter Telegram. (Video: Matthias Schüssler, 2.9.2016)

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