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Ich bei den Simpsons

Seit Jahren übernimmt unsere Autorin Synchronrollen. Nun hatte sie eine bei den «Simpsons» – und war grausam nervös.

Maresa Sedlmeir im Aufnahmestudio. (Foto: Florian Peljak)
Maresa Sedlmeir im Aufnahmestudio. (Foto: Florian Peljak)

Christoph Jablonka ist ein grosser Mann mit riesigen Händen, der hinter dem Pult wild gestikuliert. Sein Blick klebt konzentriert am Bildschirm, so muss das im Synchronstudio auch sein, sonst kommt da keiner beim Sprechen hinterher. Jablonka – breite Schultern, Brille, braunes Haar – ist die deutsche Stimme von Homer Simpson – gelbe Haut, kaum Haar, stattlicher Bauch. Eine der erfolgreichsten Serienfiguren der Geschichte.

Jablonka spricht die Rolle erst seit dem Tod seines Vorgängers Norbert Gastell im Jahr 2015. Aber es gibt jemanden im Münchner Synchronstudio, für den die Situation an diesem Tag noch neuer ist. Und viel aufregender. Mich.

Genau hier, in der Film- und Fernseh-Synchron FFS, habe ich mit neun Jahren meine ersten Sätze als Synchronsprecherin eingesprochen. Und heute, 15 Jahre später, bin ich für eine kleine Rolle in der Kultserie «Die Simpsons» engagiert. Der bisweilen bitterböse-lustigen Serie über eine gelbe Familie aus Springfield und das Leben in den USA im Allgemeinen, die mich begleitet hat, seit ich überhaupt fernsehe. Ich habe die Prinzessin Lillifee im gleichnamigen Film gesprochen und eine kleine Rolle in der Serie «Game of Thrones» – aber für den Job bei den Simpsons betrete ich das Studio mit weichen Knien. Ist ja auch nicht irgendeine Serie.

Die Simpsons feiern dieses Jahr ihren dreissigsten Geburtstag. Am 17. Dezember 1989 lief die Serie zum ersten Mal auf dem US-Sender Fox, und wenn die angekündigte 31. und 32. Staffel gelaufen sein werden, hat die Show endgültig Geschichte geschrieben: Sie ist dann mit 713 Folgen die am längsten laufende Primetime-Serie der Geschichte. Ein Ende ist nicht in Sicht, mehr als sieben Millionen Menschen sehen die Folgen allein in den USA.

Bart, Marge, Homer, Maggie und Lisa: Die Familie Simpson.
Bart, Marge, Homer, Maggie und Lisa: Die Familie Simpson.

Die Sprecher der Originalstimmen sind Weltstars, die pro Folge mehrere Hunderttausend Dollar bekommen. Die deutschen Kollegen können von solchen Summen nur träumen: Sie verdienen nicht mal ein Prozent dessen, und das obwohl sie teils schon seit mehr als 30 Jahren den Figuren ihre Stimme leihen. Sabine Bohlmann, die Lisa Simpson spricht, erzählt mir, dass sie ihren Lebensunterhalt genau wie die deutschen Kollegen nie mit Lisas Rolle bestreiten könne. Sie schreibt Bücher, führt Synchronregie, entwickelt Bühnenkonzepte. Christoph Jablonka, dessen Stimme man vor allem aus der Werbung kennt, hat sich zum Casting für Homer Simpson vor vier Jahren akribisch vorbereitet. Als einziger der knapp dreissig Männer, die zum Casting kamen, habe er sich alte Folgen angeschaut und wieder und wieder geübt, um dem bisherigen deutschen Homer möglichst nahezukommen, sagt der Regisseur Matthias von Stegmann. Das Ergebnis: Jablonkas Stimme passe bis heute perfekt.

Als ich dran bin, bin ich noch nervös. Ich habe das schon tausendmal gemacht, aber das hier ist anders: Ich soll eine neue Freundin von Lisa sprechen, meiner absoluten Lieblingsfigur, der Tochter von Homer. Es dauert ein paar Sätze, bis sich mein Herzschlag beruhigt. Beim Sprechen ist dann nämlich gar nicht so viel anders als sonst, nur dass ich eben die Simpsons über den Bildschirm flimmern sehe, die ich schon als Kind im Fernsehen geschaut habe.

