Verwaltungsrätin dringend gesucht

Beim Frauenanteil in den Verwaltungsräten hinkt die Schweiz anderen Industrie­ländern deutlich hinterher. Aktionärsvertreter und die Politik machen Druck.

Ein Umdenken findet statt: Aktionäre des Solarunternehmens Meyer und Burger bei einer Abstimmung. Foto: Peter Schneider (Keystone)

Ein Umdenken findet statt: Aktionäre des Solarunternehmens Meyer und Burger bei einer Abstimmung. Foto: Peter Schneider (Keystone)

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In diesen Tagen erhalten die Aktionäre des Handelskonzerns DKSH die Einladung zur Generalversammlung vom 22. März. Auf der Traktandenliste fällt auf: Der Versammlung werden zwei Frauen zur Wahl in den Verwaltungsrat vorgeschlagen. Bisher war das Gremium eine reine Männerregierung. Das Beispiel steht stellvertretend für ein Umdenken, das in den grösseren und mittleren börsenkotierten Unternehmen stattfindet.

Druck in Sachen Geschlechterfrage gibt es vermehrt von Aktionärsvertretern und Stimmrechtsberatern. Für Ethos, ISS und grosse Fondsgesellschaften wie Blackrock oder Vanguard sind nicht nur die Höhe der Vergütungen ein Beurteilungskriterium für das Stimmverhalten, auch der Frauenanteil im Verwaltungsrat steht im Blickpunkt. Die Schweiz hinkt hier nämlich trotz steigender Quote anderen Industrie­ländern wie Deutschland, Frankreich und Grossbritannien deutlich hinterher.

«37 Prozent aller Firmen im Aktien­index SPI haben keine Frau im Verwaltungsrat. Das ist nicht mehr standesgemäss und dagegen wehren wir uns», sagt Vincent Kaufmann, Direktor des Anlageberaters Ethos. Generell bei kleineren Firmen tue man sich mit der Frauenfrage schwer. «Es gibt aber auch mittelgrosse Unternehmen, die keine Frau im Verwaltungsrat haben – zum Beispiel der Textilkonzern Calida», wie Kaufmann erklärt.

Auch die Politik übt Druck auf die Wirtschaft aus, das Thema Geschlechterdiversität ernst zu nehmen. Justizministerin Simonetta Sommaruga will mit der Revision des Aktienrechts, eine Frauenquote von mindestens 30 Prozent für den Verwaltungsrat und 20 Prozent für die Geschäftsleitung erreichen. Der Bundesrat spricht dabei aber nicht von einer «fixen Quote» und «einer Pflicht» für die Unternehmen, sondern von «Richtwerten». Firmen, welche diese nicht erfüllen, müssen sich erklären. Sanktionen sind keine vorgesehen.

Bei der Ethos-Stiftung kann man mit dieser Regelung gut leben, wie Vincent Kaufmann sagt: «Wir begrüssen den Vorschlag des Bundesrats. Diese Praxis ermöglicht, dass die spezifische Situation jedes einzelnen Unternehmens berücksichtigt wird.»

Unternehmen reagieren

Während die Politik noch um die neue Regelung feilscht, tut sich in der Wirtschaft bereits einiges. Vor zehn Jahren betrug der Frauenanteil im Verwaltungsrat der 100 grössten Schweizer Unternehmen 8 Prozent, heute liegt der Anteil bei 18 Prozent. Der Anteil dürfte heuer steigen, denn weitere Unter­nehmen werden an der nächsten Generalversammlung wie der Handels­konzern DKSH eine oder mehrere Frauen zur Wahl vorschlagen. So zum Beispiel ABB, wo zwei Frauen nominiert sind.

Frauen mit Qualifikationen für ein Verwaltungsratsmandat werden von Unternehmen in der Schweiz hände­ringend gesucht, wie Headhunter Björn Johansson dieser Zeitung sagt. «Was wir derzeit erleben, ist ein Tsunami», sagt Johansson, der mit seiner Firma auf die Vermittlung von Kaderstellen für Managementfunktionen und Verwaltungsräte spezialisiert ist. «Mehr als die Hälfte unserer Kadervermittlung betrifft den Verwaltungsrat, und in über 80 Prozent der Fälle suchen wir im Auftrag unserer Kunden explizit eine Frau.»

