Zum Hauptinhalt springen

Vorteil für Aussenseiter Stan

Wieso Stan Wawrinka im Paris-Final Sandkönig Rafael Nadal schlagen kann, erklärt Simon Graf.

Dreimal standen sich Stan Wawrinka und Rafael Nadal bisher an Grand-Slam-Turnieren gegenüber, zweimal siegte Nadal. Den einzigen Final gewann 2014 in Australien der Schweizer. Fotos: Getty
Dreimal standen sich Stan Wawrinka und Rafael Nadal bisher an Grand-Slam-Turnieren gegenüber, zweimal siegte Nadal. Den einzigen Final gewann 2014 in Australien der Schweizer. Fotos: Getty

Stellen Sie sich vor, Sie ­haben bei einer Bergtour mit ­letzter Kraft ein Hochplateau ­erklommen. Sie sind erleichtert, aber ­total ­erschöpft. Und dann türmt sich vor Ihnen eine Steilwand auf, die sie noch hochklettern müssen. So dürfte sich Stan Wawrinka vorkommen vor seinem French-Open-Endspiel gegen ­Rafael ­Nadal. Furchtbar, nicht?

Nicht für Wawrinka. Er liebt diese Herausforderungen. So ­sagte er, als er am Freitag in ­seinen zweiten Final von Roland Garros eingezogen war: «Ich weiss, dass ich in diesen grossen Spielen nie nachgebe. Es ist, als ob sich alle Luken schliessen und mein ­Gehirn auf Autopilot schaltet. Das heisst nicht, dass ich nicht verlieren kann. Aber ich habe Vertrauen in mich und das, was ich tue.»

Bildstrecke: Die Pariser Finals mit Schweizer Beteiligung

Kein Happy End nach einem grossen Turnier: Gerade einmal 16 Jahre alt ist Martina Hingis, als sie in Roland Garros erstmals ins Endspiel stürmt. Unter anderem besiegt die topgesetzte Ostschweizerin Arantxa Sanchez Vicario und Monica Seles. Iva Majoli ist jedoch überraschend zu stark, Hingis verliert 4:6, 2:6. (7. Juni 1997)
Kein Happy End nach einem grossen Turnier: Gerade einmal 16 Jahre alt ist Martina Hingis, als sie in Roland Garros erstmals ins Endspiel stürmt. Unter anderem besiegt die topgesetzte Ostschweizerin Arantxa Sanchez Vicario und Monica Seles. Iva Majoli ist jedoch überraschend zu stark, Hingis verliert 4:6, 2:6. (7. Juni 1997)
Keystone
Pfiffe und bittere Tränen: Martina Hingis führt gegen Steffi Graf 6:4, 2:0, verliert dann aber den Faden und die Fassung. Sie legt sich mit der Schiedsrichterin an, erntet gellende Pfiffe der Zuschauer. Schliesslich verliert die damals 18-Jährige 6:4, 5:7, 2:6 und heult hemmungslos in den Armen ihrer Mutter Melanie Molitor. Sie erwägt sogar, die Siegerehrung zu boykottieren. (5. Juni 1999)
Pfiffe und bittere Tränen: Martina Hingis führt gegen Steffi Graf 6:4, 2:0, verliert dann aber den Faden und die Fassung. Sie legt sich mit der Schiedsrichterin an, erntet gellende Pfiffe der Zuschauer. Schliesslich verliert die damals 18-Jährige 6:4, 5:7, 2:6 und heult hemmungslos in den Armen ihrer Mutter Melanie Molitor. Sie erwägt sogar, die Siegerehrung zu boykottieren. (5. Juni 1999)
Keystone
Sternstunde als 30-Jähriger: Stan Wawrinka schlägt Novak Djokovic nach einer grandiosen Leistung 4:6, 6:4, 6:3, 6:4. «Das war die Partie meines Lebens. Ich zittere immer noch», sagt er später. Für Djokovic ist es nach vier Monaten und 28 Siegen in Serie die erste Niederlage. (7. Juni 2015)
Sternstunde als 30-Jähriger: Stan Wawrinka schlägt Novak Djokovic nach einer grandiosen Leistung 4:6, 6:4, 6:3, 6:4. «Das war die Partie meines Lebens. Ich zittere immer noch», sagt er später. Für Djokovic ist es nach vier Monaten und 28 Siegen in Serie die erste Niederlage. (7. Juni 2015)
Keystone
1 / 8

Dem Bauernsohn aus dem beschaulichen Saint-Barthélemy war das nicht immer gegeben. Er musste sich dieses Selbstvertrauen hart erarbeiten, sich bis 28 gedulden bis zu seinem ersten Majortitel am Australian Open 2014. Wobei gedulden wohl das falsche Wort ist. Denn er sagte nie, er wolle dereinst Grands Slams gewinnen. Das als Ziel zu definieren, wäre bei ihm auch lange vermessen gewesen.

Doch während die Altmeister Roger Federer und Nadal mit ihrer Unermüdlichkeit verblüffen, beeindruckt Wawrinka mit seiner Fähigkeit, sich auch in vergleichsweise hohem Alter – mit 32 ist er der ­älteste Paris-­Finalist seit 1973 – kontinuierlich ­weiterzuentwickeln.

Wawrinka – wie ein TGV

Der Romand ist seit seiner Grand-Slam-Premiere in Melbourne nochmals kompletter, taktisch und mental stärker geworden. Das führte ihn zuletzt zu einer eindrücklichen Konstanz auf den grössten Bühnen: Seit 2015 erreichte er an sieben von zehn Grand Slams den Halbfinal. Es passt, dass er für den TGV wirbt – ist er, wie ein Schnellzug, einmal in Fahrt geraten, ist er kaum mehr zu stoppen. Doch heute erwartet ihn die schwierigste Aufgabe im Tennis. Und eine der härtesten überhaupt im Sport: Nadal in ­dessen Reich zu schlagen.

