Nur die Axpo braucht den Beznau-Strom

Dass der Reaktor Beznau I wieder ans Netz gehen darf, freut eigentlich nur die Axpo. Für eine sichere Stromversorgung ist der umstrittene Altreaktor unnötig.

Das bald 50-jährige AKW Beznau soll weitere zehn Jahre Strom produzieren. Foto: Thomas Egli

Das bald 50-jährige AKW Beznau soll weitere zehn Jahre Strom produzieren. Foto: Thomas Egli

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Der Entscheid der Atomaufsicht Ensi, der Axpo das Wiederhochfahren ihres wegen Sicherheitsmängeln seit bald drei Jahren abgestellten Reaktors zu bewilligen, freut die Beznau-Betreiberin und ärgert AKW-Skeptiker und Umweltverbände. Sowohl das Ensi als auch die Axpo beteuern, dass für den umstrittenen Entscheid ganz allein eine positiv ausgefallene Sicherheitsüberprüfung ausschlaggebend war. Und tatsächlich darf man annehmen, dass die Axpo keinen direkten Druck auf die Atomkontrolleure ausgeübt hat. Das ist auch gar nicht nötig, denn diesen Druck gibt es objektiv: 2,5 Milliarden Franken hat die Axpo laut eigenen Angaben in die Sanierung ihres Altreaktors aus dem Jahr 1969 investiert, 350 Millionen hat sie der vom Ensi verordnete Stillstand von Beznau I bisher gekostet. Um ihren finanziellen Verbindlichkeiten nachkommen zu können, braucht sie dringend die Beznau-Einnahmen.

Die BKW waren schlauer

Das wissen auch die Ensi-Ingenieure und die zuständigen Bundesbehörden. Ökonomische Sachzwänge sind auch für alle Nicht-Atomtechniker viel einfacher verständlich als komplizierte Sicherheitsfragen und theoretische Risikoberechnungen. Für die Axpo geht es denn auch schlicht darum, mit dem teuer instand gehaltenen Reaktor noch möglichst lange möglichst viel Geld zu verdienen, um die sonst in den Sand gesetzten Milliarden wenigstens zum Teil wieder hereinzuholen. Anders als die BKW im Fall Mühleberg hat es die Axpo bei Beznau nach Fukushima verpasst, die Weichen Richtung Abschaltung zu stellen. Ob ihre Rechnung aufgeht, ist unklar. Ganz klar ist hingegen, dass ein abgestelltes AKW sicherer ist als ein 50-jähriger Meiler, der noch zehn weitere Jahre ausgepresst werden soll.

In Frankreich gibt es derzeit einen mit Beznau vergleichbaren Fall: Auch im Stahl des Reaktordruckbehälters des neuen, noch im Bau befindlichen AKW von Flamanville wurden Materialmängel festgestellt. Auch dort verordnete die Atomaufsicht deshalb Sicherheitsüberprüfungen. Hätte sie dabei festgestellt, dass die Mängel gravierend sind, wäre das Prestigeprojekt des bereits heute milliardenteuren und um Jahre verspäteten EPR-Reaktors endgültig gestorben, denn der mangelhafte Druckbehälter ist bereits eingebaut. Anders als das Ensi hat die französische Behörde der Betreiberin EDF aber keinen Persilschein ausgestellt, sondern verlangt, dass wenigstens der relativ einfach auszuwechselnde Deckel des Druckbehälters bereits 2024 ersetzt werden muss. Ein rein sicherheitstechnisch begründeter Entscheid war aber auch das nicht.

Das Gesetz den Möglichkeiten anpassen

Über das Zusammenspiel von AKW-Betreibern, Atomaufsicht und Behörden sagt die zweite aktuelle Auseinandersetzung um Beznau viel aus: Anfang Januar eröffnete der Bundesrat die Vernehmlassung zu einer umfangreichen Revision der Kernenergieverordnung. Darin schlägt er unter anderem vor, bei den Anforderungen an die Erdbebensicherheit die Bestimmungen punkto Strahlenschutz um den Faktor 100 abzuschwächen. Zu diesem Punkt ist eine Beschwerde von Umweltorganisationen gegen das Ensi vor dem Bundesverwaltungsgericht hängig. Das Ensi erlaube der Axpo zu Unrecht den Weiterbetrieb von Beznau, obwohl das Werk die geltenden Bestimmungen nicht erfülle, so der Vorwurf in der Einsprache.

Und was tut das zuständige Departement von Energieministerin Doris Leuthard? Es schlägt kurzerhand vor, die entsprechenden Anforderungen in der Verordnung ganz einfach so anzupassen, dass auch Beznau diese erfüllt. Die SP hat in der Sache letzte Woche eine Aufsichtsbeschwerde gegen das Departement eingereicht. Die Grünen ihrerseits wollen eine Beznau-­Abstell-Initiative lancieren.

Doris Leuthard wird in der heutigen Fragestunde im Nationalrat mehrere Fragen zu Beznau beantworten müssen. Sie wird zweifellos ihre Atombeamten verteidigen. Das Schwarzpeterspiel der Bundesinstanzen zum Abstellen der Schweizer AKW geht weiter. Und das offizielle Versprechen, diese bloss so lange weiterlaufen zu lassen, wie sie sicher sind, bleibt ein Papiertiger, der den Betreibern faktisch alle Freiheiten lässt.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.03.2018, 20:10 Uhr

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