Im Facebook-Google-Selbstversuch

Die über mich gesammelten Daten kann ich einsehen – und stelle dann fest: Von drei Behauptungen Zuckerbergs sind zwei falsch.

Der «Hotel-Witz» bei der Kongress-Anhörung war ja lustig, die Sache ist aber ziemlich ernst: Facebook-Chef Zuckerberg stand vor Politikern Red und Antwort.
Video: Tamedia-Webvideo / Agentur

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Zu den einfachsten Dingen auf der Welt gehört, sich über ältere Menschen lustig zu machen, die mit der modernen Welt nicht mehr Schritt halten können. Und so war es nicht nur Mark Zuckerbergs roboterhafte Vorstellung vor dem US-Kongress, die letzte Woche im Netz kritisiert wurde, sondern mindestens ebenso häufig die verständnislosen Blicke, mit denen die Volksvertreter den Facebook-Chef bedachten. In Sachen Substanz blieben drei Dinge hängen, die Zuckerberg während seiner Anhörung sagte: Ein jeder Nutzer habe erstens die volle Hoheit über seine Daten, könne sie zweitens jederzeit in ihrer Gesamtheit herunterladen, und ausserdem sei man drittens nicht das einzige Unternehmen, das mit dem Datengeschachere sein Geld verdient.

Es gibt schlechtere Ausreden für einen Selbstversuch: Stimmt es, was Zuckerberg sagt? Und wie verhält es sich mit den eigenen Spuren, die man in den Datenbanken anderer IT-Konzerne hinterlassen hat?

Da wäre also zunächst die Frage nach der Zugänglichkeit der Daten. Die Option zum Download ist auf Facebook in den Nutzereinstellungen halbwegs gut versteckt. Man sollte schon wissen, wonach man sucht. Auch von der Subdomain Takeout.google.com, unter der man das entsprechende Archiv anfordern kann, werden wohl die wenigsten schon gehört haben. Was zunächst mal überrascht, ist die Zeit, die es dauert, bis die archivierten Daten beim Nutzer ankommen. Bei Facebook dauert es knappe fünf Minuten, am Ende erhält man eine komprimierte Datei von 42 Megabyte. Google lässt sich sogar fünf Stunden Zeit und sendet dann kaum fassbare 15 Gigabyte.

Was eben anfällt, wenn man beinahe die Gesamtheit seiner digitalen Existenz einer einzigen Firma überantwortet. Suchanfragen, E-Mails, Karten, Fotos, Sprachdateien, Schnipsel und Bruchstücke, ein Biografie-Mosaik. Während man sich durch die Sprachbefehle der letzten Jahre klickt, springt bereits wieder der digitale Assistent auf dem Smartphone an. Willkommen in der Feedback-Schleife.

Wie kann man als Nutzer seine Zustimmung geben, wenn nicht mal Zuckerberg Bescheid weiss?

Auf Facebook ordnet sich der Autor eher in die Gruppe der passiven Zuschauer ein. Man ist halt dort, weil es alle anderen auch sind, postet aber weder die tägliche Befindlichkeit noch was es zum Mittagessen gab, sondern allenfalls ein feines Urlaubsfoto pro Halbjahr. Dementsprechend unscharf fällt dann auch das Daten-Spiegelbild aus. Es verschafft einen Überblick über sämtliche Veranstaltungen, denen ich den letzten neun Jahren beigewohnt habe, über Freundschaftsfragen, egal ob angenommen oder abgelehnt, und über jeden einzelnen Login seit dem 9. Januar 2013.


Dieser Genfer legt sich mit Facebook an
Mathematiker Paul-Olivier Dehaye löste den Cambridge-Analytica-Skandal aus – und bekam die Macht der Datenfirmen zu spüren. (Abo+)


All das ist in der Masse zwar eindrucksvoll, aber doch vergleichsweise harmlos. Pikanter ist da schon die Kategorie «Anzeigen». Mehr als hundert Werbetreibende hatten Zugriff auf die, zugegebenermassen relativ spärlichen, Profil-Informationen, und vom überwiegenden Teil hat man noch nie gehört. Eine Fast-Food-Kette, die Belgische Waffeln bäckt, ist darunter, eine Flugbuch-Website und etwas, das sich Dampfschwein nennt. Darüber hinaus ist es um die Gesamtheit der Daten schlecht bestellt. Denn ein Grossteil der Facebook-Persona – etwa Zielgruppenanalysen und alle Tracking-Aktivitäten, die ausserhalb des Netzwerks vor sich gehen – lagert im sogenannten Hive, der hauseigenen Langzeit-Datenbank. Von dort aus, heisst es aus Unternehmenskreisen, sei es «technisch unmöglich», die Daten allen Nutzern zu übermitteln, das übersteige die Rechenkraft von Facebook.

Von drei Behauptungen Zuckerbergs sind also zwei falsch. Auf den Punkt gebracht hat das der Datenschützer Max Schrems, der sich seit 2011 mit Facebook herumschlägt: «Wenn nicht mal Zuckerberg selbst über die Tracking-Praktiken Bescheid weiss», schrieb er in einem Tweet, «wie kann dann irgendein Nutzer seine Zustimmung dazu geben?» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.04.2018, 15:34 Uhr

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