Björn Johansson ist seit 1980 in der Branche tätig. «In den Gremien der Konzerne, die für die Auswahl von Kaderleuten verantwortlich sind, den sogenannten Nomination Committees, hat ein ­regelrechtes Umdenken stattgefunden», erklärt er. Bis zur Jahrtausendwende hätten Verwaltungsräte vor allem als Old-Men-Network funktioniert. «Mit der Enron-Pleite und der Dotcom-Krise hat das Umdenken begonnen», weiss ­Johansson. Die Bedeutung einer modernen Corporate Governance, sprich guter Unternehmensführung, mit geschlechterdurchmischten Teams sei gestiegen. «Zur gleichen Zeit ist Norwegen vor­geprescht und hat als erstes Land eine Frauenquote von 40 Prozent für den Verwaltungsrat von börsenkotierten Firmen eingeführt», sagt Johansson. Das sei eine Revolution gewesen.

In der Schweiz habe die Bankenkrise von 2007 und die Quotendiskussion durch die Politik viel verändert. 2009 hatten erst 47 Prozent der grössten Schweizer Unternehmen mindestens eine Frau im Verwaltungsrat, heute liegt der Wert bei 79 Prozent.

Arbeitgeber preschten vor

Für einen Schub in der Frauenfrage sorgte auch der Arbeitgeberverband. Dieser lancierte 2015 eine Initiative für mehr Frauen in den Verwaltungsräten. Mit der auf Kaderpositionen spezialisierten Personalberatung Guido Schilling AG und weiteren Partnern stellte der ­Verband eine Broschüre mit 400 Frauen zusammen – die Hälfte von ihnen hatte bereits ein Verwaltungsratsmandat, ­weitere 200 Frauen wurden mit ihren Qualifikationen als potenzielle Kandidatinnen vorgestellt.

Headhunter Guido Schilling ist überzeugt, dass die Initiative wirkt. «Ich beschäftige mich seit 15 Jahren mit der Geschlechterfrage und stelle ein klares Umdenken in den Chefetagen fest», sagt er. Mit dem Arbeitgeberverband sei man grosse Schweizer Firmen angegangen und habe auf die wachsende Bedeutung von Frauen in den Chefetagen hingewiesen. «In den meisten Unternehmen ist man sich heute bewusst, dass gemischte Teams besser arbeiten.» Schilling ist überzeugt: «Ob mit oder ohne gesetzliche Quote, die Diskussion wird in den nächsten Jahren erledigt sein.» Schweizer Firmen seien in Sachen Frauenanteil auf gutem Weg. «In den Verwaltungsräten ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis ein Frauenanteil von 30 Prozent erreicht wird», sagt er. In den Geschäftsleitungen sei es schwieriger. «Hier dauert es wohl noch etwas länger.»

Die Geschlechterdiskussion war in den letzten Monaten geprägt durch die #MeToo-Debatte. Hat das Thema auch einen Einfluss auf die Quotendiskussion in Unternehmen? «Die #MeToo-Debatte hat sicherlich auch ein Schlaglicht auf die vorherrschende Kultur am Arbeitsplatz geworfen», glaubt Guido Schilling. «Aber im Austausch mit Geschäftsleitungen und Verwaltungsräten ist mir der Hashtag nicht begegnet.»


Video: «Männer müssen aus dem Weg»

Was Frauen am WEF über den tiefen Frauenanteil sagen. (Video: Nicolas Fäs) (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.02.2018, 20:39 Uhr

Wunsch-Kandidatinnen

Asiatin, Finanz- und IT-Spezialistin

Laut den auf Kaderstellen spezialisierten Personalberatern besteht die grösste Herausforderung, die gesuchten Personen mit den verlangten Qualifikationen zu finden. Headhunter Björn Johansson sagt dazu: «Derzeit sind nicht einfach nur Frauen mit einer höheren Ausbildung und Führungserfahrung gesucht, am stärksten nachgefragt wird ein ganz spezielles Anforderungsprofil.» Die Frau sollte bereits bei einer Publikumsgesellschaft gearbeitet und Erfahrungen im Finanzbereich gesammelt haben, erklärt er. «Das qualifiziert sie für den begehrten Rechnungsprüfungsausschuss im Verwaltungsrat.» Weiter sollte sich eine Kandidatin im digitalen Geschäft auskennen und im Idealfall Asiatin sein, respektive über Erfahrungen in diesem Wachstumsmarkt verfügen.

Das Beispiel DKSH bestätigt diese Ausführungen. Der auf Asien spezialisierte Zürcher Vertriebs- und Dienstleistungskonzern verkauft immer mehr Marken übers Internet. Die designierte Verwaltungsrätin Eunice Zehnder-Lai besitzt neben dem Schweizer Pass auch jenen von Hongkong. Erfahrungen in der Finanzindustrie sammelte sie bei Banken – unter anderem in den USA und in Asien. (eme)

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