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Viel nacktes Fleisch

Es kann passieren, dass man beim Lesen von Steakrezepten einen roten Kopf bekommt.

MeinungDaniel Böniger
Explizit: Coverfoto des Buches «medium rare» von Christof Widakovich. Foto: PD
Explizit: Coverfoto des Buches «medium rare» von Christof Widakovich. Foto: PD

Meine Kolleginnen haben das Büro verlassen, endlich bin ich allein. Und nehme das Hochglanz-Druckerzeugnis hervor, das ich den ganzen Tag in meiner Schreibtischschublade versteckt hatte. Ich packe es aus der Folie, blättere durch die Seiten: Mir sticht viel verführerisches Fleisch ins Auge. Teilweise schön gebräunt. Anmächelig geknipst.

Vor mir liegt «medium rare» von Christof Widakovich, ein Fleischkochbuch. Solches lässt man heute als feinfühliger Zeitgenosse keinesfalls offen auf dem Bürotisch liegen. Gerade wenn die Bürokolleginnen nicht mehr so auf Kalb und Schwein stehen. In der Rezeptesammlung gehts ziemlich zur Sache; man kann getrost behaupten, dass der Fetisch Fleisch darin in allen Facetten abgefeiert wird.

Das Wasser läuft im Mund zusammen

Es werden Rinderrassen vorgestellt. Es wird dargestellt, was so ein Tier während der vier Jahreszeiten frisst – und wie sich das aufs Endprodukt auswirkt. Wir lernen diverse «Cuts» kennen und verschiedene Garstufen. Und ich gebe zu, bei den Nahaufnahmen läuft mir teilweise das Wasser im Mund zusammen. Es folgen je ein paar Seiten mit Fett-, Messer- und Grillkunde. Ich bekomme rote Backen.

Aber warum liest man ein solches Buch? Natürlich wegen der Rezepte: Es finden sich darin Zubereitungen für Tatars, für Tomahawk- und T-Bone-Steaks, für Roastbeefsalat – wobei man sich schon fragen kann, ob letztere Bezeichnung nicht ein Widerspruch in sich darstellt.

Was #MeToo für die Gleichstellung ist – das istdie Vegi-Bewegung für den korrekten Genuss.

Die Optik fokussiert aufs Wesentliche: Gemüse ist stets Beilage. Die Teller werden vor schwarzem Hintergrund gezeigt. Genau so, wie das Konsumenten von Foodpornografie lieben. Und diese sind im Fall dieses Buches wohl vorwiegend Männer. Wie sonst liesse sich folgender Satz aus dem Vorwort erklären? «Die Lust auf Fleisch in seiner kraftvoll gegrillten Form ist in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten stetig gewachsen – und es gibt keine Anzeichen, dass dieser Trend seinem Höhepunkt nahe wäre.» Lesen Sie das Zitat ruhig noch einmal durch. Und beachten Sie die Wortwahl: «Lust», «Höhepunkt»... Darf man solches heute noch formulieren? Schwierig abzuwägen.

Was #MeToo für die Gleichstellung ist – das ist die Vegi-Bewegung für den korrekten Genuss. Und so verkehrt ist das ja auch nicht, wenn man sich gut überlegt, zu welchen Vorlieben man noch öffentlich steht. Und dass man vorsichtig ist, was man auf Instagram postet. Vielleicht gehört der Schnappschuss eines Rindsbratens ja wirklich nicht ins Netz. Liebe Fleischfreaks, im Jahr 2020 sollte man seine niederen Gelüste besser im Griff haben!

Christof Widakovich: «medium rare» Brandstätterverlag, Wien 2019. 192 S., ca. 49 Fr.

Im Buch von Christof Widakovich steht auch, wie gratiniertes Rumpsteak zubereitet wird. Foto: PD

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