Die ersten zwei Staffeln liefen noch im ZDF, bis Prosieben die Serie kaufte. Das könnte sich bald noch einmal ändern: In den USA sind alle dreissig Staffeln beim neuen Streamingdienst Disney+ verfügbar. In Deutschland liegen die Rechte noch bei Prosieben, wo sie wochentags jeden Abend im Vorabendprogramm laufen. Diese Gedanken schiebe ich im Studio beiseite und konzentriere mich darauf, wie ich meine Stimme verstellen muss, wie ich den O-Ton, das englische Original, am besten auf Deutsch umsetzen kann.

Zum Synchronisieren werden Filme oder die Serien in Sequenzen aufgeteilt, in Takes. Die meisten Sprecher werden dann nach Takes bezahlt. Das können mal nur ein Laut oder ein Atmer sein, mal auch fünfzeilige Sätze mit gefühlt 57 Fremdwörtern.

Nancy Cartwright spricht die US-Version von Bart Simpson – und einige Nebenfiguren der Serie.

Zwischen dem Hören und der Aufnahme probe ich meine Texte schon mal, auf dem Bildschirm vor mir laufen jetzt zwei Balken zusammen. Wenn sie sich berühren, setze ich ein und spreche meinen Text. Den lese ich von dem Dialogbuch auf dem Pult ab. So arbeitet man sich Stück für Stück durch die Vorlage. In einer Stunde schafft man im Schnitt zwischen zwanzig und vierzig Takes, das hängt vom jeweiligen Projekt und der Rolle ab. Immer nach dem gleichen Schema: Take im Original anschauen, Text einprägen, einsprechen. Bestenfalls klappt das beim ersten Versuch, aber manchmal muss man aus diversen Gründen (zu unsauber! zu schnell! zu langsam! zu laut! zu leise!) den Take wiederholen. Und noch mal. Und noch mal. Mein Negativrekord liegt bei 39 Versuchen.

So viele braucht Christoph Jablonka als Homer Simpson im Studio für keinen einzigen Take. Wenn er merkt, dass etwas nicht passt, bricht er selbst ab und sagt, halb grinsend, halb mürrisch: «Fehler, ich.» Dann schmunzeln Regisseur Matthias von Stegmann und Tonmeister Daniel Daehne, die im Raum neben dem Tonstudio sitzen.

Durch ein grosses Fenster haben die beiden Blickkontakt mit den Sprechern im Studio und dem Cutter, der die Aufzeichnungen zusammenschneidet. Die Kommunikation funktioniert über einen Knopf – erst wenn der gedrückt ist, kann der Sprecher oder die Sprecherin auf der anderen Seite der Scheibe die Regie hören. Nach einem gelungenen Take drückt Stegmann den Knopf und singt «Daaaankeeee», dann geht es weiter zum nächsten Take. Matthias von Stegmann ist seit dreizehn Jahren für die deutsche Synchronfassung der Simpsons verantwortlich, er schreibt auch die Dialogbücher. Zwei bis drei Mal im Jahr gibt es Aufnahmeblöcke für die Simpsons, die die Firma Arena Synchron in Berlin verantwortet, die aber hauptsächlich in München aufgenommen werden. Mit Moderatorin Anke Engelke, die seit einigen Jahren Homers Frau Marge Simpson spricht, arbeitet Stegmann in Köln. Die Simpsons, das ist für ihn immer ein bisschen wie Nachhausekommen, sagt er. Wenn er keine Synchronregie macht, inszeniert er Opern, an Weihnachten zum Beispiel eine Kinderoper an der Wiener Staatsoper. Während Jablonka Homer Simpson einspricht, dreht sich Stegmann im Stuhl um und sagt: «Hättest mal an einem Tag kommen sollen, an dem ich arbeite, bei dem Kollegen hier muss man ja nichts machen.»

Meine Zeit im «Simpsons»-Universum endet nach einer halben Stunde am Mikrofon. Denn dann zieht Lisas Freundin weg aus Springfield. Endgültig, und auch ich habe Abschiedsschmerz.

«Die Simpsons», Prosieben, montags 21.15 Uhr.

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