Der Spanier hat in Roland ­Garros 78 von 80 Spielen und neun Titel gewonnen. Wie schwierig es gegen ihn in Paris ist, musste auch Federer immer wieder erfahren. 2005, 06, 07, 08 und 11 scheiterte er hier an seinem Erzrivalen – die letzten viermal im Final. Immerhin gewann er viermal einen Satz. Das schaffte in diesem Jahr noch keiner. Nach schwierigen Jahren mit einer Blinddarmoperation und Handgelenkverletzungen umgibt Nadal an der ­Seine wieder die ­frühere Aura der ­Unbesiegbarkeit. Man vergisst fast, dass seit ­seinem letzten Grand-Slam-Titel schon drei Jahre vergangen sind, er von ­vielen bereits abgeschrieben ­wurde. 2017 ist er nun endlich wieder beschwerdenfrei, ist seine Wucht früherer Tage zurück. Und die Wetterprognose für heute Sonntag dürfte ihm ein Lächeln aufs ­Gesicht zaubern. Es wird 29 Grad – die idealen Bedingungen für ihn, der es mag, wenn die Bälle möglichst hoch abspringen. Glaubt man den Wettanbietern, wird der Final eine klare Sache. Die durchschnittliche Quote für einen ­Nadal-Sieg liegt bei 1,25. Wer auf Wawrinka tippt und recht hat, ­erhält das Fünffache zurück.

Bildstrecke: Nacktbilder, Wutausbrüche und Millionen

Historische Errungenschaft: Eigentlich ist Wawrinka jetzt schon zweifacher Roland-Garros-Champion. 2003 gewann er nämlich die Juniorenkonkurrenz durch einen Finalerfolg über den Amerikaner Brian Baker. Ausser dem Waadtländer siegten nur Ivan Lendl und Mats Wilander als Nachwuchs- und Profispieler hier. (8. Juni 2003)
Historische Errungenschaft: Eigentlich ist Wawrinka jetzt schon zweifacher Roland-Garros-Champion. 2003 gewann er nämlich die Juniorenkonkurrenz durch einen Finalerfolg über den Amerikaner Brian Baker. Ausser dem Waadtländer siegten nur Ivan Lendl und Mats Wilander als Nachwuchs- und Profispieler hier. (8. Juni 2003)
Keystone
Schlechte Bilanz: Im direkten Vergleich mit seinem Finalgegner Rafael Nadal liegt Wawrinka 3:15 zurück. Unter anderem verlor er in den French-Open-Viertelfinals 2013 klar in drei Sätzen und liess – was immer wieder mal passiert – seinen Frust am Racket aus. Aber: Das letzte Grand-Slam-Duell entschied der Schweizer 2014 in vier Sätzen für sich - es war der Final von Melbourne. (5. Juni 2013)
Schlechte Bilanz: Im direkten Vergleich mit seinem Finalgegner Rafael Nadal liegt Wawrinka 3:15 zurück. Unter anderem verlor er in den French-Open-Viertelfinals 2013 klar in drei Sätzen und liess – was immer wieder mal passiert – seinen Frust am Racket aus. Aber: Das letzte Grand-Slam-Duell entschied der Schweizer 2014 in vier Sätzen für sich - es war der Final von Melbourne. (5. Juni 2013)
Keystone
Dickes Sparschwein: 29'378'107 Dollar hat Stan Wawrinka in seiner Karriere schon eingespielt, das aktuelle Turnier noch nicht eingerechnet. Gewinnt er den Final gegen Rafael Nadal, kassiert er weitere 2,1 Millionen Euro (über 2,35 Millionen Dollar.) Von Roger Federer ist er trotzdem noch meilenweit entfernt. Dessen Presigeldsumme steht bei 103'990'195 Dollar. (9. Juni 2017)
Dickes Sparschwein: 29'378'107 Dollar hat Stan Wawrinka in seiner Karriere schon eingespielt, das aktuelle Turnier noch nicht eingerechnet. Gewinnt er den Final gegen Rafael Nadal, kassiert er weitere 2,1 Millionen Euro (über 2,35 Millionen Dollar.) Von Roger Federer ist er trotzdem noch meilenweit entfernt. Dessen Presigeldsumme steht bei 103'990'195 Dollar. (9. Juni 2017)
Keystone
1 / 10

Alles spricht gegen den Romand. Auch, dass er einen viereinhalbstündigen Marathon gegen Andy Murray in den Beinen hat, derweil Nadal in den Final spazierte. Doch gerade diese Aussen­seiterrolle liebt Wawrinka. Mit ihr ­gewann er schon seine ersten drei Majorfinals, und wenn er so richtig leidet, wird er nur noch besser.

«Dann vergesse ich alles»

So sagte er im vergangenen September nach seinem US-Open-Sieg: «Wenn es mir wehtut in den Beinen, ich eine gewisse Schmerzgrenze überschritten habe, dann vergesse ich alles. Dann gibt es nur noch das Spiel, nichts anderes.»

Als er sich 2013 das Zitat von Samuel Beckett auf den Unterarm tätowieren liess, war das der Wendepunkt in seiner Karriere: ­«Immer versucht. Immer gescheitert. Egal. Versuch es wieder. Scheitere wieder. Scheitere besser.» Scheitere besser? Bei einem, der nach dem vierten Grand-Slam-Titel greift, passt das nicht mehr so richtig. Es müsste heissen: Leide besser!

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch